14.08.1948

MusikTräumerei mit Ordensklingeln

Der Eingang zur Berliner Staatsoper war nur noch eine schmale Gasse, begrenzt von lebenden Mauern. Die Spekulanten der letzten Minute hofften auf überfällige Eintrittskarten. Sie hofften vergebens. Das Alexandrow-Ensemble wollte keiner versäumen.
Alle Jahre wieder bietet die Karlshorster SMA der Berliner Kultur-Speisekarte einen delikaten Leckerbissen: irgendein Gesangs- und Tanz-Ensemble aus dem unerschöpflichen Reservoir zwischen Ostsee und Pazifik. Die Gastspiele sind rar. Sie erinnern die Berliner daran, daß es wirklich eine Sowjetkultur gibt. Bei den sowjetischen Dutzendfilmen und den Theaterstücken mit aufgeschmierter Osttendenz vergißt man das leicht in einer Stadt, die zur Arena des ständigen kulturellen Wettbewerbs der vier Besatzungsmächte geworden ist.
Das Alexandrow-Ensemble, bestehend aus 275 Rotarmisten, reiste, von frenetischem Beifall begleitet, durch die Städte der Sowjetzone. Abschluß und Krönung sollte das Berliner Gastspiel sein. Es wurde ein internationales Ereignis.
Trotz des grimmigen Ringkampfes zwischen West und Ost auf der engen Plattform Berlin wagten sich viele englisch sprechende Musikkenner mitten in den Sowjetsektor. Sie kamen in Zivil und mit der S-Bahn. (Ihre Autos ließen sie in den Westsektoren. Beschlagnahme von US-Wagen ist neuer Lieblingssport der Sowjets.)
Die Bühne ein menschliches Amphitheater. Vorn drei Halbbögen Musikanten, Harmonikas vor der Brust oder die malerischen Balalaikas auf den in Reih und Glied übereinandergeschlagenen Knien, auch viel Blasinstrumente. Dahinter vier Reihen in statuenhafter Unbeweglichkeit aufgestellter Sänger. Alle in grünbraunen Russenblusen, weiten Hosen und Lederstiefeln, mit steifen Tellermützen.
Darüber war ein großes ausgeblichenes Banner gespannt. Denn das Ensemble der Sowjetarmee, im Jahre 1928 gegründet, wurde von Stalin mit dem Orden des Roten Banners prämiiert. Die besten Talente aus der ganzen Roten Armee wurden hier gesammelt und zu kultureller Höchstleistung trainiert. Es reiste, viel bewundert, durch die Länder. Auf der 1937-Weltausstellung in Paris erhielt es den Grand Prix. Die Alexandrow-Sänger brachten damals, wie heute, Musik mit Schulterriemen und Koppel.
Die Musik begeisterte. Das weite Rußland sang. Schwermütig dehnten sich endlose Steppen, eintönig rauschten breite Ströme, jauchzend klang das Erntelied.
Wie eine Orgel handhabt der schneeweiß uniformierte künstlerische Leiter Boris Alexandrow ("verdienter Künstler der RSFSR") seine vielköpfige Sängerschar. Wie eine Menschenorgel mit vielen Registern. Und er versteht darauf zu spielen. Jeder Ton, aus strenger Chordisziplin geboren, von fast unheimlicher Präzision.
Dazu ein Solisten-Team: vom tiefsten Kellerbaß des Fjedorow über den jungenhaft-sympathischen lyrischen Tenor Winogradows zur eunuchalen Stimme Kusnjezows.
Neben den aus der Seele geborenen Volksliedern gab es politisch gezeugte Zweckmusik. Mit geblasenem Fortissimo A. W. Alexandrows "Kantate auf Stalin", mit geschmetterter Dynamik die "Hymne der demokratischen Weltjugend".
Einbezogen ins Programm einige Komplimente für deutsche Ohren: Wagners Wartburgeinzug in russischer Sprache war eine Novität für Berlin. Robert Schumann mußte sich im Grabe umdrehen. Bei seiner "Piano-Träumerei" klingelten die acht bis neun blankglänzenden Orden an des Dirigenten breiter Brust bis zur zehnten Parkettreihe. Angeregt durch seine lebhafte Taktstockschwingerei.
Von vollmilch-verwandtem Vanille-Eis (6 D-Mark-Ost pro Muschelwaffel) gestärkt, nahm die Zustimmung des Publikums tumultuarische Lautstärke an. Trotz sibirischer Sommerhitze. Denn sämtliche Gänge des 2000-Personen-Theaters standen vollgepreßt von durchgebrochenen Kartenlosen.
Hingerissene Anteilnahme und unmittelbarer Jubel belohnten die Tänze. Mit urwüchsiger russischer Volkstanzmusik von Soldaten serviert. Meterhohe Drehsprünge, rasende Krakowiaks, temperamentgeladen und verwegen, mit unvorstellbarer Körperbeherrschung. Acht Russinnen, hübsch und so schlank, wie selten geschaut, assistierten mit heller Tanzlust.
Tollkühnes Finale: von etwa 20 Kosaken getanzt ein heißer Säbeltanz. Die blitzenden Waffen fuhren gegeneinander, daß die Funken hell aufstoben. Mit lebensmüden Sprüngen mitten in und durch die scharfen Säbel.
Ueber riesenhafte Blumenkörbe hinweg drückte ein etwa 40jähriger Mann mit slawischen Gesichtszügen dem Direktor die Hand: Professor Wolfgang Steinitz, Slavist an der Berliner Ost-Universität und Chef der Berliner Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion. Er mixte Politik in den Schlußbeifall.
Er sagte: "Die sowjetischen Künstler haben durch ihr Kommen gezeigt, daß sie die gewissenlose Hetze des Westens nicht mit der Berliner Bevölkerung identifizieren. Der überwältigende Besuch zeigt, daß Liebe und Achtung vor der Sowjetunion tief in der Berliner Bevölkerung verwurzelt sind und immer stärker werden."

DER SPIEGEL 33/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1948
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Musik:
Träumerei mit Ordensklingeln

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter