21.08.1948

KIRCHEEin wunderbares Schauspiel

In der Freitagnacht hatten Nonnen im Kölner Dom auf den Knien gelegen und im Scheinwerferlicht den Boden gewaschen. Die Bauleute hatten mit ihrer Arbeit erst einmal Schluß gemacht.
Die östliche Hälfte des Doms mit seinem ältesten, kostbarsten Teil, dem Chor und seinem Kapellenkranz, ist wiedererstanden. Eine Mauer trennt sie hinter dem Querschiff vom noch wüsten westlichen Teil der Kathedrale. 15 Jahre, rechnet man, wird es dauern, bis alle Schäden am Dom beseitigt sind.
Am Sonntag in aller Frühe hatten die Werkleute noch einiges an der Empore der neuen Orgel zu schaffen. Dann war der Dom zur Feier des 700-Jahr-Tages seiner Grundsteinlegung bereit.
Drinnen, auf dem Hochaltar, blühten zwischen den silbernen Geräten Gladiolen für das feierliche Pontifikalamt. Im Chor standen unter ihren Baldachinen die Thronsessel der Kardinäle, geschmückt mit den Wappen der ehrwürdigsten Herren.
Hinter den bunten Glasteppichen der hohen Scheiben glühte wunderbar farbig das Licht. Dombaumeister Schüchter hatte die geretteten mittelalterlichen Fenster, Zeugnisse einer verlorengegangenen frommen Kunst, wieder eingesetzt, zum zweitenmal in dreißig Jahren.
Draußen, am und vorm Gemäuer der Kathedrale, wehten Fahnen in den gelbweißen päpstlichen Farben. Riesige Tücher hingen an den Türmen und wirkten klein an der gewaltigen Masse des Steins.
Ringsum hatte Köln seine Trümmer mit Girlanden und seinen rotweißen Fahnen behängt. Die Stadt hatte allen vielleicht im Hinterhalt lauernden Vorwürfen wegen Stoffverschwendung den Wind aus den Segeln genommen. Die Fahnen seien nicht eigens für die Feier angefertigt, gab sie bekannt. Sie seien nur geliehen.
Das Metropolitankapitel rechnete mit 500000, die kommen würden. Es war kaum zu schätzen und unmöglich zu zählen, wie viele es dann wirklich waren. Dicht wie ein Zementblock ballten sich die Menschen am Dom zusammen. Sie standen in Erwartung der Reliquienprozession wie Mauern quer durch die Stadt. Die Kölner riskierten etwas, um die Schreine ihrer Heiligen zu sehen: Sie bestiegen die halsbrecherischen Ruinen schütterer Häuser, obwohl die Polizei es verboten hatte.
"25000 Menschen" meldete Associated Press, "mindestens 500000" dpd. Schutzleute hatten ganze Arme voll zu tun, wenn die Menschenwände vordrängten und zurückgedrückt werden mußten. Sanitäter hatten einigen Verbrauch an hilfreicher Güte und medizinischen Beruhigungsmitteln.
Tausende von Schützenbrüdern aus dem Erzbistum griffen der Polizei unter die Arme. Oder sie waren dekoratives Element: mit weißen Kragenschleifen, silberstrotzenden Epauletten und enormen Schützenorden, den Zweimaster mit Schwanengefieder à la Lohengrin auf dem Kopf, standen sie ernsthaft vorm Südportal des Doms Spalier, zivile Gardisten im seriösen Gehrock.
Rundfunk, Presse, Film hatten ihre Aufgebote entsandt und wurden vom Geistlichen Rektor Böner dirigiert, nicht ohne polizeilich drohende Rigorosität, wo es ihm angebracht schien. Man war sehr darauf bedacht, daß die stille Würde der Feier nicht gestört werde.
Der Lautsprecher am Südportal ermahnte gelegentlich die Menge, angemessene Ruhe zu halten. Die Menschen, die hier auf die Prozession warteten, sangen Choräle und beteten und hörten den Domchor singen. Wenn die hohen Stimmen von der Wand des Domes widerhallten, war es, als singe der dunkle Stein selbst.
Vor beinahe 70 Jahren sah der Dom eine annähernd so menschenreiche Feierlichkeit um sich. 1880 war der Bau nach Jahrhunderten beendet, der Schlußstein eingefügt worden. Damals entfaltete sich eher die weltliche als die kirchliche Macht. Der Kaiser war da, der Erzbischof nicht. Er war in Bismarcks Kulturkampf abgesetzt worden und lebte in der Verbannung.
Diesmal gab es nur die Kirche, die das ehrfürchtige Bild ihrer umspannenden Macht aufbot. Ihre Kundgebung griff über die von Menschen gezogenen Grenzen hinaus. Sie war eine Kundgebung des christlichen Abendlandes, die erste internationale Demonstration auf deutschem Boden drei Jahre nach Kriegsschluß.
Die universelle Art der Kölner Tage hatte sich gleich auf der "Akademischen Feier" gezeigt, die sie einleiteten. Hier sprach der niedersächsische Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, "für jeden Christen in Deutschland, der an jenem geistigen Erbe Anteil nimmt, das der gotische Dom am Rhein repräsentiert".
Der katholische Publizist Walter Dirks sagte: "Der deutsche Dom am Rhein muß ein europäischer Dom und darüber hinaus ein Dom für die Armen werden. Wir haben nur das Recht, Dome zu bauen, wenn wir zugleich alles daransetzen, Wohnhäuser zu errichten."
Kirchenfürsten aus 15 Ländern und allen fünf Erdteilen hatten den Legaten des Papstes empfangen, den Kardinal Clemente Micara. "Hochwürdigster Herr, das heilige Köln freut sich", hatte Kardinal Frings ihn begrüßt. Beide sind zu gleicher Zeit, Februar 1946, Kardinäle geworden.
Am Sonntag zeigte Köln seine Freude mit Händeklatschen und Fähnchenschwenken, als die Prozession mit den Heiligenschreinen in den Dom zog. Sie ging den historischen Weg, auf dem einst die Reliquien der Heiligen Drei Könige hergebracht worden waren. Vom Dom her schüttete die St.-Peters-Glocke ihr dröhnendes Geläut über die Stadt, die größte klingende Glocke der Welt.
Dombaumeister Willy Weyres schloß die neuen Domtüren auf. Der Dombaumeister trug das Band eines päpstlichen Ordens unter dem Kragen Der Schlüssel hatte die Größe eines Hirschfängers. Die Türen sind geschmückt mit den päpstlichen und bischöflichen Insignien und mit Symbolen in farbigem Glasmosaik.
Die Reliquienschreine fuhren auf grün und blumig verbrämten Lastkraftwagen am Südportal vor. Der neunte war der Dreikönigsschrein, geschmückt mit antiken Gemmen und Kameen, Edelsteinen, Email und Filigran. Die Männer, die ihn in den Dom trugen, hatten ihre Last mit der hochromanischen Kostbarkeit.
Sebastiansschützen, einer mit grüßend gesenktem Marschallstab, ritten an der Spitze der Prozession. Und dann: geistliche Herren in Talar und Rochett, Chormantel und Stola, Kreuz- und Laternenträger, Malteserritter und Ritter vom Heiligen Grab, päpstliche Nobel- und Schweizer-Garde.
Der hohen Geistlichkeit ging im vollen Ornat der weißhaarige Patriarch von Armenien voran. Aebte, Weihbischöfe, Bischöfe und Erzbischöfe schritten mit Mitra und Stab einher. In Purpur, die Schleppe der Cappa magna hinter sich, folgten die Kardinäle:
Kölns Erzbischof Frings, das Gesicht schmal und durchgeistigt, die Hände gefaltet; der von Westminster, Bernhard Griffin, der jüngste der Kardinäle, erst 49 Jahre alt; der von Paris, Suhard; der von Wien, Innitzer; und als ältester unter ihnen der 80jährige Kardinal-Erzbischof von München, Michael Faulhaber*).
Hinter ihnen der Kardinal-Legat, eine sehr italienische Erscheinung von selbstverständlicher Würde, mit vollem Gesicht, scharfgeprägtem Profil und aufmerksamen dunklen Augen. Der Kardinal hat eine lebhafte, würdig-anmutige Art, die segensgewohnte
Hand mit dem schweren Bischofsring zu heben.
Hinter seiner linken Seite hielt sich Principe Giuglio Pacelli, der Neffe des Papstes, Oberst der Nobelgarde, sehr elegant und markant in der schwarzen goldbestickten Uniform mit breitem Ordensband.
Zivil verschwand in dem Zug von Gold und Farben und Weihrauch. Unter den Herren der Behörden und der Politik waren Oberdirektor, Kölns Exbürgermeister, Präsident des Zentral-Dombau-Vereins, Dr. Pünder, mit rotgelber Ordensschärpe, die Ministerpräsidenten Arnold und Altmeier, der bayrische CSU-Vorsitzende Dr. Jos. Müller, die Minister Hundhammer und Christine Teusch, Jakob Kaiser und, noch ein ehemaliger Kölner Oberbürgermeister, Dr. Adenauer.
Die Pforten des Doms schlossen sich, das Pontifikalamt begann. Der Domprobst verlas das Handschreiben des Papstes, das Kardinal Micara zum Legaten bestimmt.
Die Kölner Zusammenkunft so vieler Bischöfe und Gläubigen wird darin "ein wunderbares Schauspiel" genannt - "da doch so viele Sorgen die Völker bedrücken, da zu den alten Streitigkeiten neue bedrohlich hinzukommen, da noch kein allgemeiner Friede geschlossen ist und dort, wo ein Uebereinkommen getroffen wurde, dasselbe so oft von Kreisen gestört wird, die, um mit Tacitus (Hist. 1, 21) zu reden, 'in ruhigen Verhältnissen nichts zu hoffen haben und darum auch bedacht sind, Unruhen zu stiften'."
Nach dem Tedeum trat Kardinal Micara mit allen hohen Geistlichen durch die Papstpforte wieder vor das Südportal und vollzog den Auftrag, den Papst Pius ihm mitgegeben hatte: "Und nach dem Pontificalamt wirst du mit Unserer Vollmacht die versammelten Gläubigen segnen." Hunderttausende sanken in die Knie.
Nachmittags war eine religiöse Kundgebung im Stadion. 100000 waren gekommen. Die hohe Geistlichkeit solle mit "Treu Heil!" begrüßt werden, sagte der Lautsprecher. Die 100000 gewöhnten sich allmählich daran.
Sieben hohe kirchliche Würdenträger sprachen, jeder in seiner Muttersprache, deutsch, englisch, französisch, italienisch. Kardinal Micara begann mühsam deutsch und ging dann in das Parlando des Italienischen über. Kölns Taschentücher flatterten, als er mit Kardinal Frings im Kraftwagen eine Rundfahrt durch das Stadion machte.
Abends empfing die Stadt. Auch Lord Pakenham war da; er hatte die Grüße der englischen Regierung überbracht. S. L. Solon, Sonderkorrespondent des Londoner "News Chronicle", vergaß in seinem Bericht nicht, daß es an diesem Abend 50 Gänse und Forelle blau gab.
Am Rheinufer stand, aus 200 Scheinwerfern mit Licht überschüttet, das 700jährige Geburtstagskind silbern in der Nacht, der Dom zu Köln, der steinerne Berg Gottes.
*) Der 74jährige Erzbischof von Mecheln (Belgien), Josef Ernst Kardinal van Roey, konnte an der Prozession nicht teilnehmen. Er erwartete auf seinem Sitz im Dom das Eintreffen der Prozession.

DER SPIEGEL 34/1948
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