21.08.1948

Der Weg ins Wasser

Kieloben treibt das Boot zu Lande. Das ist der traurige Schluß des Films "Nach dem Sturm". Seine letzten Aufnahmen wurden jetzt in Salzburg beendet. Gustav Ucicki hatte die künstlerische Direktion, der österreichische Filmregisseur, der vor einiger Zeit sagte, der allzu theatralische Stil der deutschen Filme müsse verschwinden*).
Produzent ist der mehrfache Kinobesitzer Wachtler aus Zürich. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, in seinen Theatern auch eigene Filme zu zeigen. Er gründete die Cordial-Film und sicherte sich eine noch unveröffentlichte Novelle von Carl Zuckmayer. Der Titel "Nach dem Sturm" blieb erhalten.
Zu dem ersten Teil des Filmes mußte Marte Harell sich Jungenkleidung, Windjacke, Hosen und Militärschuhe anziehen und eine Baskenmütze über den blonden Schopf ziehen. Sie spielt Barbara, ein österreichisches Mädchen, das den Nazismus über sich ergehen lassen muß und in dieser Verkleidung schließlich vor ihm flieht.
Sie kommt bis Salzburg, wo die Amerikaner eingezogen sind. Sie wird verdächtigt, verhaftet, aber freigelassen und wieder ein anmutiges Mädchen und Pianistin. Michael, ein amerikanischer Offizier, liebt sie und hilft ihr, als sie krank und elend ist. Im schönen Tessin finden sich beider Herzen.
Thomas, Barbaras Freund, den sie für tot hält, ein junger Komponist, kommt aus
der Gefangenschaft zurück. Er hat ihr ein Klavierkonzert mitgebracht, er schrieb es im Lager.
Barbara liebt Michael, aber sie weiß, daß Thomas zugrunde gehen würde, wenn sie sich von ihm trennt. Sie bringt das Opfer und nimmt Abschied von Michael. Aber als Thomas' Konzert aufgeführt wird, am Flügel Barbara, verläßt sie mitten im Spiel das Podium, flieht in die stürmische Nacht und fährt auf den tobenden See. In der Morgendämmerung sieht Thomas das leere Boot treiben.
Die Cordial-Film holte sich außer Marte Harell den Kanadier Nicholas Stuart als Michael vor die Kamera. Der Film wurde, auf Geschäft bedacht, in einer deutschen und einer englischen Fassung gedreht. In dem einen Fall mußte Stuart, der die deutsche Sprache nicht beherrscht, seine Rolle Wort für Wort ablesen. Er machte es sehr geschickt, man merkt nichts.
Der Produzent weiß noch nicht, wann er den Film herausbringen wird. Er nimmt sich mit der Uraufführung Zeit und will sie erst ansetzen, wenn das Wetter die Zürcher Kinofreunde in seine Theater treibt.
*) "Zuweilen bin ich ein wenig traurig, wenn Ich den Kinosaal verlasse", hatte Gustav Ucicki, der bis 1945 große Ufa-Filme inszenierte, noch gesagt. Die Basler Nationalzeitung schrieb dazu: "Er hat allen Grund, recht sehr traurig zu sein. Er ist nämlich der Regisseur des vielleicht niederträchtigsten Nazifilmes, der je gemacht worden ist: Heimkehr".

DER SPIEGEL 34/1948
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