11.09.1948

Mainz gebührt der Preis

Sechzigtausend Quadraimeter ist das Gelände des Mainzer Katholischen Jugendwerkes groß. Als Papst Pius XII. der betenden Menge und "dem ganzen deutschen Volke" den apostolischen Segen erteilte, knieten auf jedem Quadratmeter drei Gläubige. Zur Schlußkundgebung des 72. deutschen Katholikentages hatten sich weit mehr als doppelt soviel Menschen versammelt wie Mainz Einwohner hat.
Die deutschen Katholiken trafen sich seit 16 Jahren, seit dem 71. Katholikentag in Essen, das erstemal zu einer Generalversammlung, um zu den Fragen der Gegenwart Stellung zu nehmen. Gleichzeitig feierten sie die Erinnerung an den ersten Katholikentag überhaupt, der genau vor 100 Jahren auf Betreiben des Mainzer Domherrn Adam Franz Lennig in Mainz abgehalten wurde. Sechsmal erhoben seither in Mainz die katholischen Laien ihre Stimme zum Schutz ihrer Kirche.
Jetzt ist Mainz zerstört. Aber es sagte nicht nein, als es hieß, die Tradition der Katholikentage fortzuführen. 10000 Festplaketten machte in den letzten Wochen des August täglich ein Mainzer Stanzwerk fertig. Sie sollten in allen Diözesen Deutschlands zur Finanzierung der Mainzer Feierlichkeiten verkauft werden. 10000 Plakate mit dem Motto des Katholikentages: "Nicht klagen - handeln" wurden verschickt, um auf den Anschlagsäulen das Bild des Kölner Doms abzulösen.
Köln war eine festliche Versammlung der Kirchenfürsten mit dem äußeren Anlaß des Kölner Domjubiläums. Mainz war eine Arbeitstagung der geistigen Elite des deutschen Katholizismus, ohne äußeren Anlaß, aber mit dem Ziele, den Problemen des Alltags in sachlicher Arbeit auf den Leib zu rücken. Köln trug internationalen, Mainz nationalen Charakter.
Aber der Kölner Kirchenfürst Kardinal Frings, der dem Pomp abgeneigte Hausherr des Kölner Festes, sagte auf der Schlußversammlung in Mainz: "Drei Feste feierten die deutschen Katholiken in diesem Jahr. Das Jubiläum der Matthias-Basilika in Trier, das Jubiläum des Kölner Doms und jetzt den Mainzer Katholikentag. Mainz gebührt der Preis!" Nicht der Klang großer Namen, sondern die andächtige, unübersehbare Menge der Gläubigen auf dem idyllisch von Bäumen umgebenen Oval vom Festplatz des Katholischen Jugendwerkes ließen Mainz den Preis erringen.
In Mainz wurde auch eine Tonart angeschlagen, die der religiöse Sozialist Walter Dirks, mit Eugen Kogon Herausgeber der "Frankfurter Hefte", in Köln gegen die barocke Festorgel nicht zum Tragen gebracht hatte: Daß die Kirche nämlich eine Kirche der Armen sein müsse.
Der Bischof von Mainz, Albert Stohr, sagte es in seiner Sonntagspredigt allen Mainz-Pilgern und Rundfunkhörern: So siegesgewiß wie der große Mainzer Bischof Ketteler, der die soziale Frage ausschließlich durch die Kirche gelöst wissen wollte, könne man nun, 75 Jahre später, nicht mehr sein. Der Staat habe der Kirche in der sozialen Frage den Rang abgelaufen. Und der Jesuitenpater Ivo Zeiger von der vatikanischen Mission griff in öffentlichem Vortrag jene an, die neue politische Zielsetzung mit dem Wort "christlich" verbrämten.
Es schien dabei, als habe er weniger die christlichen Marxisten als die christlichen Kapitalisten im Auge. Ebenso mußte es die CDU Konrad Adenauers als eine Ohrfeige empfinden, wenn schlagwortmäßig festgelegt wurde, es dürfe nicht heißen: Alles für den Arbeiter, nichts mit dem Arbeiter, sondern: Alles mit dem Arbeiter für das ganze Volk.
Die Arbeiter hätten sich in der Diskussion nicht gemeldet, klagten die Priester beim päpstlichen Mittagessen. Das war kein Wunder, die Akademiker überwogen bei den rund 1000 Ausschußmitgliedern, und unter den Akademikern überwogen wiederum die Geistlichen. Es war keine rechte Laientagung.
Es waren auch wenig prominente Laien da, so wenige, daß Berlins Zeitungswissenschaftler Professor Dovifat die Festansprache hielt, die in früheren Tagen Minister und Kanzler des deutschen Reiches gehalten haben. Die waren ebenfalls nicht erschienen, Brüning nicht und auch Wirth nicht, der aus der Schweiz erst zugesagt hatte.
Die Oeffentlichkeit merkte wenig von den Ausschußsitzungen. Sie zog in den Dom zum morgendlichen Pontifikalamt oder lauschte Pater Zeiger, der gegen den Mißbrauch der Kirche durch die Politik zu Felde zog. Oder der Rede des aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Breslauer Professor Dr. Küchenhoff über das Schicksal der Heimatlosen. Oder dem greisen Altenburger Prälaten Ludwig Wolker, der die Jugend aus ihrer Lethargie wach zu rufen versuchte. Oder auch dem Landtagspräsidenten und Ex-Arbeitersekretär Josef Gockeln, der erklärte: "Wenn die Vertreter der Nationen glauben, recht zu haben, so müssen wir als Christen es erstreben, recht zu tun".
Am Sonntag, dem festlichen Schluß- und Höhepunkt, drohten erst dunkle Wolken. Trotzdem mußte die General-Patch-Notbrücke über den Rhein, die noch Wochen vorher die Bewohner des links- und rechtsrheinischen Mainz zonal voneinder trennte, schon frühmorgens gesperrt werden. Soviel Menschen stauten sich zu Fuß, auf Fahrrädern, Lastwagen, Fuhrwerken und in Omnibussen. Auf dem Hauptbahnhof luden 37 Sonderzüge aus Württemberg, von der Mosel und aus dem Ruhrgebiet an die 60000 Gäste ab. Alle zehn Minuten rollte ein neuer Zug in die Halle.
Als der apostolische Visitator Bischof Aloys Münch um 9 Uhr auf dem Festplatz die Pontifikalmesse zelebrierte, umsäumten schon über 100000 Katholiken den Altar mit dem hochragenden hölzernen Kreuz. Nicht weniger waren es bei der anschließenden Jugendkundgebung. Und am Nachmittag drängte sich die Menge bis hoch zum Altar hinauf soweit, daß weder Gouverneur Henry Guerin, der Vertreter General Königs, noch der rhein-pfälzische Ministerpräsident Altmaier, noch der Präsident des Zentralkomitees Fürst Aloys zu Löwenstein, noch der Prinz von Sachsen, noch die Presseleute etwas sehen konnten.
Etwas besser waren die kirchlichen Würdenträger drüben auf der linken Seite des Altars daran: Kardinal Frings, Bischof Raible von Westaustralien, Bischof Vancanz aus Riga, Bischof Münch, der Erzbischof von Paderborn, die Bischöfe oder Weihbischöfe fast aller deutschen Diözesen.
Als der Lautsprecher die Rede des Papstes ankündigte, lag Stille über der Stadt. Tot lagen die Straßen da. In der Aula der Universität, im Dom, in der Stephanskirche, in der Bonifatiuskirche und an den Radios zu Hause saßen Millionen und lauschten dem Geläut der Glocken von St. Peter.
"Wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, wird auch die Zukunft von Euch den Einsatz verlangen für die Freiheit der Kirche, für ihre und der Eltern Rechte auf das Kind, seine Erziehung und seine Schule", sagte der Papst, der als apostolischer Nuntius achtmal auf Katholikentagen gesprochen hat. Er sprach deutsch. Es war das erstemal in der Geschichte, daß ein Papst in deutscher Sprache zum deutschen Volke sprach.
Daß Christen in Mainz gewesen waren, vermerkte am nächsten Tage der Polizeibericht. Ueber 200000 Menschen hatte die Stadt an diesem Tage zu Gast gehabt. Doch kein einziger Diebstahl wurde gemeldet, kein Verkehrsunfall und niemand hatte die Ruhe des anderen gestört.
Abends hatten die Bundesbrüder der Katholischen Studenten-Verbindung Wiedersehen gefeiert Bei den KVern erzählte Osnabrücks Bischof Berning, wie er auf dem Katholikentag 1896 chargiert habe. "Damals war mein lieber Konfrater Dierichs noch nicht auf der Welt". Der Bischof von Limburg, der aus seiner Pfarrei Eltville ohne Umwege ins bischöfliche Palais umgezogen ist, protestierte: Er war damals schon zwei Jahre alt. Berning: "Aber Du hättest noch nicht einmal als Fuchs aufgenommen werden können. Jetzt wollen wir sehen, ob Dierichs noch einen Salamander reiben kann." Er konnte.

So einfach geht das nicht
sagten in Wiesbaden US-amerikanische Experten zu Karl-Heinz Ronke, dem Veranstalter, der Deutschlands Schönheitskönigin krönen will (siehe "Spiegel" Nr. 35: "Die Schönste im ganzen Land"). Ronke hatte die New Look-bekleideten Wiesbadenerinnen bei der ersten Konkurrenz nur einmal die Beine entblößen und tief einatmen lassen und dazu die Schönheitspunkte etwas grob berechnet. So gab es in Wiesbaden noch eine "Herausforderung um den Titel der schönsten Wiesbadenerin" im Bade- oder Strandanzug, dem internationalen Konkurrenz-Kostüm, mit weniger Stoff, aber auch weniger Schönheiten. Isabella Amstutz, die Siegerin der ersten Konkurrenz (s. Bilder), behauptete sich trotz des Hölderlin-Bandes, den sie diesmal auf ihrem Kopf über das Parkett tragen mußte, trotz der Liebesschwüre und Haßausbrüche, die sie nachsprechen mußte, und trotz der letzten Pariser Masse, mit denen Ronke jetzt durch Deutschland reisen will: bei 1,70 m Körpergröße Hals 28, Brust 98, Taille 58, Oberhüfte 78, Unterhüfte 93, Waden 29, Fesseln 19, Handgelenk 13, Lippenbreite 5,6 und Höhe der Unterlippe 1,4 cm. In jeder Stadt fällt jetzt die Entscheidung über die Teilnahme am Endkampf um die "Miß-Germany"-Schärpe erst einige Tage nach der Wahl der örtlichen "Miß" in einem kleinen Lokal bei internationalem Konkurrenz-Kostüm.

DER SPIEGEL 37/1948
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