28.08.1948

Eine Million ist nichts

Wollen Sie behaupten, daß es ein politisches Bekenntnis war, als Ihre Tochter den Erzbischof von Köln heiratete?" Der alte Mann auf der Tischseite dem öffentlichen Kläger gegenüber lacht laut über diesen Lapsus seines Gegners.
Fritz Thyssen hat wieder gut lachen. "Wenn alles nach Fug und Recht zugeht, muß der Mann entlastet werden", sagt Rechtsanwalt Ferdinand de la Fontaine. Er hilft dem ehemals millionenschweren Herrn der Vereinigten Stahlwerke im kleinen Kaffeesaal des Königsteiner Parkhotels durch die Denazifizierung.
Der 74jährige Stahlkönig aus Mülheim an der Ruhr, der jeden Tag im gleichen verschossenen alten Anzug vor seinen Reinigern sitzt, versteht das ganze Verfahren nicht so richtig. "Die Nazis selbst haben mich doch schon entnazifiziert."
Dichte Nacht lag über Bad Gastein, als Thyssen am 1. September 1939 seinen alten Chauffeur in die Hotelzimmer-Flucht rufen ließ: "Machen Sie alles fertig für eine längere Fahrt in Richtung Groß-Glockner." Unterwegs berichtete die Sekretärin, das Telegramm sei aufgegeben, in dem Thyssen dem Führer die Verständigung mit England empfahl.
In den Abendnachrichten berichtete dann BBC in seiner deutschen Sendung von der Flucht des schwerindustriellen Hitler-Paladins. Später konnte ihn die Schweizer Sicherheitspolizei in Lugano gerade noch vor einem Attentat auf sein Hotel retten.
"Heydrich" stand unter dem Dokument vom 7. Januar 1940, mit dem Dr. h. c. Fritz Thyssen aus der Partei und der Reichstagsfraktion der NSDAP ausgeschlossen wurde.
Begonnen hatte seine nationalsozialistische Periode 1923, als er im Oktober mit Ludendorff und Hindenburg in München zusammentraf und bei der Gelegenheit auch "Herrn Hitler" kennenlernte. "Er war sehr bescheiden".
Damals bekam Ludendorff einen Wechsel über 100000 Mark "für den Zusammenschluß der nationalen Kampfverbände". Mit deren und der Reichswehr Hilfe wollte Thyssen den passiven Widerstand an der Ruhr in einen aktiven verwandeln.
Noch elfmal sprach der hundertfache Millionär Thyssen in den folgenden sechzehn Jahren mit dem Führer. Von 1930 an verfing er sich immer tiefer im politischen System des Mannes, dessen "hypnotischen Blick" er noch nicht vergessen hat.
Fast eine Million floß über Thyssen den immer mit dem Bankrott kämpfenden Nationalsozialisten zu. Göring bekam allein 150000 Mark. 50000 davon schon bei seinem ersten Besuch, damit er eine "bessere Figur" machen könne.
Die Montanherren der Ruhr, die Krupp, Reusch, Vögeler, Pönsgen, in der "Ruhrlade"*) locker zusammengeschlossen, sahen dem Treiben Thyssens mißtrauisch zu. Nur Kirdorf, dessen Villa in der Nähe des Thyssenbesitzes Speldorferwald bei Mülheim lag, hatte Verständnis.
1931 gab es einen schweren Krach in der Lade, als man bemerkte, Thyssen habe aus der Kasse des Arbeitgeberverbandes 100000 Mark abgezweigt. Er wollte damit die wirtschaftspolitischen Ideen des späteren Reichswirtschaftsministers Funk flottmachen.
Politische Bestechungen dieser Art waren allerdings damals auch bei den Beschwerdeführern Tagesbrauch. "Das gehörte zur Psychologie der deutschen Unternehmer", sagte im Thyssen-Verfahren Dr. Max Schlenker, damals Geschäftsführer des schwerindustriellen "Langnam-Vereins", "daß sie sich so wie gegen Feuer und Einbruch auch gegen die Parteien versichern wollten. Darum bezahlten sie ihre politischen Feuerversicherungen und unterstützten alle Richtungen".
Thyssen sagt: "Ich habe zu Zeiten Eberts auch die Sozialdemokraten unterstützt". Reichstagssitze gaben damals alle Parteien für Beträge um 60000 Mark an Leute ab, die dem Spender genehm waren.
Mit einer Million bezahlte Thyssen seinen NSDAP-Fraktionssitz viel zu hoch. Hitler selbst hatte den Sitz offeriert, obwohl Fritz Thyssen noch gar nicht in der Partei war.
Eine Million war für den märchenhaft reichen Mann, der allein bei den Vereinigten Stahlwerken 206 Millionen investiert hatte, kein Geld. Es ging ihm um die politische Fundierung seines wirtschaftlichen Programms: Wiederbelebung der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und Möglichkeiten für weltweites Disponieren. Für Fritz Thyssen war Adolf Hitler das Vehikel zur Prosperität.
Konsequent stellte er seinen 600 rheinisch-westfälischen Schlotbaronen am 17. Januar 1932 im Düsseldorfer Industrieclub den neuen Mann vor. Der machte allerdings keine gute Figur vor den Augen der rechnenden Industrie, die im überheizten Raum mit dem Schlaf kämpfte. "Heil, mein Führer" schloß Thyssen Hitlers rüstungsprogrammatische Rede.
Zwei Jahre später dämmerte es bei Fritz Thyssen. Immer seltener wurden die Besuche der nationalsozialistischen Prominenz in Speldorf, wo prinzipiell mit "Glück auf" gegrüßt wurde.
1936 traute der Erzbischof von Köln die Thyssen-Tochter mit dem ungarischen Schweinegrafen Zichy, und der fromme Katholik Thyssen, der jeden Sonntag in die Kirche geht, stiftete eine Kapelle.
Mit seiner Flucht aus Deutschland distanzierte er sich, wie er damals glaubte, rechtzeitig von seinen Bindungen an die Männer, denen er selbst in den Sattel geholfen hatte.
"You want to help to distroy Hitler or not?" fragte ihn in Monte Carlo Emmery Reves. "I definitly do", antwortete Thyssen, der aus der Schweiz eigentlich zu seiner Tochter nach Argentinien gewollt hatte, dann aber durch eine tödliche Krankheit seiner Mutter in Europa festgehalten worden war. In fünf Unterredungen planten Reves und Thyssen den Grundriß zu dem Buch "I paid Hitler", das heute als schwerwiegendes Beweisstück in der Hand des öffentlichen Klägers ist.
Thyssen selbst, der nie Honorar für den best-seller bekam oder gefordert hat, sagt: "Das Buch ist praktisch nicht von mir und in großen Partien unwahr". Er habe nur die ersten zehn Seiten korrigiert.
Im Januar 1941 lieferte die Vichyregierung den Flüchtling an Deutschland aus, und er kam bis 1945 hinter KZ-Draht. Amerikanische Soldaten holten ihn schließlich aus dem Tiroler Dorf, in dem er mit Schacht, Pünder und anderen Prominenten festgehalten wurde.
Sein damaliger Optimismus war voreilig. Trotz Buch und Flucht sperrten die Amerikaner den Drahtzieher, der sie selbst hinter seine Kulissen hatte sehen lassen, abermals hinter Stacheldraht. Sein riesiger Montanbesitz ist, wie die ganze Ruhr, beschlagnahmt. Und daß die alten Industriekapitäne nicht wieder auf die Kommandobrücke sollen, sagt sogar die CDU.
Für Nürnberg reichte es nicht. Aber zwei volle Jahre blieb Thyssen interniert, bis man ihn wieder entließ.
"Heute stehe ich mich mit den Amerikanern eigentlich ganz gut", sagt der senile Mann mit dem stark geäderten Gesicht. Senator Burton K. Wheeler war Anfang Juni aus den Staaten nach Deutschland gekommen, um Fritz Thyssen aus seinen Denazifizierungsschwierigkeiten zu helfen.
OMGUS Berlin hatte schon einem Exitpermit nach Belgien, von wo der Staatenlose nach Argentinien weiter wollte, sein o.k. gegeben, als die Spruchkammer intervenierte.
"Das Ganze ist doch nur eine Formsache", lächelt Thyssen. Und der Ankläger sagt: "Ich plädiere nicht auf entlastet. Das kann ich nach dem Gesetz auch gar nicht".
Von "Hauptschuldiger", wie es zu Beginn der Verhandlung geheißen hatte, spricht niemand mehr.
*) Logenähnliche Gesellschaft westdeutscher Schwerindustrieller, die jedoch auch Gelder für gemeinsame Interessen aufbrachte. Der Name bedeutet einen Anklang an die biblische Bundeslade.

DER SPIEGEL 35/1948
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Eine Million ist nichts

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