09.10.1948

Hohlspiegel

ERSTAUNTE BOXSPORTFREUNDE lasen im Bremer "Weser-Kurier" folgenden Bericht: "Im Mittelgewicht konnte Kahnwald (VSK) Gauleiter Brinkmann (Bremerhaven) nach hartem Kampf ein Unentschieden abtrotzen." - Gaumeister Brinkmann gefiel die druckfehlerhafte Titulierung nicht, er möchte sich nicht in die Gruppe der Hauptschuldigen einstufen lassen.
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IN FRANKFURT AM MAIN nahm sich ein 65jähriger Mann das Leben, indem er die Main-Ufertreppe hinunterstieg und in den Fluß lief. Er blieb erst stehen, als ihm das Wasser über den Kopf stieg. Am nächsten Morgen fanden Passanten den Toten stehend im Main. Nur der Hut ragte aus dem Wasser. Die Uhr des Toten stand auf ½1 Uhr. Die Hände waren gefaltet. Die Polizei nimmt an, daß sich in dem Kleppermantel des Toten die Luft gespeichert hatte und er daher trotz des eingetretenen Todes aufrecht stehenblieb.
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ELF BERUFSSCHÜLER durften in einer Kleinstadt an der Niederelbe ungestraft ihre Lehrer schlagen. Um nämlich die notleidenden Berliner Schüler mit einer größeren DM-Spende zu beglücken, bekämpften die Schüler ihre Lehrer in einem Fußballspiel. Die Lehrer verloren das Spiel 10:1. Das Ergebnis, die DM-Spende, war dreistellig.
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IM VORZIMMER des Krefelder Stadtkämmerers Dr. Walpurger klingelte das Telephon. "Ach schicken Sie mir doch bitte so einen Kämmerer vorbei," zwitscherte eine Damenstimme. "Ich habe nämlich Ungeziefer in meiner Wohnung." Erst nach längerer Unterhaltung ließ sich die Dame überzeugen, daß Kämmerer und Kammerjäger nicht dasselbe sind.
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DIE RHEINBAHNGESELLSCHAFT Düsseldorf hat die Reichsbahn an Bequemlichkeit überboten und im Preis unterboten. Sie läßt jetzt im Schnellverkehr einen hypermodernen Omnibus nach Aachen laufen. Auf der zweistündigen Fahrt werden den Gästen zu Radiomusik Getränke und Speisen gereicht.
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SCHLAGEN UND STOSSEN kann man "Puncho", den boxenden Clown, er kommt immer wieder auf die Beine. Er ist ein neues amerikanisches Spielzeug, wird aufgeblasen und unten mit Sand gefüllt. Außerdem ist "Puncho" ein guter Trainingspartner für Fußballspieler.
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ÜBER 2000 TAGE ist ein Mann in Cincinnati schon ohne Bewußtsein. Der Körper des Dauerschläfers fühlt sich dabei aber sichtlich wohl, obgleich er künstlich - durch die Nase - ernährt wird. Die behandelnden Aerzte halten die fünfeinhalb bewußtlosen Jahre für einen Rekord, glauben sogar, daß der Patient es noch viel weiter im Schlafen bringen wird. Vor der bewußtlosen Zeit fiel dem Mann ein harter Gegenstand auf den Kopf. Bei der Beseitigung eines Blutgerinsels im Kopf wurden einige Gehirnzellen zerstört. Seitdem schläft der Patient, schlägt bisweilen die Augen auf, reagiert aber auf keine noch so freundliche Anrede.
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DAS EHEPAAR GEHRKE im amerikanischen Staat Wisconsin hat sich, wie alljährlich im Oktober, zum Winterschlaf begeben. Bis zum 15. April verlassen die Gehrkes niemals das Bett, nehmen nur wenig Nahrung zu sich und werden von einer Tochter gepflegt.
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DAS FRANKFURTER WOHNUNGSAMT beschlagnahmte die 3-Zimmer-Wohnung eines Kaufmanns, ohne ihm Ersatzräume zuzuweisen. Der Kaufmann klagte beim Verwaltungsgericht in Wiesbaden. Erfolg: Die Verfügung wurde aufgehoben. Begründung: Eine solche Obdachlosmachung gehe weit über die Grenzen eines Wohnungsamtes hinaus. Die Behörde habe einem Mann zugemutet, sich in einer stark zerstörten Stadt eine Wohnung zu suchen, ohne ihm dabei zu helfen. Das sei eine rechtlich und tatsächlich unmögliche Anordnung.
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AUF DER LONDONER KONFERENZ über Kolonialprobleme forderte ein afrikanischer Stammesfürst die Rückgabe seines großväterlichen Schädels aus einem ihm unbekannten deutschen Museum. Im Versailler Vertrag versprachen die Deutschen die Rückgabe, die allerdings nie erfolgte. Das britische Kolonialministerium befahl die Durchsuchung deutscher Museen.
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EIN SEHR KLAPPRIGES AUTO entlockte dem 16jährigen Börge Thellufsen aus Pandrup, Nordjütland, ein mitleidiges Lächeln. Der Fahrer, Hofbesitzer Lars Jensen, war über das Lächeln so wütend, daß er den Bürgersteig ansteuerte und den Lachenden überfuhr. "Ich lasse es mir nicht gefallen, daß jemand sich über meinen Wagen lustig macht", erklärte der beleidigte Bauer der Polizei. Trotzdem folgt ein gerichtliches Nachspiel.
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BIS VOR DIE TÜR der Feuerwehr von Lanceshire (USA) fuhr der Straßenbahnführer J. Mac Dermott seinen in Brand geratenen Straßenbahnwagen. Dort konnte der Wagen gelöscht werden, ohne daß die Feuerwehr wie üblich ausrücken mußte.
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EINE VERWALTUNGSGEBÜHR in eigener Regie erhob der Kassierer der Auracher Darlehnskasse bei der Auszahlung der Restkopfquoten. Statt 20 DM pro Kopf zahlte er nur 18 DM aus, bis man dem Kassierer auf die Spur kam.
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ÜBER 10000 DM wurden für einen Eichenstamm geboten, als die hessische Forstverwaltung kürzlich in Darmstadt Nutzholz versteigerte. Bei einigen Eichenstämmen wurden sogar 2500 DM für einen Festmeter gezahlt.
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DER BEISITZER einer Spruchkammer im Regierungsbezirk Stade, Herr Schlichting, der sein Amt schon länger als ein Jahr ausübt, war sehr erstaunt, als er jetzt die Aufforderung bekam, 20 DM "Sühnegebühren" für seine eigene Entnazifizierung zu zahlen.
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STRENGES BOXTRAINING hat die 18jährige, 90pfündige Barbara Buttrich aus Cottingham, England, neben ihrer Sekretärinnen-Tätigkeit begonnen. Nach ihrer Boxausbildung will sie einen Boxclub für Frauen eröffnen.
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EIN BÄCKERMEISTER auf der Insel Alsen wurde von den dänischen Preisüberwachungsbehörden zur Verantwortung gezogen. Er hatte seine Kuchen zu billig verkauft. Die behördlich geforderte Geldstrafe wollte das Gericht in Sonderburg jedoch nicht verhängen. Es meinte, daß mildernde Umstände vorlägen.
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DIE LEICHE des 72jährigen Flüchtlings Karl Hübscher, der im Krankenhaus Neustadt an der Aisch verstarb, wurde entgegen dem Wunsch der Angehörigen auf einem 30 Kilometer entfernten Dorffriedhof beigesetzt. Die Ueberführung sei aus Raummangel auf dem Neustädter Friedhof notwendig gewesen, erklärte die Friedhofsverwaltung. Der Raum reiche nicht einmal für Einheimische aus.
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IN MUNCIE, Indiana, fuhr die 32jährige Rachel Potter mit ihrem Auto gegen einen Güterzug. Sechs Waggons entgleisten, das Auto ging in Trümmer, Mrs. Potter kam unverletzt davon.
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BESTÜRZT erschien Bill Krauson aus dem amerikanischen Scheidungsparadies Reno bei seinem Rechtsanwalt. Er wollte wissen, wie hoch die Strafe sei, wenn er seine Frau verprügele. Eiligst zahlte er die angegebene Strafe von 50 Dollar im voraus und machte sich auf den Nachhauseweg.

DER SPIEGEL 41/1948
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