09.10.1948

Preisringen

Auf der Frankfurter Matte spielt Westdeutschlands Champion Erhard noch immer den starken Mann. Bisher haben ihn alle Ueberwurf-Griffe von links und rechts nicht auf die Schulter zwingen können. Trotzdem mehren sich die Pfui-Rufe, mit denen sein wirtschaftlicher Freistil von den Zuschauern quittiert wird.
Nur um acht Stimmen war der Rechte-Flügel-Ruf nach höheren Fleisch- und Getreidepreisen im Frankfurter Wirtschaftsrat lauter als die durch Sozialisten und Kommunisten vertretene Stimme des konsumierenden Volkes. (Der Getreidepreis steigt danach um 20 Prozent, die Fleischpreise steigen von 26 Prozent bei Rindfleisch bis 38 Prozent bei Schweinefleisch).
Das Zweimächtekontrollamt hat schon genehmigt. Ab Montag gelten die erhöhten Preise. Für früher abgeliefertes Fleisch und Getreide bekommen die Bauern die Differenz zwischen alten und neuen Preisen nachgezahlt. Säumige Agronomen sollen keine Vorteile haben.
Erhards Antrag auf Erhöhung der Eisenpreise um durchschnittlich 19 D-Mark pro Tonne, sowie der Gas- und Strompreise um 6 Pfennig pro Kubikmeter wurde von den Frankfurtern in seltener Eintracht abgelehnt. Auch von den Regierungsparteien.
Westdeutschlands Eisenindustrielle protestieren dagegen, daß in Frankfurt derart wichtige wirtschaftliche Entscheidungen "unter rein politischen Gesichtspunkten" verhandelt werden. Die JEIA erklärte sich bereit, der westdeutschen Eisenindustrie die Auslandserze noch zu den überholten billigen Preisen auszuliefern. Den Eisenmännern ist das nur ein schwacher Trost.
Die Dinkelbach-umplätscherten Eisenwerke sind schon seit Monaten nur durch Kreditzuschüsse lebensfähig. Etwa 100000 D-Mark gehen angeblich pro Monat an jedes entflochtene Werk. "Wenn die Betriebe ohne Preiserhöhung nicht über Wasser gehalten werden können, ist das System der Dekartellisierung änderungsbedürftig", kombiniert der industrielle CDU-Flügel. "Die Vertreter der Industrie wollen den Zusammenbruch der Werke herbeiführen, um dadurch gegen die Dekartellisierung zu protestieren und die Daseinsberechtigung der Kartelle nachzuweisen", kombinieren SPD- und Gewerkschaftsvertreter.
Ausgenommen den preisgebundenen Agrarsektor gehen Erhards Preisspiegel-Fechtereien weiter. Nach der Gruppe Hausrat werden jetzt für die Möbelindutrie Preisrichtsätze ausgearbeitet. Mit der Fleisch- und Getreide-Verteuerung wird die Preisschere zwischen Industrie und Landwirtschaft um 1,4 Milliarden DM Jahresmehrertrag für die Bauern zusammengerückt. "Das reicht erst mal", erklärte Schlange-Freund Landwirtschaftsminister Dr. Gereke (CDU) bei fettem Schweinebraten in der Celler Residenz-Gaststätte nach Eröffnung der landwirtschaftlichen Ausstellung Niedersachsens.
"Uns reicht es auch", verkündete der Gewerkschaftsvorsitzende Hans Böckler. Nach seinen Statistiken ist bisher nur ein Drittel der Lohn- und Gehaltsempfänger von der 15prozentigen Einkommenssteigerung erfaßt worden. Die Wochenverdienste lägen nur um 5 Prozent höher als 1938. Rund 5½ Millionen Renten- und Unterstützungsempfänger würden von jeder Preis- und Lohnsteigerung nur als die Leidtragenden betroffen. Für eine fünfköpfige Familie verteuern sich die Monatsrationen an Brot. Nährmittel und Fleisch durch die neuen Preisfestsetzungen um 4.93 DM.
Der kommunistische Abgeordnete Dr. Kroth versicherte "diesen Millionen Leidenden", man werde sich im Wirtschaftsrat noch oft über die Fragen der Preispolitik unterhalten. "Aber nicht mit dem Florett, wie Präsident Köhler meint, sondern mit dem Holzhammer". SPD-Kriedemann forderte energisch eine "Kontrolle aller lebenswichtigen Rohstoffe und Waren in Erzeugung und Verteilung". Nach Ablehnung von Erhards Eisen- und Gas-Vorschlägen scholl es aus den sozialistischen Reihen: "Rücktritt der Verwaltung!" Präsident Köhler winkte ab. Dieser Punkt stehe nicht auf der Tagesordnung.
"Hätten wir hier eine wirkliche Regierung, so wäre nicht nur der Rücktritt, sondern auch die Ausschreibung von Neuwahlen fällig", schreibt die sozialistische Presse. Schlange-Schöningens Geständnis, Nutzvieh und Eier seien seiner Kontrollhand entglitten, wird weidlich ausgeschlachtet.
"Zur Regulierung" dieses Fehlers führte Schlange für Eier Höchstpreise (30 Dpf.) und Stempelzwang ein. "Wenn wir die uns vom Ausland für 18 Dpf. angebotenen Eier einführen dürften, wären die Eierpreise kein Problem mehr. Aber wir dürfen nicht."
Professor Erhard betont, eine Verständigung zwischen der Wirtschaftsauffassung der SPD und seiner eigenen sei "durchaus möglich". Er bejahe sogar in gewissem Rahmen die Notwendigkeit der Planwirtschaft. Sein Standard-Massenprogramm soll der große Schritt auf dem Kompromißwege sein. Zum Studium des britischen Utility-Programms schickte Erhard eine Kommission nach England. Sie sollte nach Nutzanwendungen für Westdeutschland forschen.
Die Briten produzieren 75 Prozent aller Konsumgüter im Utility-System. (Während des Krieges 90 Prozent). Es umfaßt 34 Warengruppen mit etwa 11000 Artikeln; hauptsächlich Textilien, Bekleidung und Hausrat. Die Produktionsplanung ist verbunden mit der Purchase-Tax (Kaufsteuer) und einer kompletten Preiskontrolle. Durch Steuervergünstigungen und Massenplanung sind die typisierten Utility-Waren mindestens 33 Prozent, oft bis zu 100 Prozent billiger als die übrigen englischen Erzeugnisse. Tatkräftigen Utility-Produzenten wird durch größere Rohstoffzuteilungen ein größerer Umsatz zugeschanzt.
In Westdeutschland soll das Massenherstellungsprogramm mit Ausschreibungen (Submissionen) anlaufen, um den Aufbau einer komplizierten Organisation zu vermeiden. Die frühesten Liefertermine liegen im Frühjahr 1949. Nach Berechnungen der "dorland"-Fachleute würden die 6400 Kilometer im Rahmen dieses Programms vorgesehenen Stoffe gerade ausreichen, um jedem 40. Bizonenbürger ein Kleidungsstück zu sichern.
Das Standardprogramm ist Erhards "gardez" an das profitsüchtige Unternehmertum Westdeutschlands. Sein laissezfaire ist oft nicht das der Produzenten. Sie versuchen stellenweise durch neue Hortungen und Kartell-Absprachen einen preisdrückenden Wettbewerb von vornherein auszuschalten.
Erhard braucht das Utility-Programm in der kommenden Wahlpropaganda als Gegengift für die stimmenfressenden Preissteigerungen. Er braucht es bald, weil ihm sonst die Gewerkschaften (auch die christlichen) ihre Unterstützung oder Neutralität aufkündigen. Die Gewerkschaftsvertreter haben einen Verteilungsplan ausgearbeitet, nach dem die Fertigprodukte aus dem Standardprogramm durch ihre Funktionäre in den Betrieben verteilt werden könnten. Dadurch soll die Handelsspanne eingespart werden.
Auch die Textil-Experten untereinander zerren an dem Erhard-Tuch herum. Die Spinnereien und Webereien weigern sich, mit der Tuchfertigung vor dem 25. Oktober zu beginnen. Bis dahin müßten sie sich beraten. (Am 17. Oktober sind in Nordrhein-Westfalen die Gemeindewahlen.) Die tuchverarbeitende Bekleidungsindustrie soll bis dahin warten.
Zwangsläufig werden die ausgeschriebenen Aufträge nur an Großbetriebe der Textilindustrie verteilt werden. Die erforderlichen 20 Prozent Baumwollrohstoffe der Bizonenzuteilung gehen den kleineren Betrieben, in denen schon jetzt mangels Nachschub im Schrittempo gearbeitet wird, verloren. Dadurch entsteht in wenigen Verwaltungsstellen und Firmen eine Produktions- und Verkaufskonzentration, die das Herz jedes sozialistischen Planwirtschaftlers höher schlagen ließe.
Erhards neuer Kurs zielt auf eine Erhöhung der Kaufkraft durch Herabdrücken der Industriepreise ab. (Vor allem der Kohlenpreis von 32,50 DM soll gesenkt werden.) Letzter Rettungsanker für die westdeutsche Preispolitik wäre die Verwendung der D-Mark-Gegenleistungen für Marshallplan-Güter, die auf einem Frankfurter Sonderkonto blockiert gehalten werden.
Zur Stützung des Kabinetts Queuille und der französischen Währung gaben die USA für Frankreich nach der ersten Rate von 45 Mrd. Francs am Dienstag auch die restlichen 45 Mrd. frei. Den westdeutschen ERP-Kontoauszug halten die Amerikaner noch unter Verschluß.
[Grafiktext]
ANSTIEG
d. LEBENSHALTUNGSKOSTEN

in den Ländern der Bizone. Index 1938 = 100
Index Aug 48 NAHRUNGS- u. GENUSSMITTEL HAUSRAT u. BEKLEIDUNG
BAYERN 154 190
WÜRTTBG.-BAD. 157 172
BREMEN 160 224
NIEDERSACHS. 165 164
HAMBURG 171 171
SCHLSW.-HOLST. 172 154
HESSEN 194 181
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 41/1948
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