09.10.1948

Weil ich sie gut kannte

Im fünften Stock eines Geschäftshauses von Connecticut Avenue 800 in Washington wurde der Marshall-hungrigen Bizone mit reichlich bemessener Verspätung der erste Segen erteilt: Die Deutschen sollen endlich ihre Marshallplan-Güter bekommen.
Auf 99,5 Millionen Dollar hatte die deutsche Anforderung für das erste 90-Tageprogramm vom 1. April bis zum 30. Juni 1948 gelautet (das Marshall-Rechnungsjahr beginnt am 1. Juli, für die Zeit bis dahin war die Ueberbrückungshilfe gedacht). "95 Prozent gleich, den Rest später", entschied Paul G. Hoffman, Präsident der Economic Cooperation Administration (ECA), der amerikanischen Verwaltung für die Europahilfe, als er Anfang Oktober endlich unterschrieb.
Drei Monate vorher schon hatte er verkündet, der Strom von industriellen ERP-Gütern nach Europa werde sich Anfang Juli verbreitern und im Oktober zu einer Flut anschwellen.
"Ein großer Posten Bindegarn für 800000 Dollar ist alles, was wir bekommen haben. Außer den Lebensmitteln natürlich, die wir durch das Kriegsministerium kriegen". Herbert Martini im Büro der deutschen Marshallplaner (Frankfurter Cassella-Haus) ist etwas gedrückt. "Im gewerblichen Sektor haben wir noch kein einziges Gramm bekommen."
Er sieht den Grund für die Verzögerung in den komplizierten Windungen des Marshall-Füllhorns. "Protest wegen Umständlichkeit des Verfahrens ist bereits in Washington eingelegt worden", hatte OMGUS Berlin schon handschriftlich auf den sechs Schreibmaschinenseiten Marshallplan-Richtlinien vermerkt, als es das Dokument dem deutschen ERP-Dreigestirn Schniewind, Martini, Schalfejew überließ.
Viele Hürden müssen die deutschen Marshaller nehmen, bevor ihre Anforderungen auf Hoffmans Schreibtisch in Washington gelegt werden. Ganze Nächte hindurch brennt in der bizonalen Verwaltung für Wirtschaft (VfW) in der Höchster McNait-Kaserne Licht, wenn der Arbeitsausschuß des Verwaltungsrates die deutschen Materialanforderungen zusammenstellt.
Ausschuß-Vorsitzender ist Dr. Eduard Schalfejew. Seine früheren Kollegen aus dem preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe, Schniewind und Martini, sind nur selten da. Und auch dann nur, um sich kurz zu informieren. Denn sie sind die übergeordnete deutsche Instanz für die höchsten alliierten Experten und für Pünder.
Im Frühjahr verlangten die Militär-Gouverneure, Pünder solle ein Koordinierungsbüro für den Marshallplan beim Verwaltungsrat einrichten. Der Bizonen-Ober erinnerte sich sogleich seines alten Kölner Schulkameraden, Duzfreundes und Gefängnisgenossen aus der Hitlerzeit. Otto Schniewind nahm ohne Bedenken an.
"Aber ehrenhalber, um mich nicht festzulegen." Der 61jährige Rheinländer, der Wert darauf legt, als "einer der Ueberlebenden des Kabinetts Gördeler" zu gelten, will nämlich trotz seiner ERP-Belastungen sein Hauptgeschäft als Bankier bei Seiler & Co. in München nicht aufgeben. Nach dem Arisierungsprozeß zählte dort auch Hermann Göring zu seinen Kunden.
Als das Marshall-Büro eingerichtet war und die Frage eines Vertreters im Amt akut wurde, entsann sich Otto Schniewind seines Freundes Martini, Finanzberater bei der Hamburger Börse. Jetzt ist Martini bei der Verwaltung für Wirtschaft, Abteilung Geld und Kredit, und hat einen Privatanstellungsvertrag "als bescheidener Assistent" des langen Bankiers.
Von ihrem Büro mit den acht ERP-Leitzordnern im Vorzimmer (Hefter J D 8, ERP-Presseinformationen, ist noch leer) gehen die deutschen Anforderungen zum 6. Stock im amerikanischen Hauptquartier, I. G. Farben-Hochhaus, Frankfurt. Im Zimmer 630 prüfen Jeia-, Bico- und Mil.-Gov.-Experten die deutschen Pläne im ERP-Sekretariat der Militär-Regierung und bringen sie mit den Forderungen der Militärgouverneure in Einklang. Ihnen steht frei, die von den Deutschen vorgeschlagene Summe zu kürzen oder zu erhöhen.
Das letzte Wort über die ERP-Ansprüche der Bizone in Deutschland hat dann 3 Stockwerke tiefer ein graumelierter früherer Kapitän der US-Navy. "Economic Cooperation Administration - Deputy Special Representative for Bizonia" steht seit drei Wochen auf dem Pappschild an der Tür. Länger ist Norman H. Collisson noch nicht in Deutschland.
Botschafter Averell Harriman, der Sonderbeauftragte Hoffmans für den Marshallplan in Europa, der auch gleichzeitig Beauftragter für die Bizonen-Marshall-Pläne ist, hat in Paris genug zu tun. Collisson soll für ihn ein Auge auf die Wünsche der drei Westzonen werfen.
Er brachte sich eine Kopie der Marshallplan-"Verfassung", sechs Experten und Einspruchsrecht gegen die deutschen Voranschläge aus Washington mit. Für die französische Zone (ohne Saargebiet) will er ein Büro in Baden-Baden einrichten.
Von Collissons Schreibtisch gehen die Formulare Nr. 21, auf denen die Materialanforderungen eingetragen sind, zur "bizonalen Gesandtschaft". So wird die deutsche Delegation beim O. E. E. C. kurzerhand genannt. (O. E. E. C. = Organisation for European Economic Cooperation = Organisation für europäische Wirtschaftszusammenarbeit in Paris. Darin sind die 16 Marshallplan-Staaten, die Bizone, die französische Zone und das Gebiet von Triest vertreten).
Die neunköpfige Pariser Bi-Delegation (vier Amerikaner, drei Briten und zwei Deutsche) hatte es manchmal schwer. Harriman selbst mußte sie beim O. E. E. C. beschützen und zum erstenmal ein amerikanisches Machtwort im ERP sprechen, dessen Planung eigentlich vom O. E. E. C. allein ausgehen soll. O. E. E. C. wollte der Bizone an Stelle der angeforderten 450 nur 364 Millionen Dollar geben. Die Bizonalen protestierten. Harriman brachte einen Kompromiß zustande: 414 Millionen Dollar für die Bizone für das Rechnungsjahr vom 1. Juli 1948 bis 30. Juni 1949. Dazu kommen die noch ausstehenden 94,3 Millionen Dollar für das 90-Tage-Programm.
Den beiden deutschen Delegierten gefällt es gut in Paris. Dr. Hans Karl v. Mangoldt (Schwager Walter Rathenaus und Generaltreuhänder für die Deutsche Bank und BMW-München) und Hubert Frommel (bis 1933 im Auswärtigen Amt, wo er mit Stresemann's Schwester Käthe enge Beziehungen pflegte) waren von Schniewind persönlich vorgeschlagen worden. "Weil ich sie gut kannte."
Beide haben ihr Quartier im Hotel "Champs Elysees". Ein Wermutstropfen in ihrem Pariser Freudenkelch sind die knappen 10 Dollar = 3000 Franc Tages-Taschengeld, mit denen Mangoldt und der "schöne Hubert" (so wurde der elegante Frommel in Berlin genannt) trotz freier Verpflegung und Unterkunft nicht auskommen. Außerdem ist es beiden noch nicht gelungen, ihre Familie nach Paris nachzuholen. Auch Professor Hubert Armbruster und Präsident Eugen Dörtenbach, die Repräsentanten der französischen Zone, sind noch Strohwitwer.
Wenn O. E. E. C. entschieden hat, gehen die Formulare 21 zur nächsten Instanz, dem weißen Gebäude neben der Pariser amerikanischen Botschaft. Dort hat der 17-Milliarden-Botschafter Harriman sein ständiges Hauptquartier eingerichtet. Er spricht das letzte Wort, ehe die Papiere den Schreibtisch Hoffmans in Washington erreichen. Bis der sie unterzeichnet hat sind sie "nichts als ein Leuchten in den Augen des Antragstellers" (Collisson).
Wenn die Experten des E. C. A. studiert haben und Hoffman bewilligt, gehen die 21er-Bogen nach Frankfurt zurück, während in Washington gleichzeitig die Gelder für den Ankauf der Waren in Amerika oder anderen europäischen Staaten bereitgestellt werden.
An diesem Punkt nimmt die JEIA ihre verschlungene Arbeit auf, verhandelt über den Ankauf der Güter und läßt die Dollars aus Washington an die Bank des Liefer-Landes überweisen. Der deutsche Käufer zahlt zur gleichen Zeit einen Betrag, den die JEIA bestimmt, in D-Mark auf ein blockiertes Konto*) bei der Bank deutscher Länder. Dann steht der tatsächlichen Lieferung der Waren nichts mehr im Wege.
Auf solch ein Liefer-Ereignis wartet man in Frankfurt noch immer. Für das Quartal vom 1. Juli bis 30. September genehmigte Hoffman 139,5 Millionen Dollar (davon 50 Millionen für Lebensmittel).
Für das 4. Quartal 1948 hat die E. C. A. 140 Millionen Dollar bereitgestellt. Das ist für drei Monate, nicht viel weniger als die 183 Millionen Dollar, die die Militärgouverneure für das ganze zweite ERP-Jahr der Bizone anfordern wollen. Den Deutschen scheint dieser zweite Posten zu gering. Sie meinen Bizoniens kranker Leib brauche noch eine zweite kräftige Spritze.
Alarmierende Presseberichte werden jedoch von den Vorsitzenden des Bipartite Control Office, Adcock und Macready,
zurückgewiesen. Nur dementiert werden sie nicht.
Die Berichte hätten gezeigt, daß die Deutschen nicht das mindeste Verständnis für den Marshallplan hätten, dessen Hilfe ja in dem Maße abnähme, in dem die Selbständigkeit der einzelnen Länder wieder aufgerichtet werde.
Neue Berichte wollen wissen, daß die Marshallhilfe gekürzt und die Demontage gestoppt werde.
Im Cassella-Haus glaubt man trotzdem nicht, daß die deutsche Wirtschaft in einem Jahr stabil genug sein wird, um mit 183 Millionen Dollar auszukommen. Aber noch ist der geplante 183 Millionen Dollar-Voranschlag nicht in Washington und noch haben die Deutschen den ersten Posten Industrieerzeugnisse aus den 414 Millionen Dollar des laufenden Jahres nicht gesehen. Nur Bindegarn.
*) Hoffman kann über dieses blockierte Konto frei verfügen. Augenblicklich prüfen die Militärregierungen die Möglichkeit die blockierten Gelder zur Finanzierung einer neuen Wiederaufbaubank bereitzustellen.

DER SPIEGEL 41/1948
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