09.10.1948

Nichts mehr schaffen

Ich verlese jetzt das künstlerische Gutachten des bayrischen Kultusministeriums über den Bildhauer Arno Breker", sagte die blonde Dreißigerin, Dr. Helene Vogt, Vorsitzende der Spruchkammer Donauwörth. Breker sei unverkennbar Nazi gewesen. Der aus Stein gehauene "Friedrich der Große" und "Bismarck" - unter anderem - bewiesen das.
"Stimmt nicht!" rief Verteidiger Dr Werner Windhaus. "Mein Mandant ist unschuldig. Die Statuen stammen von Josef Thorak." Lachen bei den Zuschauern.
Auf die Verlesung der 160 Persilscheine verzichteten Kläger und Kammer. Nur Pablo Picasso wurde erwähnt. Der schrieb, "Hitlers Michelangelo" habe ihn 1944 in Paris vor Gestapo und KZ bewahrt. Auch Verleger Peter Suhrkamp sprang wieder in die Bresche der Entnazifizierung. "Breker war mein Lebensretter." Das hatte man schon öfter gehört. Arg böse Zeitgenossen behaupten, Suhrkamp entlaste serienweise, weil er Memoiren und D-Mark für seinen Fischer-Verlag brauche.
Verdient habe er bei den Nazis nichts meinte Breker. Schon 1930 in Paris sei er eine Kanone gewesen. Das hat auch Mme. Debetra Messala erkannt. Sie heiratete ihn. Von ihr hat der Professor den griechischen Stil gelernt.
Als Mitglied des Salon des Tuileries war Breker aber noch nicht "kolossal". Er verewigte damals nur vollbusige Jungfrauen, zarte Jünglinge und Kinderköpfe.
1933 habe ihn Max Liebermanns Nichte, Frau Dr. Ring, nach Deutschland geschickt. "Retten Sie, was zu retten ist. Sie sind der richtige Mann!" Erst nahm er Liebermanns Totenmaske ab, dann begann er.
Schon 1936 war Arno Goldmedaillen- und Olympiasieger. Und auch Goebbels interessierte sich für ihn. Sein Porträt schickte er aber erst wieder zurück. Ohne Bezahlung. Grund: Der Propaganda-Häuptling fühlte sich "demaskiert".
Dafür war jedoch der Prometheus-Entwurf ein Schlager. Der brachte dem Sohn des Düsseldorfer Steinmetzen gleich 12500 R-Mark. Und Hitlers und Speers Sympathie.
Schwert- und Fackelträger - Wehrmacht und Partei - (Honorar: 40000 RM) grüßten seitdem die Besucher der Reichskanzlei, und 20 muskelbepackte Helden. Später wuchsen noch "Die Kraft", "Der Held", "Der Zornige", "Die Kameraden" und eine Büste der Frau Bormann. In Paris wurde das Porträt der "Mademoiselle Edda Göring" bestaunt. "Klein-Edda" war als Modell drei Jahre alt.
1937 wurde die "Neugestaltung Berlins" befohlen. Am Potsdamer Platz sollte es mit der Renaissance losgehen. "Apollo", 8 m hoch, im "Apollo-Brunnen", ging in Fabrikation.
Im Grunewald-Atelier, in der Werkstätte Jeckelsbruch und später in Wriezen bei Berlin - Arno Breker GmbH - wurde flott in die Steine gehauen. Bergeweis kamen sie aus dem Fichtelgebirge. Einige tausend Steinmetzen schwitzten.
Drei Millionen Mark quittierte der Meister für die niemals beendete steingehauene Auferstehung Spree-Athens-Speer-Berlins. Aber nur 2,3 Millionen Mark will der Fließband-Bildhauer bekommen haben 196000 Mark waren davon nur Verdienst. Das übrige Geld ging wieder drauf. Für Gips, Material und Löhne. Breker will alles selbst bezahlt haben. Aus Idealismus.
"Und wieviel Vermögen haben Sie jetzt, Herr Professor?", fragte die brekerbeeindruckte Vorsitzende.
"Eine Mark vierzig!"
Im Urteil wurde das Selbstgeständnis gewürdigt. Ganze 100 DM Sühne. "In Anbetracht der Mittellosigkeit des Künstlers."
Zum Antifaschisten konnte Frau Doktor ihn nicht machen. Das wollte der Kläger nicht. "Aber geholfen hat der Betroffene vielen", meinte sie. "28 Deutschen, 23 Franzosen, 3 Polen und 3 'Amis'."
"Es steht fest, daß Prof. Breker als größter Bildhauer Deutschlands zu gelten hat", sagte sein Verteidiger. Und der blondmähnige Advokat fügte hinzu: "Jeder Künstler kann aus der Konjunktur Gewinne ziehen." Daß Breker zufällig Vizepräsident der Reichskammer der bildenden Künste geworden sei, habe sein Mandant damals überhaupt nur am Radio erfahren. Wann er Pg geworden sei, habe auch der Kläger nicht feststellen können. Und Breker wußte es selbst nicht mehr. Goldenes Parteiabzeichen "nur pro forma". Da Gustav Gründgens, Paul Hartmann und Oskar Strauß auch in Gruppe V gerutscht seien, könne man "keine Ausnahme machen".
Der Kläger war für Gruppe II, Nutznießer. Weil Breker sein Können willenlos in den Dienst der Nazis gestellt habe. Die Kammer möge bestimmen, daß der Profesor, da er mittellos sei, doch wenigstens als Aequivalent seines 3½jährigen Aufenthaltes in Donauwörth ein steinernes Andenken für die Allgemeinheit hinterlasse.
Urteil: Mitläufer, beinah Gruppe V.
Begründung: Breker hat "als Künstler von Format" nie die Grenze des üblichen Einkommens überschritten. Auch sein Schloß - Einrichtungskosten 450000 RM - war "nur Geburtstagsgeschenk" seines obersten Chefs Adolf für einen Künstler, der dem Staat "schon erhebliche Dienste geleistet hatte".
"Es sei Recht eines Künstlers, Aufträge anzunehmen", behauptete Dr. Helene Vogt. Sie argumentierte: "Was wäre geschehen, wenn der Professor alles abgelehnt hätte?"
In der Pause verteilte der mittellose Arno an ehemalige Schüler und Freunde Ami-Zigaretten. Seine Frau ließ durch einen Boten das bestellte Siegesmahl ankündigen.
Strahlend verließ "Kolossal-Breker" die Kammer. Schon dreieinhalb Jahre hat er "nichts mehr schaffen können". Die Zeitungen seien daran schuld.

DER SPIEGEL 41/1948
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