09.10.1948

Weltliche und kirchliche Kreise

Vor Monaten schon ist Alois Hundhammer vom Heiligen Vater empfangen worden. Und selbst Ochsen-Sepp (der CSU-Landesvorsitzende Josef Müller), als Franke in oberbayrischen Augen schon beinahe ein Protestant, kann sein vor dem Papst in Rom gebeugtes Knie in Bayerns politische Waagschale werfen. Da war es dann ganz klar für Josef (Pepperl) Baumgartner, daß seine Bayern-Partei ohne Audienz beim Papst vor den Augen der Wählerschaft nicht länger bestehen konnte.
Nach vielen heftigen Attacken kam auch wirklich "von weltlichen und kirchlichen Kreisen" die Einladung in den Vatikan für den BP-Vorsitzenden.
Am Abend vor der Abreise noch bestellte er den just aus der CSU geschiedenen Bezirksvorsitzenden von Oberbayern, Staatsrat Fritz Schäffer, in seine Wohnung. Dort hatten sich zuvor schon die zwei rauhesten "Gscherten" der Bayern-Partei, Kriminalkommissar a. D. Ludwig Lallinger und Dentist Kettner (früher Kreisboxer, jetzt Kreisverbands-Geschäfts-Führer (München) eingefunden.
Spitze Worte massierten den früheren CSU-Mann Fritz Schäffer, der jetzt mit der BP flirtete: "Auf Sie haben wir noch gewartet, Herr Schäffer. Jetzt, wo wir vor der Machtübernahme stehen, wollen Sie daherkommen!"
Auf dem Heimweg begrub der zarte Alt-Staatsrat Staatspräsidentenpläne (als Kandidat der Bayern-Partei) und beschloß, ein eigenes "bayrisches Zentrum" zu gründen. Baumgartner konnte sich in der Beruhigung gen Rom wenden, bei seiner Rückkehr keinen neuen Führer der Bayern-Partei vorzufinden.
Auf der Landesausschuß-Tagung der Bayernpartei, die sich das vergangene Wochenende in Bad Kissingen etabliert hatte, erzählte Pepperl Baumgartner eine Stunde lang von seiner Rom-Reise: Mordsfreundlich sei der Papst gewesen und grad gefreut habe es ihn, daß die Bayern-Partei noch christlicher sei als die CSU. "Auf die Schultern hat er mir am Schluß geklopft und gesagt: Mein Sohn Baumgartner, grüße das bayrische Volk von mir."
Vierzig Minuten hat die Privat-Audienz auf der päpstlichen Sommerresidenz Castell Gandolfo gedauert, und Ochsensepp war nur fünf Minuten lang stehend empfangen worden. Das bedeutet einen politischen Erfolg für die Bayern-Partei.
Neue Weisungen vom Vatikan an den bayrischen Klerus können nun die politische Struktur Bayerns auf den Kopf stellen.
Die Auffassung, Bayerns Situation werde sich in nächster Zeit durch Einfluß von außenher wenden, beherrschten auch die Beratungen von Kissingen. Der angekündigte Volksentscheid zur Landtagsauflösung wurde deswegen zurückgestellt.
Allerdings nicht nur deswegen. SPD und Bayern-Partei behaupten zwar seit langem, der Bayrische Landtag entspräche nicht mehr dem Willen der Wähler (die Gemeindewahlen lieferten in der Tat Handhaben für diese Behauptung). Aber in eben diesem Landtag hat die CSU die absolute Mehrheit. Mit dieser Mehrheit wird er ein vom Ochsensepp inspiriertes Gesetz über den Volksentscheid verabschieden.
Es fordert zur Einleitung eines Volksbegehrens auf Volksentscheid erst einmal einen Initiativantrag mit 50000 von den Bürgermeistern beglaubigten Wählerunterschriften (in der Weimarer Republik genügten 5000). Um den Landtag aufzulösen, muß die antragstellende Partei zwei Drittel der wahlberechtigten Bayern unterschreiben lassen. Unter dem Schutz dieses Gesetzes wäre der Bayrische Landtag bis in alle Ewigkeit vor seinen Wählern sicher.
Der Einfluß von außen, auf den die machtergriffene Bayern-Partei hofft, wird von der Militär-Regierung erwartet, die diesem Gesetz ihr o. k. verweigern werde. An ein Erfolgs-Begehren ist unter den vorbereiteten Gesetzes-Bedingungen schon gar nicht zu denken, solange Bayern-Partei und SPD allein begehren und der CSU-abtrünnige Staatsrat Schäffer mit seinen oberbayrischen. Noch-CSU-Funktionären und deren Wählern die BP meidet
Als 15 für Schäffer und die Seinen reserverte Stühle in Kissingen leer blieben, rupfte Baumgartner nervös seine blaue, römische Krawatte und sprach gedehnt, aber durchaus wohlüberlegt: "Meine Herren, wie lange können wir unsere Kessel noch am Kochen halten? Denken Sie daran, Hitler wäre selbst mit seinen 107 Reichstagsabgeordneten auf die Dauer nicht zum Zuge gekommen, wenn nicht durch Papens Schlappe und Hindenburgs Weichheit ihm der Kanzlerposten zu Füßen gelegt worden wäre. Die nächste Wahl wäre für ihn katastrophal geworden, denn kein Mensch in Deutschland hätte mehr an seine Machtübernahme geglaubt. Wir sind heute leider in einer ähnlichen Lage, wenn wir auch keine Nationalsozialisten sind."
Der Schreckschuß aus Baumgartners Wohnung sitzt, wie sich in Kissingen gezeigt hat, Schäffer und seinen Oberbayern noch lähmend in den Knochen.
In das Wunschbild der bevorstehenden Machtübernahme konnte Baumgartner als neues Dessin Kundgebungserfolge mit 4000 bis 6000 Besuchern einzeichnen (in Städten, wo die SPD 25 bis 50, die CDU 120 bis 160 Besucher anlockte). Im Triumphgefühl dieser Zahlen verfaßte der Landesausschuß sein Dokument für das Kultusministerium, in dem gefordert wird, das Lied "Gott mit Dir, Du Land der Bayern" in den Unterrichtsplan der bayrischen Schulen aufzunehmen.
Eines allerdings bereitet der Bayern-Partei Unbehagen: Von Ochsensepps Gehirntrust wurde unlängst die Fabel ausgestreut, wenn die Russen kämen, würden die Mitglieder der Bayern-Partei zuerst aufgehängt.

DER SPIEGEL 41/1948
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