09.10.1948

Da kam der Koch

Ein kleines Weihnachtsgeschenk", sagte Ilse Koch, als offenbar wurde, daß sie, die Kz-Kommandeuse von Buchenwald und Gefangene der amerikanischen Armee, Ende September 1947 ein Gefängniskind bekommen werde. Nach der amerikanischen "Newsweek" hatte entweder einer der fünf Mitangeklagten, zu denen sie zugegebenermaßen intime Beziehungen hatte, oder ein polnischer Wachmann Weihnachten 1946 ihre Gefängniszelle durch einen Tunnel erreicht. Nach Andeutungen der "New York Herald Tribune" kommt allerdings auch eine amerikanische Vaterschaft in Frage.
Ehe noch das erste Rätsel Ilse Koch gelöst ist, gibt die tizianrote, grünäugige Sphinx von Buchenwald ein zweites auf: Die Begnadigung von lebenslänglicher zu vierjähriger Haft mit der offiziellen Begründung der Unbeweisbarkeit verschiedener Grausamkeiten, die dem Urteil als Grundlage gedient hatten, ist in der amerikanischen Kriegsstrafjustiz ungewöhnlich. Im Juni bereits ist die Strafmilderung von General Clay gebilligt worden. Und auf den Einwand, die Bekanntgabe dieser Verfügung komme nach drei Monaten ziemlich spät, konnte der General selbst nichts anderes tun, als nicken.
Inzwischen sind die Unterlagen und Beweisstücke, darunter die Lampenschirme und Bucheinbände aus Menschenhaut, aus den Gerichtsakten der US-Armee verschwunden. Das US-Hauptquartier vermutet, daß sie von Souvenir-Jägern nach Amerika mitgenommen wurden.
"Ilse-Bilse, keiner willse, kam der Koch und nahmse doch", sangen die Kinder in der SS-Siedlung beim KZ Buchenwald. Mütter und Frauen der SS-Führer schauten voll Haß zum Hause ihrer rothaarigen Kommandeuse.
Am 1. August 1937 war Koch Lagerkommandant von Buchenwald geworden. Ein Jahr später heiratete er, der 1931 als Alleinschuldiger von seiner ersten Frau geschieden worden war, die Stenotypistin Ilse Köhler aus Dresden.
Von der später entwickelten Mannstoll heit liegen aus Ilse Kochs ersten 30 Jahren keine Zeugnisse vor. Ihr Mann indessen war ihr mit jener überhitzten Leidenschaft verfallen, die Gourmands der Liebe zuweilen an Frauen mit dem tizianroten Haarton Ilse Kochs fesseln soll. Einem amerikanischen Korrespondenten fielen auch an dem in der Haft um 40 Pfund abgemagerten Körper der Koch noch die "augenfällige Brustlinie" und die schwer zu verbergenden Vorzüge einer "Venus Kallipygos" auf. (Venus von Neapel "mit der schönen Rückseite".)
Nach der "Kristall-Nacht" im November 1938 wurden nach Buchenwald viele Juden eingeliefert, und mancher wurde von den Kochs um Geld und Wertsachen betrogen. Der Portokassendieb Koch verstand es meisterlich, aus seiner unumschränkten Herrscherstellung über Leben und Tod auch viele andere Einnahmequellen zu erschließen.
Eine Reithalle baute er, nur für seine Frau und sich, zu der das Reich die Holzkonstruktion und die Baustoffe, das Lager die Arbeitskräfte liefern mußte. Die Sturmbannkapelle spielte in dieser Halle auf, wenn die Kommandeuse und der Kommandeur ihre Reitpassion abreagierten. Mit einem Schwarzhengst tobte sich Ilse Koch in täglichen Morgenritten aus. Als Begleitung diente immer der gerade bevorzugte SS-Führer.
Im Haus hatte Ilse Koch keine Sorgen. Bis auf den einen Tag im Monat, an dem sie sämtliche SS-Führer des Lagers zu sich einlud (Frauen waren zu solchen Abenden nicht zugelassen). Sonst aber besorgte neben einem billigen Mädchen ein Häftling den Haushalt, der Häftling Tietz.
Tietz ging mit den Kindern spazieren, wusch und badete sie und badete auch täglich seine Kommandeuse. Einmal überraschte ihn Ilse Koch, als er sich aus den Beständen des Kommandeurs zusammen mit einem anderen Häftling heftig betrunken hatte.
Zur Strafe wurde er dem Hauptscharführer Sommer überstellt, der sich auf solche Fälle spezialisiert hatte. Tietz wurde an den Handgelenken aufgehängt; danach, als er bei der verschärften Vernehmung zu viel über den Kommandeur ausgesagt hatte, mußte er zwei Tage lang im "Stillgestanden" auf einem Steinhaufen verharren. Kurze Zeit später wurde, er trotzdem wieder von der Kommandeuse ins Haus genommen.
Als Koch ins Lager Lublin versetzt wurde und die Kommandeuse ein paar Tage verreist war, bekam Tietz einen Koller, weil ihm der tägliche Badedienst fehlte. Er betrank sich sinnlos, zog die Wäsche seiner Kommandeuse an und goß sich eine ganze Flasche ihres französischen Parfüms über den Kopf. In pervertierter Raserei zertrümmerte er Spiegel und Möbel im Zimmer seines Idols Ilse Koch und wurde 24 Stunden später im Weinkeller aufgefunden.
Sommer und der offizielle Liebhaber der Kommandeuse, Dr. Hoven, wollten Tietz vergiften. Aber der erste Mordversuch scheiterte, und der neue Kommandant Pfister schob Tietz vor dem zweiten in ein anderes Lager ab.
"Die mitangeschuldigte Ehefrau gab ihrem Mann in bezug auf dünkelhaften Hochmut, Maßlosigkeit, brutale Willkür und Größenwahnsinn in nichts nach. Sie wurde als die verhaßteste Person des gesamten Lagers bezeichnet. Durch auf sex appeal hergerichtete leichte Kleidung, Sonnenbaden usw. suchte sie die sexuell notleidenden Häftlinge zu reizen. Sah ihr ein Häftling nach, so merkte sie sich die Nummer und veranlaßte ihren Mann, diesem als Vorschuß 25 Stockhiebe zu versetzen." So heißt es in den Akten des SS-Untersuchungsrichters über den in Ungnade gefallenen Kommandeur Koch.
Als ihre besonderen Günstlinge im Lager, Sturmbannführer Florstedt und Hauptsturmführer Dr. med. Hoven, raunten, ihr Mann habe in Weimar ein Verhältnis mit einer Tänzerin und seine zahllosen Unterschlagungen würden wohl bald bekannt werden, sah die Kommandeuse die Hörigkeit Kochs und damit ihre Macht schwinden.
Nach einem hysterischen Nervenzusammenbruch zeigte sie nicht nur den beiden Freunden, sondern auch einem Vorgesetzten ihres Mannes die Geldverstecke im Hause und wollte Himmler Meldung machen. Eine Untersuchung hätte auch den Fall der favorisierten Freunde bedeutet. Sie arrangierten deswegen mit viel Mühe eine Aussöhnung des Ehepaares in Dresden. Hoven war Reisebegleiter.
Beide, Hoven und Florstedt, begehrten die Frau für sich allein, aber keiner wollte sich scheiden lassen und sie heiraten. In diesem Kampf blieb Hoven Sieger. Er riet der Kommandeuse, Florstedt mit dem Angebot auf die Probe zu stellen, sie wolle Koch laufen lassen und mit ihren Kindern - sie hatte einen Jungen und ein Mädchen, die zweite Tochter war 41 gestorben - zu ihm ziehen.
Als Florstedt dieses Glück nicht zu schätzen wußte, wurde Hauptsturmführer Hoven nach der Aussöhnung der Ehegatten Koch als einziger Liebhaber sanktioniert.
"Frau Koch fand sehr schnell Geschmack an dieser Lösung, die ihr die Stellung als Ehefrau eines SS-Standartenführers und ihr Bankkonto erhielt, und zugleich den weltmännisch-routinierten Lebemann Hoven als Liebhaber." So steht es zu lesen im SS-Untersuchungsbericht. Koch wurde noch von seinen eigenen SS-Herren als Defraudant, Kriegsschieber und Massenmörder hingerichtet.
Am 2. Juni 1948 hat man im Gefängnishof zu Landsberg, 100 Meter von ihr entfernt, den Mann aufgehängt, den sie sich als offiziellen Liebhaber in Buchenwald ausgewählt hatte: den im Aerzteprozeß vom Nürnberger Militärtribunal zum Tode durch den Strang verurteilten SS-Hauptsturmführer Dr. med. Hoven aus Freiburg.

DER SPIEGEL 41/1948
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