09.10.1948

Nicht für den Leser

Guten Tag gibt es bei den Hamburger Journalisten nicht mehr. Der neue Journalisten-Gruß heißt: "Sind Sie auch beim Abendblatt?"
Es ist in der Tat die ganze erste Garnitur befragt worden, ob sie an Axel Springers neuem Abendblatt teilhaben will. Manche haben verhandelt. Manche nicht. Dennoch standen an den Redaktionstüren Namen von Leuten, die nicht verhandelt oder nicht abgeschlossen hatten. Es kann geschehen, daß einem Hamburger Journalisten, antwortet er auf den neuen Gruß mit Nein, gesagt wird: "Sie wissen's bloß nicht."
Das "Hamburger Abendblatt" wird als siebente hamburgische Zeitung am 15. Oktober zum ersten Male erscheinen. Im Rennen um die Lizenz lag Axel Springer eine Nasenlänge vor Wilhelm Schulze (Tokio-Schulze). Am Tage der Währungsreform wurde sie dem 36jährigen Verleger-Sohn überreicht.
Eine Lizenz, sagt Axel Springer, sei nicht mehr, wie zu Zeiten der Reichsmark, eine Pfründe, sondern eine Bürde. Die Abendblätter treten neben sechs bestehende Zeitungen mit hoher Auflage. Und der Hamburger bestellt schwer eine Zeitung, noch schwerer aber bestellt er eine ab
Von den Parteizeitungen will sich Axel Springer durch Unabhängigkeit unterscheiden. Ueberparteilich, wie "Die Welt", wolle er sich nicht nennen Ueberparteilichkeit, sagen die Männer, die aus der Springer-Redaktion am Alsterdamm aus großen Fenstern über den Fluß gucken, Ueberparteilichkeit gäbe es wohl kaum.
Axel Springer, Verleger der "Nordwestdeutschen Hefte", der "Constanze" und der Rundfunkzeitschrift "Hör zu", nebenbei auch Inhaber des Buchverlages Hammerich und Lesser, hat sich nicht nur mit der technischen Einrichtung seines Hauses Mühe gemacht. Er stellte auch den besten Leuten nach. Als Chefredakteur holte er sich Tokio-Schulze, den Lizenz-Konkurrenten, der aus Ostasien, USA und England Auslandserfahrungen importiert und in Berlin die BZ gemacht hat.
Die Mißgünstigen sagen, Springer sei der Sohn eines reichen Mannes, der sich all das leisten könne. Doch davon ist nichts wahr. Axel Springer hat das verlegerische Erbe seines Vaters bei schlechten Geschäftszeiten und Vermögensverlust unter Phosphorbomben schon vor der Schlußkatastrophe vergehen sehen. Nach der Kapitulation, als noch die Elbe gesperrt war, kam er illegal und bargeldlos aus der Lüneburger Heide wieder nach Hamburg zurück.
Erst tagte er mit seinem Verlag im großen Bunker am Heiligen-Geist-Feld. Es war zum Steinebersten kalt. Bei Westwind zog die ganze Belegschaft in den Ostflügel, bei Ostwind in den Westflügel. Jetzt sind Setzerei, Funk- und Fernschreiberbude Redaktion und Verlag hell und luftig wenn auch räumlich beschränkt, am Alsterdamm eingerichtet. Und Ventilator in den leicht überheizten winzigen Redaktions-Räumen ist Axel Springer selbst.
Axel Springer will eine Verlegerzeitung machen, eine in Deutschland unter dem alliierten Lizenzsystem rar gewordene Sache. Allzuviele Lizenziaten der Nachkriegszeitungen hätten mit Zeitungen noch nichts zu tun gehabt, als sie sich mit politischen Beziehungen das sicherten, was dann ein Geschäft wurde. Oder auch nicht. Allzuviele machten und machen Zeitungen für sich, nicht für den Leser.

DER SPIEGEL 41/1948
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