09.10.1948

Mit Großvaters Säbel

Es regnete, als Ex-Außenminister Anthony Eden am Dienstag in der Londoner City für den freiwilligen Eintritt in die britische Territorialarmee warb. Aber es fielen keine Regentropfen. Es regnete Flugblätter.
Baumlange Bobbies sorgten bald dafür, daß die kommunistischen Wettermacher auf den Dächern der umliegenden Gebäude ihre im regierungs-offiziellen Kalender nicht vorgesehenen Attraktionen einstellten. Es gibt Grenzen demokratischer Meinungsfreiheit, vor allem wenn die ferngelenkten Tendenzen zu offen zutage treten Auch in England.
"Niemals Krieg für den Dollar-Imperialismus" und "Kein Krieg für Yankee-Dollars" - das waren die fettgedruckten Schlagsätze auf Plakaten und Flugblättern. So lauteten auch die Zwischenrufe, die dem Verteidigungsminister Alexander, dem Luftmarschall Lord Tedder, Mr. Eden, Churchill und anderen Prominenten in die rüstung-werbende Wortparade fuhren.
"Kriegshetze" nannten die Kommunisten das, was in der vorsichtigen Sprache amtlicher Verlautbarungen diplomatisch als "Abrüstungs-Stop" umschrieben wird "Es gibt keine Sicherheit für uns und unsere Kinder", so formulierte Britanniens Verteidigungsminister die Quintessenz seiner Bemühungen, "wenn wir uns in einen Zustand der Schwäche begeben. Sie würde eine ständige Versuchung für den Angreifer bilden, die Früchte des Krieges ohne einen einzigen Schuß einzuheimsen."
Kassandra-Rufe waren es auch, die Englands Kriegspremier und "Vater des Sieges" Winston Churchill einen Tag später in Croydon ausstieß. Er warnte davor, unter noch schlimmeren Bedingungen als das letzte Mal in einen Kampf um die Existenz Großbritanniens hineinzugeraten. Man dürfe die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Churchill kennt die Fehler der Vergangenheit gut. Etliche gehen auf sein Konto, und Londoner Zeitungen haben ihn gerade in diesen Tagen anläßlich der Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Memoiren darauf angesprochen.
Die Maßnahmen, Großbritannien nach drei Jahren Abrüstung auch militärisch wieder groß zu machen, sind dabei, aus dem Stadium von Erörterungen in das der Tatsachen überzugehen. Zwar drehen sich die meisten Gespräche um ein mögliches Wiederaufleben einer Art von Pacht- und Leihhilfe aus Amerika.
Aber viele Ex-Soldaten, die heute noch die "Civvy Street" wandeln, sind sich darüber klar, daß dieser ihr ziviler Lebens- und Berufsweg sie morgen wieder in die Kaserne führen wird. Am ehesten noch sind die Zeitungs-Karikaturisten geneigt dies mit Humor zu kommentieren.
Noch vor der Zusicherung massiver Auslandshilfe hat Großbritannien die ersten Schritte getan: Verdoppelung der Düsenjäger-Produktion, Wiedereinstellung von hundert Kriegsschiffen - größtenteils Zerstörern, Fregatten und Oeltankern - in den aktiven Dienst und schließlich die Verdoppelung der Erzeugung von Munition für leichte Waffen, sowie eine verstärkte Produktion von Flugzeugabwehrabwaffen und von Kampfwagen.
22 regierungseigene Fabriken und 42000 Arbeiter schalten um. Von Elektromotoren und Eisenbahnwagen auf Kampfwagen von Düngemitteln auf Sprengstoffe, von Grammophonplatten auf Panzerplatten.
Stärker als auf die Einengung des zivilen Verbrauchs-Sektors reagiert die britische Oeffentlichkeit auf die Pläne zur Vermehrung der Reserven für die Streitkräfte. Noch im vergangenen Frühjahr und Sommer machte man sich auf der Insel weniger Kriegssorgen als auf dem europäischen Kontinent und in Amerika.
Als jedoch der stellvertretende Ministerpräsident Herbert Morrison vor vierzehn Tagen ankündigte, die Demobilisierung werde verlangsamt, wußte jeder, was gemeint war. Ueber Nacht sprang das Kriegsgespräch in die Wirtshäuser und Wohnungen.
Der "Mann auf der Straße" geriet darüber nicht in Aufregung. Das tut er - als Engländer - grundsätzlich nicht. Aber allenthalben wird "the war" diskutiert. Man äußert Besorgnisse. Die Kriegsteilnehmer von Anno 1939-45 fangen an, die alten Uniformen auszustauben.
Denen ihrer Kameraden, die in den Kasernen der jetzt fälligen Entlassung entgegensahen, bereitet das Programm der "Abrüstungs-Verlangsamung" bitteren Kummer (siehe Karikatur). Sie bleiben weitere drei Monate unter den Fahnen. Zunächst, heißt es. Damit wird sich am 1. Januar 1949 die Mannschaftsstärke um 80000 auf insgesamt 825000 Mann erhöht haben.
Zweitens wird die Territorialarmee von 55000 Männern und Frauen auf 150000 bis zum nächsten April gebracht werden. Um sie herum werde sich die Kampfkraft der Nation bilden, sagte Lord Montgomery.
Drittens werden alle Teilnehmer des Weltkriegs Nr. 2 neu registriert.
Viertens wird der britische Löwe seine dünn gewordenen RAF-Flügel um 60000 Männer und Frauen verstärken, da "Schwäche in der Luft ein Unglück bedeutet, eine militärische, wirtschaftliche und politische Katastrophe", wie Luftwaffen-Stabschef Lord Tedder nicht müde wird, zu versichern.
Fünftens endlich werden Flotte und Marine die Zahl ihrer Reservestreitkräfte um das Dreifache erhöhen.
Das alles, weil es - nach Feldmarschall Montgomerys Worten - noch durchaus zweifelhaft ist, ob wir schon den Punkt der Entwicklung erreicht haben, an dem die Menschheit allein mit Vernunftgründen dem Krieg ein Ende bereiten kann.
Er muß es wissen. Der ehemalige Generalstabschef des Britischen Empire wurde am Montag offiziell zum Oberkommandierenden der militärischen Allianz der Westeuropa-Union ernannt. Zwei Millionen Soldaten unterstehen seinem Oberbefehl. Ueber zwölf Millionen können im Notfall für die Verteidigung Westeuropas aufgeboten werden.
Oberkommandierender der Landstreitkräfte wurde der französische General Jean de Lattre de Tassigny.*) Im Hintergrund seiner Ernennung spielten sich Vorgänge ab, die ein bezeichnendes Schlaglicht auf Frankreichs innere und militärische Situation werfen.
Der sozialistische Verteidigungsminister Paul Ramadier hatte in der Konferenz der fünf Verteidigungsminister in Paris dem westeuropäischen Verteidigungsplan zugestimmt. Die französische Regierung, beunruhigt über die jüngste internationale Entwicklung, erklärte jedoch, daß sie die vorgesehenen Verpflichtungen nicht übernehmen könne. Sie würden weit über Frankreichs Möglichkeiten hinausgehen. Vor allem, solange keine militärische Garantie durch die USA vorliege.
Die Hauptargumente der Franzosen mochten ihren Ursprung im Friedenswillen
der Regierungskoalition haben - gewertet wurden sie in erster Linie als militärisches Armutszeugnis. Frankreich verfüge, so wurde betont, zur Zeit über weniger als sieben kriegsstarke Divisionen auf dem Kontinent. Das gesamte verfügbare Material würde nicht einmal zur Ausrüstung einer einzigen modernen Panzerdivision ausreichen.
Mit 30 Prozent aller Stimmen repräsentieren die Kommunisten in Frankreich eine nicht zu unterschätzende Macht. Ihre Streiks beweisen es gerade jetzt wieder. In einem Konflikt würden die Arbeiter nicht gegen die Sowjetunion kämpfen.
Charles de Gaulle, hinter dem 40 Prozent aller Stimmen stehen, hat eigene Auffassungen über die westeuropäische Verteidigung. "Ich denke, Europa muß auf dem Kontinent verteidigt werden und nicht in London", erklärte er unmißverständlich. Die Entscheidung mußte von der labilen Minderheit der Regierungsparteien getragen werden.
Als Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte war General Alphonse Juin vorgesehen, der gegenwärtig Generalresident von Marokko ist. Er flog von Casablanca nach Paris, um mit dem Ministerpräsidenten Queuille und dem Staatspräsidenten Auriol zu konferieren. Dann lehnte er ab.
Seine Begründung: er werde sich nur dem Oberbefehl eines amerikanischen Generals unterstellen, nicht aber Lord Montgomery. Ressentiments von 1940 - Englands Dünkirchen-Rückzug - haben dabei gewiß eine Rolle gespielt. Als General Juin kriegsgefangen auf der Feste Königstein bei Bad Schandau saß, äußerte der kluge Offizier sehr lebhafte Kritik an dem Verhalten der Engländer in der ersten Kriegsperiode.
Die britische Regierung drängte in Paris auf eine Entscheidung. Es blieb nichts anderes übrig, als General de Lattre de Tassigny zu ernennen. Trotz gewisser Zweifel, die eingeweihte Kreise in seine militärischen Fähigkeiten setzen. An persönlichem Mut gebricht es ihm nicht.
Der einstige Dragonerleutnant machte sich schon wenige Wochen nach Ausbruch des ersten Weltkriegs einen Namen, als er sich - durch einen deutschen Lanzenstich verwundet - mit dem Säbel seines Großvaters zu den eigenen Reihen durchschlug.
Knapp drei Jahrzehnte später, als Hitler auch Südfrankreich besetzen ließ, marschierte der effektvoller Wirkungen nicht unkundige Jean de Lattre de Tassigny mit sechs Offizieren und zwei Kanonen in einem Wäldchen bei Lyon auf. Ein Gendarm der Vichy-Regierung sorgte indessen dafür, daß sein Privatmanöver nicht in Blutvergießen ausartete.
Die zehn Jahre Gefängnis, zu denen ihn Vichy verurteilte, kürzte er aus eigener Initiative ab. Er durchsägte die Eisenstangen seiner Zelle und ließ sich mit einem Tau herunter. Auf Maquis-Schleichwegen entkam er nach London und schloß sich de Gaulle an.
Tassigny war der erste alliierte Truppenführer, der im zweiten Weltkrieg mit seinen Verbänden die Rhein-Grenze erreichte. Er unterzeichnete für Frankreich, als Deutschland sich ergeben mußte und führte später die französischen Besatzungstruppen nach Berlin. Wo in Zukunft die Grenze liegt, die zu verteidigen der General berufen ist, steht noch nicht fest.
"Asiens Grenze liegt an der Elbe," erklärte Winston Churchill erst am Dienstag. Aber weder militärische Experten noch Mister Smith in London und sein Schicksalsgenosse Monsieur Dupont in Paris geben sich Illusionen darüber hin, daß die Elbe-Rhein-Distanz für Bärentatzen wirklich nur ein Katzensprung ist. Trotz des Patentrezepts, mit dem Londons "Daily Mail" die neue Verteidigungsorganisation der Westunion begrüßte. Frankreich habe einen guten Stamm hervorragend ausgebildeter Soldaten. Waffen, Ausrüstung und Zubehör müßten aus Amerika kommen während der Kontinent die militärische Führung von England erwarte.
Angesichts der zumindest anfänglich schwachen englischen Kräfte sei ein britischer Oberkommandierender nicht gut zu rechtfertigen, meinte dagegen der "Manchester Guardian". Und fügte offenherzig hinzu, der wirkliche Oberkommandierende werde ohnehin ein Amerikaner sein. Westeuropa müsse sich in allem auf die USA verlassen. Außer in kriegerischen Ansprachen.
*) In der Luft wird der britische Luftmarschall Sir James Robb und zur See der französische Vizeadmiral Robert Jaujard befehlen.

DER SPIEGEL 41/1948
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