09.10.1948

Mit einer Milliarde verdunkelt

Die schwedischen Nächte sind um einen Schatten dunkler geworden. Die Lichtreklamen sind erloschen, und die Straßenbeleuchtung strahlt nicht mehr so hell wie früher. Der Mann am Schalter hat die Instruktion von der Rationierungsbehörde.
Die Rationierungsbehörde erklärt den sie bestürmenden Journalisten der Stockholmer Presse, daß der Kapazitätsausbau der Stromversorgung leider im Rückstand ist. Sie verweist auf die Asea, den großen Elektrokonzern.
Der Direktor der Asea aber zeigt ein paar russische Zeitungsausschnitte vor, in denen er der Lieferungssabotage beschuldigt wird. Sein weiteres Entlastungsmaterial ist ein mit sowjetischen Stempeln versehener Vertrag über Elektrifizierungsmaterial im Werte von 60 Millionen Kronen.
"Hätten sie nicht zuerst an unsere eigenen Kraftwerke denken müssen?" fragt einer der Reporter. "Wäre es nach unserer Regierung gegangen, so hätte ich für 250 Millionen unterschreiben sollen, und unsere Lampen würden noch trüber brennen", antwortet der Asea-Direktor. Es ist die Außenpolitik, die die schwedischen Nächte verdunkelt.
Begonnen hat die Verdunkelung schon 1945, als sich im Stockholmer Salon der sowjetischen Botschafterin Madame Kollontay der schwedische Handelsminister Gunnar Myrdal in ganz neuartige politische Projekte hineinplauderte. Die alte Dame mag manchmal geglaubt haben, Karl XII. oder Ivar Kreuger vor sich zu haben, als dieser Mann den Plan entwikkelte, mit Krediten bis zu drei Milliarden für die Tschechen, Polen, Finnen, Norweger und Dänen den Nachkriegs-Wiederaufbau zu finanzieren.
Da war es sogar noch bescheiden, für Rußland nur eine Milliarde in Anspruch zu nehmen. Am 7. Oktober 1946 wurde das sowjetisch-schwedische Handelsabkommen unterzeichnet. Die schwedische Regierung verpflichtete sich zu Lieferungen in Höhe von einer Milliarde schwedischer Kronen binnen fünf Jahren. Ueber die Rückzahlung würde in 15 Jahren zu reden sein.
Myrdal sagte damals: "Unsere Zusagen liegen im Rahmen unserer Kapazität". Das hat sich inzwischen als Irrtum erwiesen. Schweden ist, wie fast alle westeuropäischen Länder, Dollar-notleidend geworden.
Die schwedische Industrie kann die Waren für den einheimischen Markt und auch die für das Rußland-Geschäft nicht aus der hohlen Hand zaubern. Es braucht Rohstoffe, Halbfabrikate und Produktionsmittel, die gegenwärtig nur in den USA zu haben sind.
Professor Myrdal ließ 1946 auch außer acht, daß die Warenliste des Rußlandabkommens beispielweise die halbe Kapazität des schwedischen Lokomotivbaus und innerhalb von sechs Jahren die Zweijahres-Produktion des gesamten in Schweden hergestellten Elektrifizierungsmaterials erforderte.
Zwar hat sich die schwedische Wirtschaft nicht in diesem Maße in Anspruch nehmen lassen. Immerhin setzte aber der Rußlandvertrag die elektrische Energieversorgung so herab, daß jede trüber brennende Straßenlampe den schwedischen Staatsbürger an die unbezahlte Hypothek der fatalen Rußland-Milliarde erinnert.
Die schwedische Regierung haftet als Bankier für das Geschäft und muß jeden Vertrag kreditieren, den ein schwedischer Lieferant mit einer russischen Kommission schließt. Aber sie ist nicht verpflichtet, der schwedischen Industrie Lieferungen aufzuzwingen.
Seit einiger Zeit werden sogar für die Fabrikation im Rahmen des Rußlandgeschäfts vorgesehene Importgenehmigungen nicht mehr bewilligt. Damit kann der Myrdal-Vertrag als praktisch revidiert gelten.
So wurden bisher Zusagen der schwedischen Industrie nur bis zu 285 Millionen Kronen gegeben. Die tatsächlich ausgeführten Lieferungen haben erst ein Zehntel dieses Betrages erreicht.
Von einer Revision aber will der russische Partner nichts wissen. Demnächst wird nun der Marshallkredit in der schwedischen Wirtschaft zirkulieren. ERP-Administrator Hoffman wird kaum erlauben, daß dieser nach Osten abfließt. Die versprochene Myrdal-Milliarde bleibt aber immer eine auch politisch fatale Milliarde.

DER SPIEGEL 41/1948
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