09.10.1948

Die üblichen Kriminalgeschichten

Erst leise, dann lauter rief es der schwerreiche Industrielle Carlo Sacchi durch den Napoleon-Saal der Villa d'Este am Comer See: "Terrona! Terrona!" Und das ist das Schlimmste, was man einer stolzen Süditalienerin sagen kann. Es ist ein unübersetzbares italienisches "Saupreiß", Ausdruck des ewigen Antagonismus zwischen Nord und Süd.
Langsam hob Sacchis junge, elegante Nachbarin den Arm unter dem kostbaren Hermelinmantel. Es knallte, als sei ein Sektpfropfen in die Luft geflogen. Langsam sank Sacchi zu Boden.
Dann setzte die junge Frau den Revolver an die eigene Schläfe. Doch die Waffe versagte. Erst als die Gräfin rief: "Sie schießt nicht mehr!", wurden die anderen Gäste des mondänen Mitternachtsballes auf die Szene aufmerksam. "Mörderin!" tönte es durch den eben noch von Sambaklängen gefüllten Saal.
Nur wenige Stunden später wurden in allen italienischen Städten die Morgenzeitungen ausgerufen: "Mord in der Villa d'Este! Die Gräfin Bellentani hat ihren Liebhaber erschossen!"
Lange hatten die stets sensationslüsternen Italiener und die ihnen darin stets willfährige Presse keinen solchen Gesprächsstoff gehabt. UNO-Verhandlungen und Angestelltenstreiks sanken in die Ecken der Titelseiten. Alles sprach von der schönen Mördergräfin und dem Kriminalfilm, der in dem einstigen Palast des Renaissance-Kardinals Gallio abgerollt war.
In dem Palast, der heute eines der luxuriösesten und teuersten Hotels Italiens ist, war an dem fraglichen Abend eine große Modenschau für die Spitzen der lombardischen Aristokratie veranstaltet worden. Der ganze Sommer hatte noch keine solche Menge kostbarster Juwelen am Comer See vereinigt gesehen.
An einem Tisch in der Saalmitte saßen der Conte Bellentani mit seiner Frau, der Industrielle Sacchi mit der seinen, der einstigen deutschen Tänzerin Lilian Willinger, und ein paar Freunde. Gelangweilt ließen sie die Vorführung der neuesten Pariser Modelle über sich ergehen. Unverwandt, so wie ein Photograph es eine Stunde vor dem Revolverschuß für die mondänen Zeitschriften des Landes aufnahm (siehe Bild), richtete die Gräfin den Blick auf Sacchi.
Der bemühte sich, allen Damen am Tisch den Hof zu machen, nur ihr nicht. Dafür murmelte er ihr bei jeder Gelegenheit anzügliche Worte ins Ohr. Aeußerlich unbewegt saß die schöne Frau da, im weißen Seidenkleid mit goldenen Blumen und mit einem Diamantenhalsband von Millionenwert.
Nach der Modenschau begann der Tanz. Der Conte wollte nach Hause, doch die anderen bestimmten ihn, zu bleiben. Sacchi flüsterte der Gräfin zu: "Hast du im Ernst geglaubt, daß ich dich mit nach Amerika nehmen würde?" Wortlos ging sie zur Garderobe.
Im kleineren Nebenraum dem Napoleon-Saal, traf man sich wieder. Die Gräfin mit dem Hermelin um die Schulter und einer gelben Wolljacke über dem Arm. Maliziös lächelnd ging Carlo auf sie zu: "Hast du es wirklich geglaubt?" Sie bat ihn, sie in Ruhe zu lassen. Erfolglos.
"Laß das oder ich schieße", murmelte sie. Niemand außer Carlo hörte das. Und niemand außer ihm sah den Revolver, den sie unter dem Hermelin hervorzog.
"Kriminalgeschichten!", sagte Carlo. "Die üblichen Kriminalgeschichten von euch verfluchten Süditalienern. Terrona!" Und lauter: "Terrona!" Es knallte.
Die Contessa Pia Bellentani, die 32jährige Gattin eines der reichsten norditalienischen Aristokraten, Mutter zweier Kinder, hatte den Mann erschossen, der drei Jahre lang ihr Geliebter gewesen war. Und der sie verlassen, betrogen, beschimpft und ihren Stolz als Frau und als Süditalienerin beleidigt hatte.

DER SPIEGEL 41/1948
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