09.10.1948

Spatz in der Hand

Diese Messe ist das leuchtendste Beispiel für die Zusammenarbeit der beiden Sprachgruppen. Möge sie zu einer gleichgerichteten Entwicklung aller gesunden Kräfte führen, zum Wohle des Landes und der Region!" So sprach Italiens Ministerpräsident de Gasperi, als er seinen Besuch auf der ersten internationalen Bozener Mustermesse beendete.
Auf 11000 qm Bodenfläche haben im erst halbfertigen Bozener Gerichtsgebäude 550 Firmen ihre Erzeugnisse ausgestellt. Unter der ausländischen Beteiligung nimmt nach Oesterreich eine bayrische Ausstellergruppe den zweiten Platz ein.
Die Südtiroler Stände werden von den traditionellen Ausfuhrgütern, Obst und Wein, beherrscht. Ins Auge springen aber auch die Produkte der vom Faschismus im Süden der Stadt Bozen geschaffenen Industriezone: Erzeugnisse der Leichtmetall- und Schwerindustrie, "Lancia"-Autos, Baumaterialien, Holzprodukte und Alkohol.
Die Industriezone Bozens ist eines der zahlreichen Ueberbleibsel aus Südtirols zwanzig schwarzen Jahren. Sie war eine ausgesprochen politische Gründung und sollte, ohne Rücksicht auf finanzielle und wirtschaftliche Nachteile, das 1919 von Oesterreich gewonnene Südtiroler Land unlösbar an Italien schmieden. Durch sie wurde ein immer stärkerer Strom meist süditalienischer Industriearbeiter nach Südtirol hineingeschleust.
Parallel lief damit die völlige Italianisierung des Verwaltungsapparates. Am Ende des ersten Weltkrieges war das Land zwischen Brenner und Salurner Klause ein einheitlich deutsches Sprachgebiet. Ende 1921 schon wurden 20000 Italiener, meist Beamte mit ihren Familien, gezählt.
Nach zwanzig Jahren faschistischer Herrschaft war die Zahl der Italiener auf über 90000 gestiegen, die sich fast ausschließlich auf die größeren Städte verteilten. So ist Bozen heute eine mehrheitlich italienischsprachige Stadt.
In den drei parlamentarischen Nachkriegsjahren hatten die Südtiroler noch einige berechtigte Hoffnung, die versprochene Autonomie tatsächlich zu erhalten. Doch dann marschierten die Schwarzhemden auch in Südtirol ein und begannen, mit scharfem Besen österreichische Tradition und Südtiroler Eigenständigkeit hinauszukehren.
Südtirol ohne Südtiroler. Vor genau 25 Jahren wurde das Land in "Ober-Etsch" (Alto Adige) umgetauft. Italienisch wurde zur alleinigen Amts- und Unterrichtsprache erklärt. Namen und Orte wurden willkürlich italianisiert. Selbst in deutschsprachigen Texten durfte es zwar "Rom" und "Venedig" heißen, aber nur "Bolzano" und "Vipiteno" an Stelle von "Bozen" und "Sterzing".
Dann brach das tausendjährige Reich herein. Hitler verleugnete seine "Kampf"-Prinzipien und versicherte Mussolini die "Ewigkeit" der Brennergrenze. Die deutschitalienischen Abkommen vom 23. Juni und 21. Oktober 1939 sollten die Südtiroler Frage mit einer Gewaltkur lösen. Südtirol ohne Südtiroler war das Ziel.
Die Opfer durften sich ihre Metzger selbst wählen. Das nannte man Option. Von 216000 deutschsprachigen Südtirolern wollten 166000 nach Norden heim ins Reich, 50000 wollten lieber dableiben, obwohl die deutsche Propaganda geschickt das Gerücht verbreitete, daß sie nach Sizilien abgeschoben werden sollten. Die Italiener dementierten zu spät oder gar nicht.
Das wäre nur historisch interessant, wenn nicht die 166000 Deutsch-Optanten ihre italienische Staatsangehörigkeit verloren hätten. Und wenn nicht etwa 60000 von ihnen auch wirklich ins "Dritte Reich" eingezogen wären.
In dessen ostmärkischer Liquidationsmasse sitzt der größte Teil von ihnen noch heute. So spielt die Optantenfrage weiterhin in der Südtiroler Innenpolitik eine wesentliche Rolle. Nur durch Prüfung jedes Einzelfalles wird sie langsam gelöst.
Nach dem anderthalbjährigen "Alpenvorland"-Intermezzo des Gauleiters Hofer hofften die Südtiroler ebenso lange wieder auf den Anschluß. Diesmal auf den an Oesterreich. Doch in Paris entschieden die "Big Four" für Italien.
De Gasperi sicherte dort am 5. September 1946 Oesterreichs Außenminister Gruber schriftlich die Autonomie für die deutschsprachige Provinz Bozen und die benachbarten zweisprachigen Orte der Provinz Trient zu. Enttäuscht, doch nicht ohne Hoffnung, betrachteten die Südtiroler den Spatz in der Hand.
Rasch traten die italienischsprachigen, aber auch einst k. u. k.-untertänigen Trentiner auf den Autonomieplan und verlangten gleiches Recht für sich. Ein volles Jahr wurde gekuhhandelt, bis die italienische Nationalversammlung am 31. Januar 1948 das "Regionalstatut Trentino-Tiroler Etschland" annahm.
Welsche Trentiner und deutsche Südtiroler sahen gleichermaßen wieder nur Spatzen. Die Trentiner setzten die Flagge auf Halbmast, weil sie entsprechend der Sprachgrenze das Südtiroler Unterland (Salurn und Neumarkt) und damit ein Drittel ihrer Steuereinnahmen an die Provinz Bozen abtreten mußten.
Doch auch die Südtiroler sind unzufrieden. Erstens überhaupt. Zweitens, weil Trient und nicht Bozen die Hauptstadt der neuen zweiprovinzigen Region ist. Und drittens, weil das italienische "Alto Adige" nicht mit "Südtirol", sondern mit dem eher an eine Weinmarke erinnernden "Tiroler Etschland" übersetzt wird.
Keine Liebe für Tschitschero. Dem teilautonomen Spatz klebte die Regierung dann noch ein paar Schönheitspflästerchen auf, so daß die "Tirol-Etschländer" immer weniger der entschwundenen Taube der Vollautonomie nachtrauern. Die deutsche Sprache wurde wieder für gleichberechtigt in Amtsverkehr und Unterricht erklärt. Der Regional-Landtag soll immer je zwei Jahre in Trient und Bozen tagen und der Präsident für die genannte Amtsperiode abwechselnd aus der deutschen und der italienischen Sprachgruppe gewählt werden.
Zu schimpfen bleibt noch immer genug. Gerüchte wollen wissen, daß die für Oktober angesetzten Landtagswahlen verschoben werden sollen. Die Unzufriedenheit mit der langsamen Lösung der Optantenfrage wächst. Und Erziehungsminister Gonella hat für die Mittelschulen die italienische Aussprache des Lateinischen angeordnet. Die Südtiroler aber wollen, daß ihre Kinder den alten Römer Cicero "Zizero" oder auch "Kikero", aber keinesfalls "Tschitschero" aussprechen.
Die Unzufriedenheit mit der bedächtig vorgehenden De-Gasperi-Regierung erklärt das Anwachsen der Edelweiß-Liste der "Südtiroler Volkspartei" bei den letzten Gemeindewahlen. Und das Absinken der Christlichen Demokraten in der Stadt Bozen von 16000 Stimmen bei den April-Parlamentswahlen auf 7000 bei den Gemeindewahlen im Juli. Auch viele "Walsche" erhoffen sich von den Edelweißlern eine raschere Verwirklichung ihrer Ziele als von ihren eigenen, mehr zentralistisch ausgerichteten Parteien.
Vertrauensvoll blicken die Südtiroler, pardon: die Tirol-Etschländer, auf ihre Parlamentsvertreter in Rom. Auf die beiden Senatoren Raffeiner und Braitenberg und auf ihre drei Edelweiß-Abgeordneten: den 61jährigen Otto von Guggenberg, den Rechtsanwalt Anton Ebner und den jungen Journalisten Friedrich Vollger, der anderthalb Jahre in Dachau saß.
Mit gedämpftem Optimismus sehen die Südtiroler in die Zukunft und nach dem noch immer ihrem Obst und Wein verschlossenen Norden. Viel ist seit Kriegsende schon geleistet worden. Längst ist die schwerbebombte Brennerstrecke repariert.
Deutsche Touristen fehlen. Vieles ist auch in dem stark angeschlagenen Bozen wieder aufgebaut. Darüber erhebt sich Südtirols Wahrzeichen, der unbeschädigte Turm der Pfarrkirche. Auch Meran hat deutsche Kriegs- und amerikanische Nachkriegsbesatzung gut überstanden. Mit fast friedensmäßigem Kurbetrieb empfängt es Gäste aus aller Welt zu Pferderennen, Traubenkuren und Kulturwochen. Aber die deutschen Touristen fehlen, und viele große Hotels stehen leer.
Südtirol hat wieder eine deutsche Presse, angeführt von den Bozener "Dolomiten" und dem schon über die Landesgrenzen hinaus bekannten Meraner "Standpunkt". Beamte und Kellner, Schaffner und Polizisten sprechen beide Sprachen.
In den unzerstörten "Lauben" in Bozen werden die Waren auf deutsch und italienisch angepriesen. Aus der "Piazza Vittorio Emanuele", dem einstigen "Waltherplatz", ist ein "Marienplatz" geworden. Bald soll das Walther-von-der-Vogelweide-Denkmal wieder hier, im Mittelpunkt der Stadt, aufgestellt werden. Die Faschisten hatten es auf eine abgelegene Parkwiese verbannt.
Und jenseits der Talfer steht unversehrt und mit faschistischen Liktorenbündeln seit zwanzig Jahren das marmorkalte Siegesdenkmal. Einst sollte es die gewaltsame Italianisierung des Landes besiegeln. Während das Walther-Denkmal Sinnbild der deutschen Kultur Südtirols geblieben ist, ist Piacentinis Triumphbogen weiter Symbol der politischen Macht und Nähe Roms.
Zwischen den beiden Polen soll harmonisch das Leben dieses Volkes an der Grenzscheide von Nord und Süd kreisen. Und gegenüber den Marmorquadern des Siegesdenkmals leuchtet noch immer der Rosengarten wie eine Märchenburg in den letzten Strahlen herbstlicher Sonne.

Unter einem Regenschirm am Abend
präsentierten sich Essuma Jahene und Nana Sir Tsibu Daku, zwei Negerfürsten der britischen Goldküsten-Kolonie, in Kimono und Sandalen den Londoner Pressefotografen (links). Essuma und Nana gehören ebenso wie Ella Bai Koklos (rechts), die mit Schlangenleder-Einkaufstasche, kreppgesohlten Elefantenleder-Schuhen und afrikanischem New Look bewaffnete Lieblingsfrau des Häuptlings von Sierra Leone, zu den über siebzig Teilnehmern der afrikanischen Kolonialkonferenz, die augenblicklich im Londoner Lancaster House tagt. Die dunkelhäutigen Gentlemen repräsentieren die 44 Millionen Einwohner der elf afrikanischen Kolonien Großbritanniens: Nigeria, Goldküste, Sierra Leone, Gambia, Britisch-Ostafrika, Kenya, Uganda, Tanganyika, Sansibar, Nordrhodesien und Nyassaland. Auf der langen Tagesordnung der Zwei-Monate-Konferenz stehen vor allem wirtschaftliche, soziale und administrative Probleme. Englands Regierung hat keine Kosten und Mühe gescheut, um ihre Buschmännlein und -weiblein auch außerdienstlich auf das Angenehmste zu unterhalten. Die "New York Herald Tribune" kommentiert: "Auf lange Sicht werden die Briten von dem veränderten Konzept ihrer Kolonialpolitik ebenso profitieren wie die Kolonien selbst".

DER SPIEGEL 41/1948
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