09.10.1948

Tannu Tuwa tabu

Durch verschiedene Indiskretionen ist in diesen Tagen für die Welt diesseits des Eisernen Vorhanges das Geheimnis ein wenig gelüftet worden, in welcher Region ihres Riesenreiches die Sowjets an der Herstellung von Atombomben arbeiten. Das Zentrum dieser russischen Atom-Industrie befindet sich weder im Gebiet nördlich des Baikal-Sees noch im Kaukasus, wie von der westlichen Presse verschiedentlich behauptet wurde. Es ist, nach der neuesten Version, im Gebiet der Republik Tannu Tuwa in der nördlichen Mongolei zu suchen, dem am weitesten vom Meer abgelegenen Teil des Sowjetreiches.
Rußlands Atomzentrum ist ein "Haus mit dicken Mauern". So wurde Tannu Tuwa einmal genannt. Eine Weltgeschichte lang war es Streitball zwischen den Mächten hinter seinen Grenzen: Russen, Mongolen und Chinesen. Nachdem es 23 Jahre selbständige Volksrepublik unter roter Fahne gewesen war, wurde es schließlich 1944 autonome Sowjetrepublik.
Zwischen Sibirien, dem Altai-Gebirge und der Wüste Gobi ist es eines der unzugänglichsten Gebiete der Erde. Tuwa ist nicht nur das Herz der sowjetischen Atomkriegsplanung. Es ist auch die asiatische Flankenfestung des UKK.
Die Zauberformel UKK ist für die Sowjets so wichtig wie das Geheimnis der Atombombe. UKK heißt: Ural-Kusnezker-Kombinat. Der Raum hinter dem Ural und das Becken von Kusnezk, Asiens zweitgrößtes Kohlenlager, bilden die wirtschaftlichen und damit militärischen Schwerpunkte der UdSSR. Kusnezk ist das Herz Mittelsibiriens und auch für Langstreckenbomber ein schwer erreichbares Ziel.
Tannu Tuwa ist hermetisch verriegelt. Rotarmisten sperren die wenigen Bergpässe, die über das Sjanische und das Tana-Gebirge in die riesige Tallandschaft führen. Nur Flugzeuge mit Hochdruckkabinen können die Felswände überfliegen. Jeder Zugang nach Tuwa ist ein Thermopylae.
Für die Sowjets ist dieser jahrzehntelange Vorposten Rußlands im Kampf um Asien heute "tabu". Die Zeitungen, angefüllt mit Berichten aus den entlegensten Winkeln der Union, scheinen seinen Namen nicht mehr zu kennen. Seit Hiroshima wird er mit Methode totgeschwiegen.
Von Zeit zu Zeit rollen streng bewachte Züge mit russischen und deutschen Technikern oder KZ-Häftlingen in Richtung Tannu Tuwa. Die Republik verschlingt alle diese Menschen. Mit Ausnahme einzelner hoher Offiziere und gewisser Gelehrter kehrt niemand mehr zurück.
1946 und 1947 gingen etwa 30 Gruppen von Gelehrten und Spezialisten nach Tannu Tuwa, um sich an "wissenschaftlichen Experimenten" zu beteiligen. Auch große Mengen von Fabrikmaterial wurden nach Tannu Tuwa transportiert. Das Eisenbahnnetz in Südsibiren wird mit Hilfe von Hunderttausenden von Arbeitssklaven in aller Eile aufgebaut. Eine Abzweigung nach Tannu Tuwa ist in dieses Netz einbegriffen.
Zwischen ungehobenen Schätzen an Gold, Erz, Kohle, Silber, Platin, Iridium, Asbest und Mangan treiben Preßluftbohrer und Sprengladungen kilometerlange Stollen in die Bergungetüme am Jenissei. Natürliche Gänge, riesige Grotten und Höhlen erleichtern ihnen das Werk. Wenn sie nicht dort weiterarbeiten, wo Menschenalter vor ihnen die Mongolen ihre Erzbergwerke ins Gestein geschachtet haben.
Ob die Sowjets die 65000 Tuwiner nach Südsibirien und Turkestan umgesiedelt haben, ist nicht erwiesen. So wenig wie die angebliche "Liquidierung" der tuwanischen Regierung zu jener Zeit der "Selbständigkeit", als die Russen das Land de facto beherrschten, von einer Annektion jedoch noch Abstand nahmen. Aber niemand kann sagen, wo Donduk geblieben ist, der Präsident des Großen Churuldan (Reichstag), der die höchste Gewalt im Staate besaß.
Eines der wenigen und letzten Bilder zeigt den glattgebürsteten Asiaten mit undurchdringlichem Gesicht und undefinierbarem Alter an seinem primitiven Arbeitstisch. Neben ihm - wie er in das schlafrockartige, pelzgefütterte Obergewand der Tuwiner gehüllt - der kahlköpfige Ministerpräsident Kemtschigol. An seiner Linken Moskaus Gesandter Starkow. Im Rollkragenpullover.
Donduk und Kemtschigol haben das Land recht und schlecht regiert. Soweit sich ein Volk der Wanderhirten überhaupt regieren läßt. Sie hatten es nicht leichter als ihre Vorgänger: Mongolen, Kommissare des Zaren, rote Freischärler, weiße Kosaken und Chinesen.
Kisyl-Choto, die "rote Stadt" und Holzhütten-Metropole Tuwas (sie hieß früher Bjelozarsk, die "Stadt des weißen Zaren"), hat viel Blut in ihren wenigen verschlammten "Straßen" fließen sehen. Ihr "Foreign Office" ist nur ein schlichtes Blockhaus. Dafür gibt es jetzt Kino und ein E-Werk. Und vor allem eine Parteischule.
Ein Gesundheitsministerium besitzen die Tuwiner nicht. Dafür aber ein großzügiges Liebesleben. Die Syphilis ist in dem hochgebirgigen Land die am weitesten verbreitete Krankheit. Obwohl die Heilkunde der einheimischen Medizinmänner Quecksilber als Heilmittel kennt.
Die Verbreitung der Syphilis ist nicht zuletzt auf die Lamen, die buddhistischen Priester des Landes, zurückzuführen. Trotz des Eheverbots für Mönche führen sie in ihren heruntergekommenen Klöstern idyllische Familienleben. Auch von dem Verbot berauschender Getränke halten sie nicht viel. Auf jedem alten Atlas sind die Klöster als "Brennereien" eingetragen.
Nur das Gebot, kein lebendes Wesen zu töten, wird von den tuwanischen Dienern Buddhas streng befolgt. Aus Faulheit. Denn die Jagd ist die einzige anstrengende Tätigkeit.
Uneheliche Kinder gelten in Tuwa nicht als Schande. Sie beweisen im Gegenteil die Fruchtbarkeit des Mädchens und erhöhen seinen Kaufpreis. Im modernen Tannu Tuwa müssen die Väter Alimente zahlen.
Auch als Ehemänner stehen sie sich schlecht: sie haften für die Vergehen ihrer Frauen. Wenn sie stiehlt, wird er so lange geprügelt, bis sie gesteht. Meistens hat sie damit keine Eile.
Zwei Eigenschaften haben die Tuwiner berüchtigt gemacht, bevor ihr Land Sowjetrußlands Atom-Kronjuwel geworden ist: Kleptomanie und Schmutzigkeit. Am ersten Übel ist die zahlenmäßige Schwäche gegenüber äußeren Feinden schuld. Die Tuwiner versuchten Eindringlinge deshalb immer gern durch Diebstähle und Hinterhalt statt durch offenen Kampf zu verscheuchen.
Schuld am zweiten Übel ist die Religion der Tuwiner. Sie haben die Reinheit des Wassers zu achten. Der Tuwiner entkleidet sich nicht, wäscht sich nicht, badet nicht. Wird er hierauf angesprochen, so läßt er die 108 Perlen des buddhistischen Rosenkranzes durch seine dreckigen Finger rieseln und antwortet: "Meine Religion verbietet es mir."

DER SPIEGEL 41/1948
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