09.10.1948

Ausverkauf

Wir sind keine Konkurrenz für Leipzig", sagen die Frankfurter Messeleute, "aber Leipzig ist auch keine Konkurrenz für uns".
Die erste alle Waren umfassende DM-Messe Westdeutschlands stürzte die Mainmetropole in ein sechstägiges Großstadtdelirium à la Paulskirchenwoche. Bereits seit 1945 wollten die Frankfurter wieder ihre Messe durchführen. Aber der Wiederaufbau des 65000 qm großen zerbombten Ausstellungsgeländes in der Festhalle ging nur langsam voran.
Schon Wochen vorher waren Frankfurts Einwohner messebewußt gemacht worden. Gern haute das redefreudige Stadtoberhaupt Walter Kolb dabe auf die Traditionspauke. "Schon 1227 reisten italienische Kaufleute nach Frankfurt und brachten Seiden und Sammete, Südfrüchte und Gewürze, Waffen und Goldschmiedearbeit".
Zu Walter Kolbs Herbstmesse 1948 brachten sie die "Wespe" und die "Biene", zwei stromlinienförmige Leichtmotorräder aus Aluminium mit 125 ccm, Höchstgeschwindigkeit 70 km/st, Brennstoffverbrauch 1 Liter auf 50 Kilometer. "Mit dem Frack können Sie auf unserer 'Wespe' fahren, ohne sich schmutzig zu machen", erklärten die Männer vom Stand der Firma Piaggio & Co. aus Genua. Kostenpunkt 260 Dollar. Mit Käufern aus Teheran und Bombay hatten sie bereits abgeschlossen.
Die deutsche Vertriebsfirma des italienischen Motorradwerkes in Pontedera beabsichtigt, das Kleinmotorrad im Frühjahr 1949 auch in Deutschland gegen D-Mark zu verkaufen. Vorläufig bleibt es den Inhabern von Bonus-B-Erlösen aus dem Export vorbehalten.
Die "Görike-Werke" bringen einen deutschen 75-ccm-Zweitaktmotor heraus (Modell Lutz). Der winzige Kleinmotor kann in jedes Fahrrad eingebaut werden. Er leistet im Durchschnitt 35 Kilometer je Stunde und verbraucht auf 100 Kilometer nur einen Liter Brennstoff. Der Anschaffungspreis liegt bei 230 DM.
Für 27 DM Einzelverkaufspreis bietet eine deutsche Ausstellerfirma neuartige Schälmaschinen für Kartoffeln, Obst und Möhren an. Das kleine Gerät wird wie ein Fleischwolf an die Tischkante angeschraubt und schält durch Drehen der Handkurbel schneller und dünner, als es mit dem Messer möglich ist.
Ueber 56000 Messehungrige strömten nach Walter Kolbs Begrüßungsansprache durch die Eingangstore und auf die kiesbestreuten Gänge der fünf großen Ausstellungshallen und zwölf Zelte. Trotz währungstechnischer Abwehrmaßnahmen (Messekarten 5 D-Mark) hatten sich zum Kummer der Aussteller viele Sehleute eingestellt. Sie belagerten Feist's Sektbar, stürmten die Rollmopsbuden und ließen sich in Halle II (Nahrungs- und Genußmittel) kostenlose Kostproben reichen.
Von den ausländischen Teilnehmerstaaten schickte Holland das stärkste Firmenaufgebot. Auf einer 600 qm großen holländischen Kollektivschau zeigt der Philips-Valvo-Konzern einen Plattenspieler, der selbständig zehn Schallplatten nach- und durcheinander auswechselt, eine Radioröhre von 26 mm Durchmesser, einen Hochfrequenzerhitzer, der Sperrholzplatten innerhalb von zwei Minuten klebt und formt und Radioapparate in allen Dollar-Preislagen.
"Fragen Sie nicht nach den Preisen", winken die Holländer ab. Sie wollen aber trotzdem im nächsten Jahr ihr Philetta-Kleinradio für 350 bis 400 D-Mark in Westdeutschland auf den Markt bringen; im Rahmen des Handelsvertrages. "Der ist überhaupt unsere große Hoffnung", sagte der Standleiter und rasierte sich zum dritten Male mit seinem Philips-Trockenrasierapparat für die Presse.
Die Ausländer machen nur einen geringen Prozentsatz der 1815 Ausstellernamen im 420-Seiten-Messekatalog aus. Von den Deutschen entfallen 63 Prozent auf die amerikanische Zone und 27 Prozent auf die britische Zone. Die Aussteller aus der französischen Zone halten sich mit 5 Prozent die Waage mit den Berlinern und Ostzonalen. Von den ursprünglich angemeldeten 80 Berliner Firmen meldeten sich 37 im letzten Augenblick wieder ab. Die "Thüringer Schau" kam nicht. 40 Firmen aus der Ostzone waren durch ihre westlichen Filialen vertreten. Westdeutschlands größte und bekannteste Firmen fehlten.
Schon in den Vormittagsstunden des ersten Tages hingen an verschiedenen Ständen der Textilhalle Schilder "Alles lieferbar - Tageskontingent vergeben." Am dritten Tage waren fast alle Branchen ausverkauft. (Viertageumsatz etwa 250 Millionen D-Mark.) Textilfirmen nahmen nur noch langfristige Lieferverträge (bis zu neun Monaten) an. Andere verlangten bereits Materialgestellung.
Die Rhein-Main-Bank registrierte Anträge auf erhebliche D-Mark-Kredite. Einige Firmen hatten große Aufträge angenommen, die sie nicht allein finanzieren konnten.
Der Verkaufserfolg reizt die Messegesellschaft Frankfurt-Main (alleiniger Gesellschafter ist die Stadt Frankfurt) zu neuen Unternehmungen. Für 1949 stehen bereits vier Messen in den Plänen des Organisatoren-Zwillingspaares Julius Schnorr und August Wiederspahn: Eine technische Frühjahrsmesse (24. bis 29. 4), eine Herbstmesse (25. bis 30. 9.), eine Fleischerei-Fachmesse (13. 7. bis 7. 8.), eine Agrarmesse (28. bis 30. 10.) sollen die westdeutsche Verlegenheits-Hauptstadt zu Westdeutschlands künftigem Messezentrum machen.

Eine zweite Währungsreform
können wir uns nicht leisten. Die DM muß gehalten werden, kommentiert Finanzsenator Walter Dudek die Sieben-Zehntel-Streichung durch die Militärregierung. Nach den abgelehnten deutschen Vorschlägen sollte die Kopfquote auf 25 DM beschränkt werden, um eine höhere Aufwertung der Sparkonten zu ermöglichen. (Viele Betriebe hatten die eingefrorenen Konten bereits für neue Kredite belastet.) Durch die Freigabe von 2 DM für je 10 Festkonten-Mark wird der bereits reichliche Geldumlauf von fast 11 Mrd. D-Mark um eine weitere Milliarde erhöht werden. Das drückt viele deutsche Inlandspreise noch höher über die Weltmarktpreise hinaus. Hamburgs Finanz-Dudek sieht den kritischen Punkt für die D-Mark dann gekommen, wenn der Weltmarkt sich mit seinem ganz anderen Kosten- und Preisgefüge ungehindert auf die deutsche Wirtschaft auswirken kann. Schon heute können die meisten Erzeugnisse im Ausland billiger produziert werden als in Deutschland.
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Welt-Teuerung:
KOSTEN IN DTSCHLD. ENGLD. USA
PREIS 1938 IN REICHSMARK PREIS 1948 IN D-MARK
1 to WEIZEN 205,20 260, - 82,80 355, - 84,70 214,10
100 kg BUTTER 261,70 452, - 140,74 254,30 153,43 273,60
100 kg ROHEISEN 63, - 145, - 65,35 106 58,88 112
1 to STEINKOHLE 140, - 325, - 145,70 250, - 199,90 384,50

DER SPIEGEL 41/1948
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