09.10.1948

KunstDer Kunst eine Gasse

Die Münchner Künstler haben dem schwer angeschlagenen Neptun auf seinem Brunnen ein Plakat angehängt: "Und über uns der Himmel! Jeden Dienstag und Freitag". In diesen Tagen tragen die Künstler ihre Kunst unters Volk: Die Künstlergewerkschaft der kulturell und geistig Schaffenden veranstaltet Freilichtverkäufe.
An den Steinbecken des Rondells im alten Botanischen Garten lehnen Bilder aller Techniken und Formate und vieler Richtungen. In den umliegenden herbstbelaubten Anlagen bieten Schwarzhändler teure Erfrischungen an Allerdings ohne behördliche Verkaufsgenehmigung des Kultusministeriums, dem der Garten untersteht.
Das Münchner Publikum zeigt sich musenfreundlicher als erwartet. Stilleben werden bevorzugt, vor allem, was im Jargon unter "Spinat mit Ei" läuft: Bilder mit eßbaren Motiven. Ein Oelschinken mittlerer Größe kostet 100-200 DM. Zu den häufigsten Gründen, mit denen das hoffnungsvoll begrüßte Publikum sich vom Kauf zurückzieht, gehört der Einwand, daß die für ein Bild notwendigen Wände im Heim fehlten.
Die beiden Münchner Bürgermeister Thomas Wimmer und Dr. Scharnagl stellten tröstliche Ankäufe in Aussicht. Das bayrische Kultusministerium gewährte den Malern die Bitte, in Gemeinschaftsarbeit den ausgebombten Herkules-Pavillon hinter dem Neptun-Brunnen auszubauen. Darin soll die Notaktion im Winter ein Obdach haben.
Die Gewerkschaftsgenossenschaft Münchner Künstler erhielt einen Ueberbrückungszuschuß von 25000 DM, den sie aber ablehnte, um sich ihre Unabhängigkeit zu wahren. Die 2000 gewerkschaftlichen Künstler haben dafür die Notaktion beschert bekommen. Die Gewerkschaft hat die Gewerbelizenz für sieben Mark erworben und vergibt sie an die ausstellenden Künstler weiter. Eine Jury will vorsichtig das Ausstellungsniveau nach oben steuern.
Für die Künstlerhilfe-Lotterie wurden die ausgestellten Bilder als Prämien numeriert. Die Lose kosteten 20 DPf., und die Gelegenheit, für zwei D-Groschen Kunst zu erwerben, wurde von den Münchnern begierig ausgenutzt.
Die Lotterie war die Ouvertüre zum großen Künstler-Blumenkorso, der zugunsten notleidender Kunstschaffender vom Nationaltheater bis zur Bavaria auf der Festwiese führte. Die Idee zu dem verspäteten Faschingszug "München zieht durch München" hatte die Opernsängerin Melanie von Brockwitz gehabt.
Ihr Sieg über die anfangs bedenkenvollen Stadtväter kostete Frau von Brockwitz wochenlange Sirenengesänge, ein Paar im Straßenbahngedränge zerrissene Seidenstrümpfe und viel Nerven. Allein von sieben Brauereien hatte sie sich 350 Maß Bier für die Kollegen ergattert.
Der Münchner Stadtrat gab schließlich sein Ja- und ein Vorwort für das Programm. Hedwig Courths-Mahler, die Millionen-Auflage-Autorin von "schlichten Geschichten fürs traute Heim", steuerte ein Gedicht von 5mal 4 Zeilen bei, in dem sich gut und Mut, Pein und ein, beschieden und Frieden und allem auf Gefallen reimt.
Die Münchner standen Spalier durch die ganze Stadt, um den Zug zu sehen. Sogar 20-Mark-Scheine rissen sich die Einwohner der Kunststadt für die Sammelbüchse aus der Brieftasche über dem berühmt goldenen Herzen.
Pünktlich 14 Uhr wurde das Münchner Kindl, die rotblonde Christl Förster, auf den Bräugaul gehoben, und die Marschkapellen faßten Tritt zu Lützows wilder, verwegener Jagd. Die prachtvoll silbergeschirrten Pferde des Augustiner- und des Hackerbräu zogen mit stoischer Bierruhe ihre ungewohnte Last, die sichtlich gefüllte Maßkrüge schwenkte und dementsprechend jodelte.
Man sah im Festzug auch Fräulein Ingeborg Barbara Samulowski. Sie war die Siegerin in dem Wettbewerb gewesen, in dem die Motion Picture Export Assosiation nach der Marlene-Dietrich-ähnlichsten Münchnerin gesucht hatte.
Unter 100 Bewerberinnen von 16 bis 54 Jahren hatte Fräulein Samulowski, 23 Jahre alt, aus Klagenfurt gebürtig, Mannequin und Chansonette, den 100. - DM-Preis errungen. Außerdem fiel ihr die Aussicht zu, in einem in Deutschland spielenden Film für Marlene Dietrich zu doublen.
Unter Locken und Straußenfedern saß sie lächelnd und fächelnd im Fond der Kutsche. Mit fast echtem Lächeln verteilte sie unzählige Autogramme.
Von Karl Valentin, Münchens verstorbenem melancholisch-philosophischen Spaßmacher, wurde eine Riesenpostkarte mit himmlischer Briefmarke mitgeführt: "An die Münchner in München". Darauf stand: "I hab's glei g'sagt, in München is' schöner!"

DER SPIEGEL 41/1948
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