09.10.1948

KunstAbgebrochene Krücken

Mit bewunderndem Interesse stand ein Fremder vor der Front des Markusdoms in Venedig. Mittelgroß, unauffällig gekleidet, glattes Haar, gebräunte Haut, große schwarze Augen. Keinem Venezianer wäre er aufgefallen, hätte der Fremdling nicht etwas ganz Besonderes aufzuweisen gehabt: den wahrscheinlich seltsamsten Schnurrbart, den es auf der Erde gibt.
Kaum sichtbar ist er auf der Oberlippe. Erst an den Enden wird er breiter und ist zu einer feinen, ganz gleichmäßigen Spirale gezwirbelt. Um dieses sehr originelle Werk zu schaffen, hat es jahrelanger Uebung bedurft. So erzählt der Mann mit dem Schnurrbart, Salvador Dali.
Dali ist einer der Eckpfeiler jener Richtung in der modernen Malerei, von der die einen sagen, sie stelle die "traumhaft wirkliche Unwirklichkeit" dar: des Surrealismus. Wogegen andere dem Surrealismus nachsagen, er sei mehr das Produkt einer absichtlichen Phantasie als getreuer Interpret "wirklich" geschehener Träume.
Dali ist nach Italien gekommen, nicht um die lange Reihe seiner berühmt-berüchtigten Gemälde durch einige weitere zu ergänzen, sondern um klassische Architektur zu studieren. In Venedigs Grand-Hotel erklärte er Journalisten, daß die Zeit der abstrakten und surrealistischen Malerei nun endgültig vorbei sei.
Die Malerei müsse zu den klassischen Traditionen zurückkehren, sagte Dali. Die Malerei müsse "kosmogonisch" sein und sich wieder mit den wissenschaftlichen Grundlagen, mit Physik und Anatomie befassen.
Dali zeigte eine Skizze zu seinem neuesten Gemälde, der "atomischen Venus". Ganz zeitgemäß-klassisch. Die dargestellten Gegenstände gehorchen nicht den Schweregesetzen. Ruhend, aber wie in der Luft aufgehängt, erscheinen Frau, Meer und Felsen, wie schon auf Dalis "atomischer Leda".
Ueber die Art, Gegenstände voneinander losgelöst und schwebend darzustellen, hat Dali gesagt, sie stehe "im Einklang mit der modernen Nichts-berührt-sich-Theorie der Intraatomphysik". "Leda berührt den Schwan nicht, Leda berührt das Piedestal nicht, das Piedestal berührt den Boden nicht, der Boden berührt die See nicht, die See berührt den Strand nicht". So schrieb Dali in seinen "Dali News".
Doch Dali malt nicht nur anders, er hat auch eine andere Weltanschauung. Er nennt sie "klassisch-militanten Katholizismus". Der sei nur in Spanien, seinem Heimatland, vertreten, und von dort werde die neue Renaissance der Malerei ausgehen. Frankreich sei unrettbar dekadent geworden.
Diese Erklärungen waren die einzige Bombe, die bei Dalis Besuch in Venedig platzte. Man war Schlimmeres von ihm gewohnt.
Sonst brach bei seinem Besuch immer irgend etwas aus: der Abessinienkrieg, als er das erstemal nach Turin kam, ein Anarchistenaufstand bei einem Besuch in Barcelona, beim nächsten ein Großfeuer in dem Theater, in dem er gerade einen Vortrag halten sollte, und während eines halbstündigen Aufenthalts in einer amerikanischen Stadt brach einmal ein Löwe aus und tötete ein Kalb und eine Ziege. Mit großen Augen schaute Dali zu.
Schon als Kind hatte er die Augen immer weit aufgemacht und gesehen, was niemand sonst sah. In dem katalonischen Orte Figueras, in dem er vor 44 Jahren geboren wurde, entwickelte sich die möglicherweise blühendste Phantasie, die je ein Maler besessen hat.
Er und seine Malerei entwickelten sich rasch. Auf der Schule und an der Kunstakademie in Madrid hatte er wenig Glück, gleich schimpflich mußte er erst die eine, dann die andere verlassen. Für Spanien war alles, was er dachte, sagte und tat, zu seltsam, zu verrückt. Der junge Salvador fühlte, er paßte nur nach Paris, und er behielt recht.
In Paris wurde Dali rasch zu einem der Führer der surrealistischen Bewegung. Zunächst weniger durch seine Malwerke als durch seine Erfindungen:
Auf die Fingernägel aufgeklebte kleine Spiegel, Goldfischgläser mit lebenden Insassen, am Armband zu tragen, Ventilatoren, die beim Drehen Figuren zeichnen, Schuhe mit kleinen Blasebälgen im Hacken, um weicher zu gehen, der Divan in Lippenform. Und vor allem der zwei und drei Meter lange Spazierstock aus Brotteig Ben Akiba war widerlegt. Das war noch nicht dagewesen.
Doch all das brachte seinem Schöpfer wenig ein, bis Dali, den bereits berühmt gewordenen Mammutbrotspazierstock in der Hand, sich an die Eroberung Amerikas machte. Rascher als Kolumbus sich eine Insel machte er sich einen ganzen Kontinent untertan, nicht mehr mit den Erfindungen der Pariser Zeit, sondern mit seinen immer phantastischer und bizarrer werdenden Gemälden.
Ein unentbehrliches Attribut machte seine Bilder zunächst bekannt, die Krücke, die seine erste Erfindung war, noch auf spanischem Boden. Die Welt schien sich für Dali aufzulösen, zu verflüssigen. Nur die Krücke konnte die Welt zusammen- und hochhalten. So stützten auf seinen Bildern Krücken den Himmel und die Menschen, das Kinn und die Augenlider.
Seine Bilder waren das Phantastischste und das Seltsamste, das vom Normalen am meisten Abgerückte, was man je gesehen hat. Nun ist ein neuer Dali nach Italien gekommen, um den Dogenpalast und die Peterskirche, Giottofresken und die Sixtinische Kapelle zu studieren. Der andere Dali, der surrealistische, ist tot. Uebrig geblieben von ihm ist nur der Schnurrbart mit den Spiralenspitzen.

DER SPIEGEL 41/1948
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