09.10.1948

BÜHNESeemannsschritt und Duce-Wagen

Er hat etwas, was es jetzt nur noch selten gibt, den Glanz des Theaters", hat Alexander Moissi, der leidenschaftliche Schauspieler, einmal von Hans Albers gesagt. Die Hamburger fanden das auch. Sie hatten Albers seit fünf Jahren nicht mehr auf der Bühne gesehen. Die Albers-Premiere im Hamburger Flora-Theater, von der "Auslese" veranstaltet, wurde dementsprechend eine Art Volksfest.
Im früheren Schwarzmarkt-Hauptquartier rund um die Flora war das letzte Aufgebot alarmiert. Die Premieren-Damen im New Look schritten durch ein Spalier von Schokolade- und Ami-Flüsternden. Die Autoauffahrt war friedensmäßig.
Zum Schluß der Liliom-Premiere, die noch den Namen des verstorbenen Karl Heinz Martin als Regisseur trug, und in der Helga Zülch die Julie war, gab es überdimensionale Blumengebinde, hochprozentige Flaschen und Dauerbeifall. Im Parkett saß auch Hansi Burg, die Frau von Hans Albers. Sieben Jahre ist Ehepaar Albers getrennt gewesen. Kurz vor Kriegsausbruch war Hansi Burg nach England gefahren.
Nach der Premiere gingen die Wellen am Bühneneingang hoch. Eine Stunde stand die Menschenmauer. Eine halbe Stunde mußte Albers Autogramme geben. Als er dann ein kleines Künstlerlokal gegenüber dem Theater besuchte, wollte das Publikum stürmen. Der Wirt schwärmt für den zugkräftigen Gast. Albers schwärmt für den Wirt und seine Hamburger Steaks.
Als Hans Albers braungebrannt, jugendlich im hellen Sakko, mit einer roten Rose im Knopfloch in seiner Heimatstadt aufkreuzte, wurde zunächst einmal ausgiebig Geburtstag gefeiert. Mit Seemannsschritten ging er an Bord der Alsterschiff-Gaststätte. Heute werde ich 30, sagte er.
Er war wieder zu Hause. Seine zweite Heimat seit vielen Jahren ist der Starnberger See. Von seinem Landhaus in Gerhardshausen startete er im Frühjahr zur Schweiz-Tourné. 72mal hat er vor den Eidgenossen Liliom gespielt. Hamburg sah Albers' 1064. Liliom.
Als er in Zürich war, kam der argentinische Großindustrielle und Kunst-Mäzen Fränkel über den Pazifik geflogen. Während des ganzen Krieges hat er das deutsche Theater in Argentinien durchgehalten und finanziert, zusammen mit dem Theaterleiter Jacob. Nach Zürich brachte er eine Einladung mit: Anfang 1949 wird Albers auf einen Sprung nach Argentinien fliegen.
Deutsch-südamerikanische Filmkombinationen stehen am Horizont. Auch für den Verleih deutscher Filme in Uebersee will Albers etwas tun.
In Zürich hat Albers auch einen Leibdichter und Leibkomponisten gefunden: den jungen Schweizer Komponisten Artur Beul. Beul ist Albers-Fanatiker. Er hat eine ganze Photosammlung von ihm.
In Beuls Landhaus am Zürich-See entstanden neue Seemannslieder für Albers. "Kleine Nordseeschwalbe", "Sag, wie heißt Du, süße Kleine?", "Mutti, sollst nicht weinen, fahr ich einmal auch zur See". Die amerikanische Schallplattenfirma Decca hat sie erworben. Die Albers-Platten gehen nach Nord- und Südamerika.
Albers steckt voller Pläne. In Berlin hat er das Renaissance-Theater erworben. Auch in München ist er Theaterbesitzer geworden. Er will "Dreigroschenoper" und "Florian Geyer" spielen. Noch vor der Südamerikareise will er den ersten Film in seiner neuen eigenen Filmgesellschaft drehen.
Seine alte Liebe ist das Störtebecker-Thema. Er sollte eigentlich schon im Dritten Reich Störtebecker vor der Kamera sein. Damals wollte man eine Art Nazi-Helden aus dem Freibeuter der Meere machen. Albers verzichtete.
In vier Wochen wird Albers mit der Hamburger Liliom-Inszenierung ins Volkswagenwerk Wolfsburg fahren. 8000 Arbeiter warten auf ihn. Auf Albers wartet ein Volkswagen in Albers-Spezialausstattung. Bisher mußte er sich mit Mussolinis Geländewagen begnügen. Hitler hatte seinem Duce-Freund den Steyr geschenkt. Die Amerikaner vermachten ihn Albers.

DER SPIEGEL 41/1948
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