09.10.1948

BÜHNEWirbel um den Harlekin

Zur ersten Premiere der Berliner Städtischen Oper versammelte sich Sonntagvormittag 11 Uhr frisch eingestellter Winterzeit ein interessiertes, gut ausgeschlafenes Publikum. Die moderne Musik hat ihre kleine auserlesene Gemeinde, der Tanz hat eine treue Anhängerschaft von leidenschaftlichen jungen Menschen, beide Gruppen trafen bei dieser Boris-Blacher-Matinee in der Kantstraße zusammen.
Den Anfang machte "Die Flut", die Kammeroper des nüchternen und ein wenig verhärmt dreinblickenden Berliner Komponisten. Den Kammerchor setzte Regisseur Kelch ganz unbefangen im Straßenanzug auf die rechte Bühnenhälfte.
Die Linke nahmen Dekorationen ein: ein Landungssteg, dahinter ein naiver Bilderbogen von Strand und Meer, der bald in die Höhe geht, um das geheimnisvolle Wrack freizugeben, auf dem sich die Handlung in einer halben Stunde abspielt. Der Beifall war reserviert.
Nach der Pause kam das Ballett "Harlekinade", das Blacher zehn Jahre früher als "Die Flut" schrieb. Es ist grundanders, eine farbenprächtige Gebrauchsmusik.
Der heiterbegabte Operettenchoreograph Jens Keith und der Bühnenausstatter Paul Seltenhammer (sonst Revuefinale-Gestalter im Friedrichstadt-Palast der 3000) konnten sich richtig austoben. Von ihnen stammt Idee und Arrangement und von ihnen hat das Ganze einen allzu gefälligen Zug von artistischer Glätte bekommen.
Musikalisch ist der Zusammenhang zwischen den Einfällen der Routiniers Keith und Seltenhammer und Blachers Originalideen nur locker. Dem Komponisten hatte vorgeschwebt, das Zeitalter der klassischen Tanzformen - Gavotte, Menuett und Sarabande - kontrastreich mit der Gegenwart in Berührung zu bringen.
Sein Harlekin sollte Menschen von heute nebst ihrer Problematik auf einen Rokokokarneval verschleppen. Deshalb das sprühende Hin und Her von überlieferten und modernen Tanzrhythmen, das witzigschillernd aus dem Orchester aufblüht, ohne eigentlich auf der Bühne widergespiegelt zu werden.
Jockel Stahl, gleichfalls eine Grenzerscheinung zwischen Bühne und Varieté, ist der Harlekin, der Temperamente, Masken und Charaktere karnevalistisch durcheinanderhetzt, die ungleichsten Paare mischt und schließlich in einer wilden Polonaise nach sich zieht.
Die große Zahl künstlerischer Individualitäten des Balletts zog in wohlabgesetzten Einzelbildern wie eine Musterschau vorbei. Der Beifall war ungleich stürmischer als nach der soviel geschlosseneren Oper.
Von allen Rängen wurde nach den Lieblingen ballettbegeisterter Cliquen gerufen. Erwin Bredow, Suse Preisser und Liselotte Köster hatten die stimmkräftigste Anhängerschaft.

DER SPIEGEL 41/1948
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