09.10.1948

FILMRenée und der Hauptmann

Das Drehbuch war noch nicht fertig, da begann man bereits mit den Aufnahmen für "Die letzte Nacht". Im neuen Real-Film-Atelier in Hamburg-Wandsbek liefen die ersten Zelluloid-Meter von der schicksalsdüsteren Begegnung zwischen einem deutschen Offizier und Renée, einer zum Tode verurteilten Französin, durch die Kamera.
Harald G. Pedersson hat sich diese Begegnung mehr kammerspielhaft vorgestellt, als er die Rolle der Renée für seine Frau, Sibylle Schmitz, schrieb. Pedersson ist der Autor fast aller Pola-Negri-Filme, und "Die letzte Nacht" ist nicht das erste Drehbuch, das er für einen Film seiner Frau verfaßt hat. Bei "Wetterleuchten um Barbara" heirateten sie.
Die Real-Film wollte für "Die letzte Nacht" einige kräftige Kino-Konturen. Das Drehbuch wurde überarbeitet, von dem handfesten Praktiker Otto Heinz Jahn, früher einmal Chef der Ufa und der Berlin-Film. Es gibt jetzt einige reißerische Effekte.
Besonders viel verspricht man sich von der Sprengung einer Stausee-Mauer. Architekt Herbert Kirchhoff baut ein Groß-Modell, das vor der Kamera gesprengt wird. Mit Feuerwehrschläuchen sollen Landstraßen und Eisenbahnschienen überflutet werden. In einer Nachtaufnahme wird Sibylle Schmitz in Uniform in das leicht temperierte Wasser springen.
Trotz des kinomäßigen Aufwandes soll der Film keine übliche Spionageaffäre werden. Das Schicksal der etwas hintergründigen Französin Renée liegt mehr auf geistiger Ebene, meint Sibylle Schmitz.
Renée ist Schriftstellerin und Deutschlandkennerin. Als die Invasion begonnen hat, werden in ihrem Schloßkeller Flugzettel für die Freiheit gedruckt. "Wie lange werden Menschen noch dulden, daß Menschen sterben, weil Menschen es wollen", steht darauf.
Renée ist gegen aktive Sabotage. Aber als ihr Bruder als verwundeter Widerstandskämpfer in ihrem Schloß versteckt liegt und die Deutschen nahen, muß sie handeln. Sie läßt ein Stauwehr hochgehen.
Die versteckte, nasse Uniform verrät sie dem deutschen Divisionsstab, der das Schloß besetzt. Renée wird zum Tode verurteilt.
Ein junger deutscher Offizier (Karl John spielt ihn) bekommt das Himmelfahrtskommando, im überfluteten Rückmarschgebiet eine Brücke zu halten. Der Hauptmann und die verurteilte Französin begegnen einander.
Die Kultur, der Charme, die geistige Weite der Frau ziehen den Mann an, auch ihre Tapferkeit. Die Gradlinigkeit des Mannes läßt die Frau angesichts des Todes nicht unberührt. Beide erkennen, daß sie unter anderen Umständen sich gefunden hätten. Eigentlich ist es schon Liebe bei der Frau, meint Sibylle Schmitz.
Aber es soll keine melodramatische Liebesszene geben. Der Offizier gibt der Frau die Freiheit. Er fühlt, daß sie weiterkämpfen muß für Frieden und Menschlichkeit. In seinem Uniformmantel verläßt sie das Schloß. Sie geht ins Ungewisse. Das Schicksal des Hauptmanns ist gewiß.
Die Idee zu der Rolle kam Sibylle Schmitz, als sie ein belangloses Theaterstück gelesen hatte. Es handelte von einer Russin, die als Wehrmachthelferin Spionage treibt. Ihr letzter Wunsch vor der Exekution ist ein Mann. Der Auserkorene, ein junger Soldat, läßt sie laufen. Die ziemlich simple Geschichte ist auf die geistige Plattform des Ehepaares Schmitz-Pedersson emporgetragen worden.
Der dritte Film der Real-Film steht unter der Regie von Eugen York, dem 36jährigen früheren Ufa-Cutter, der dann bei dem Avantgardisten Walter Ruttmann Assistent war, 1944 den Spielfilm "Heidesommer" (der wurde kriegsvernichtet) und jetzt "Morituri" drehte (der hatte letzthin erfolgreiche Premiere). Die Musik für "Die letzte Nacht" schrieb Wolfgang Zeller.
Zeller hat auch für den ersten Film von Sibylle Schmitz die Musik komponiert. Das war 1932, als sie in Paris die Hauptrolle eines überirdischen Wesens in dem Karl-Theodor-Dreyer-Film "Vampyr" spielte, in drei Versionen.
Dreyer hatte die Photos der jungen Anfängerin an Reinhardts Deutschem Theater gesehen und Sibylle Schmitz sofort nach Paris kommen lassen. Die "Vampyr"-Premiere im U. T. am Kurfürstendamm ist filmhistorisch geworden. Wegen des Tumultes für und gegen den avantgardistischen Film.
Sibylle Schmitz, die Rheinländerin aus Düren, die als Fünfzehnjährige mit 100 Mark in der Tasche aus dem Ursulinenkloster floh, um in Berlin Theater zu spielen, war über Nacht berühmt. Seit der Vampyr-Zeit umgeistert sie der Nimbus der etwas hintergründig-interessanten Frau.
Erich Pommer, damals Ufa-Gewaltiger, holte sie sofort für ihren ersten deutschen Film nach Babelsberg. Es war "FP I antwortet nicht" mit Albers als Partner.
Einer ihrer letzten Vorkriegsschluß-Filme war "Das Leben ruft" nach Max Halbes "Mutter Erde". Im Dritten Reich durfte er nicht aufgeführt werden. Die Rolle der Frau, die keine Kinder wünscht, war zu menschlich motiviert
Sibylle hat überhaupt während des 1000jährigen Reiches die Rollen am meisten geliebt, von denen das Propagandaministerium nicht viel wissen wollte: die Maria in Frank Wysbars "Fährmann Maria", die George Sand in Bolvarys "Abschiedswalzer" oder die "Unbekannte".
Als Sibylle Schmitz nach dem Kriege in München wieder auftauchte, stand sie wie damals vor Pommer. Diesmal trug er amerikanische Uniform und war Filmgewaltiger in Geiselgasteig. Dort drehte Sibylle Schmitz ihren ersten Nachkriegsfilm "Zwischen gestern und morgen".
Filmen geht Sibylle Schmitz über alles. Sie ist filmbesessen, sagt sie.

Die Männer um Fräulein Müller
haben es nicht leicht. Fräulein Müller ist jene Annette, nach der der neue Defa-Film "Träum nicht, Annette" heißt. Die Männer haben es nicht leicht, weil Annette zweitens Sprachlehrerin und erstens hübsch und schlagfertig ist (weswegen es für Jenny Jugo die gegebene Rolle ist). Zwei Schüler Annettes, Legationsrat der eine, Dr. der andere, Herren in so hervorragend geschnittenen Anzügen, wie Karl Schönböck und Helmuth Rudolph sie tragen (Bilder r.), warten vergebens auf sie, während Annette sich in der realistisch überfüllten Film-Straßenbahn in einen jungen Mann verliebt, der weniger begütert, dafür aber um so sympathischer ist, einen Pianisten, den Max Eckardt schlipslos spielt. (Bild unt.). Auf dem Bahnhof führt das Drehbuch Sprachlehrerin und Pianisten nach spielfilmfüllenden Komplikationen zusammen. Hier streikte bei den Aufnahmen auf dem Görlitzer Bahnhof zu Berlin die Sonne. Regisseur Eberhard Klagemann hatte es nicht leicht. Er und sein Star Jenny Jugo mußten auf die Sonne warten. (Bild 1)

DER SPIEGEL 41/1948
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