09.10.1948

TECHNIKAutos mit Zähneknirschen

Der 35. Salon, die Pariser Auto-Ausstellung, ist nun doch im obligaten Beisein des Präsidenten eröffnet worden. Mit vielen schönen Reden und Blumen und noch mehr schönen Autos und einem zähneknirschenden Publikum.
Das Zähneknirschen rührt davon her, daß die herrlichen Angebote noch immer nicht frei verkauft werden. Rangordnung, Dringlichkeitsliste und Bedarfsnachweis sind die roten Tücher, die den Zorn der autohungrigen Franzosen reizen.
Die Industrie, soweit sie, wie Renault, nicht verstaatlicht ist, schimpft genau so erbittert auf den Dirigismus der Ministerien, die, wie man flüstert, die französische Autoindustrie künstlich knebeln. Die Rohstoffdecke ist zu kurz.
1939 waren in Frankreich 1,8 Millionen Autos zugelassen, 1947 waren es nur noch eine Million, und von denen haben die meisten schon 10 Jahre Straßenleben hinter sich. Das Publikum, autohungrig wie noch nie, hatte gefordert, daß man den Salon ausfallen lasse, ehe nicht der Verkauf frei ist.
Schon in dem Turiner italienischen Salon war der kleine neue Fiat 500 B das beliebteste Objekt, und die Ausstellung im traditionellen glasbedeckten Pariser Grand Palais zeigt auch einen Hang zum Kleinsten. Lustig ist der Dyna Panhard 4 PS, der 150 fährt und fünf beleibte Herren mit 85 km Durchschnitt für neun Liter Benzin 100 km weit trägt. Sein junger Konstrukteur, Jean Gregoire, hat graue Haare über dem Reißbrett und den Versuchsfahrten bekommen.
Der Geheimtip für viele ist der 3 PS Citroen, von dem aber noch nicht sicher ist, ob er aus dem Versuchsstadium in die Produktion kommt. Er entstand unter geheimnisvollen Bedingungen ohne Wissen der Außenwelt, der Konkurrenz und sogar mancher Citroen-Ingenieure. Die Versuchsfahrten wurden auf einem großen Gut hinter hohen Mauern abgehalten. Man verspricht sich viel von dem kleinen Ding, das wie das etwas verwachsene Kommißbrot aussieht, das Hanomag einst konstruierte.
Der Wagen, der am meisten gezeigt, gebaut und gekauft werden dürfte, ist der Peugeot 203, 4 Zylinder 8 PS für 375000 Francs. Seine Produktion soll im Frühling auf täglich 100 Stück anwachsen.
Die meisten Ausstellerfirmen haben über ihre Preise noch einen Schleier gehüllt. Bei den vielleicht steigenden Löhnen und Kosten mögen sie noch keine feste Summe nennen.
Die Luxuswagen, strahlend weiß, beige und in grellen Amerikanerfarben, haben sich aus der Haupthalle in eine neu erstellte Halle im Garten verzogen. Dort pflegen sie ein viel bewundertes Dornröschendasein.
Die Hälfte der 82 Aussteller von Automobilen sind Franzosen, neben 19 Amerikanern und acht Engländern, die für die französischen Käufer noch unerreichbar sind, und acht Italienern sowie drei tschechoslowakischen Firmen, über die sich eher reden läßt. Daneben gibt es noch 820 Aussteller, vom Riesenomnibus über das motorisierte Fahrrad bis zum selbsttätig hupenden Winker.
Bisher wurde unter den vielen Lüstern des Grand Palais (sie sind wieder sehr originell und sehen diesmal ziemlich atomistisch aus) der Peugeot 203 zur Prinzessin des Salons gekrönt. Der Königstitel ist noch nicht vergeben.

DER SPIEGEL 41/1948
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