09.10.1948

MODEDas Girl ist tot, die Dame lebt

Frankfurt greift nach einem neuen Kranz in den Sternen: es will Modezentrum werden. Das Institut für Mode hat sich mit den zehn Firmen des Frankfurter Modellringes zusammengetan, die Industrie in der Umgebung, Schmuck-, Stoff- und Schuh-Fabrikation, soll das ihre dazu tun.
Das erste Gemeinschaftsprodukt präsentierte sich als Modeschau im Palmengarten. Der amerikanische Service Club hatte die "Snackbar and Soda-Fountain" für drei Tage der Mode überlassen.
"Das Girl ist tot, die Dame lebt" ist das Motto der von Frankfurt kreierten Mode. Vollendete Damen schritten in der Würde enger Röcke und dezenter Farben drei Stunden lang über den Laufsteg. Der "new look" ist noch "newer" geworden. Der Rock hat sich auf 35 cm vom Boden zurückgezogen.
Das Institut für Mode hat sich dem Empirestil verschrieben. Betonung der Brustlinie bis zum Hals, Napoleonkragen am Nachmittag und am Abend, gewickelte Röcke mit tiefen Falten oder Drapierungen oder doppelte Röcke tunikaartig übereinander. Röcke, die manchmal so eng sind, daß es sich in ihnen leichter fällt als läuft.
Nur die Taille bleibt in der Taille, trotz Empire. Keine auffälligen Rüschen und keine überflüssigen Schleifen. Tendenz: lautlos. Farben: Sanft-violett, Grau und Olivgrün.
Das Schneiderkostüm ist vorübergehend verschwunden. Taillierte Jäckchen mit weichfallenden Schößchen und Röcke, die auf dem Rücken in losen Glocken ausschwingen, ersetzen es. Silberfuchs ist verpönt. Edelmarder rangiert in der Zoologie der Mode vorn.
Die Hüte schrumpfen auf Kleinformat zusammen. Sie thronen nur noch auf dem Kopf, um das Profil zu betonen, und das Profil soll von einem Schleierhauch umweht werden. Der breitrandige Hut ist erlaubt, wenn Reiher auf ihm schwingen.
Die Handtasche, sanftestes Saffianleder in sanften Falten gerafft, muß Beutelform haben. Schirme sind keine Schirme mehr, sondern kokette beschleifte Plexiglaskrücken mit einer seidenen Halbkugel, einem Pilz, gerade groß genug für zwei Köpfe im engsten Téte-à-tête.
Abendkleider schimmern in Schwarz und Weiß, in Spitze und Taft, mit breit gemalten Goldborden auf schwarzer Glocke. Sie wirken hochgeschlossen und ladylike, auch wenn sie dekolletiert sind. Was vielleicht nur am Perlenband liegt, das sich eng um den Hals spannt. Dann und wann vibrierte eine Krinoline vorüber.
Denjenigen, die meinten, es fehle Berlin und etwas "Pep" und etwas Weltmode, antwortete Frankfurt: "Wir empfangen Modeeindrücke, und wir senden Modeeindrücke. Ein bißchen sind wir vielleicht auch Transformator. Transformator ins Tragbare",
Die Transformatoren lächelten beruhigt. Sie haben ihre Modelle fast ausnahmslos verkauft, sie sind für die nächsten drei Monate restlos ausgelastet, sie sind sehr zufrieden.
Man konnte am ersten Tag ein Abendkleid für 200 Mark, man konnte ein Abendkleid für 700 Mark haben. Es fiel kein Wort von Export, von mitgebrachtem Kundenmaterial, von Punkten oder von sonst einer Schranke zwischen Wunsch und Besitz. Wer kaufen wollte, konnte kaufen, wenn er konnte. Viele konnten.
*) Nachmittagskleid aus schwarzem Taft über taubenblauem Rock.

DER SPIEGEL 41/1948
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