09.10.1948

KIRCHEGefahrlose Leidenschaften

Hermannsburg liegt nahe bei Faßberg, dem Luftbrückenstützpunkt. Auf der dritten Journalistentagung der Evangelischen Akademie kam der neue Leiter der Abteilung "Evangelische Kirche" bei der US-Militärregierung, Prof. E. Theodore Bachmann, denn auch sofort auf die Luftbrücke zu sprechen.
Der jugendlich-schlanke völlig unprofessorale Theologe aus Chicago lächelte herzgewinnend und sprach in fließendem Deutsch, das sowohl den deutschen Vorfahren wie der eigenen Studienzeit in Deutschland zu danken ist, von den 35 Millionen Europäern, die einst die Neue Welt und deren Kirchen mit aufbauten. Ob man da nicht jetzt an eine andere Brücke, an eine Wasserbrücke über den Atlantik, denken sollte?
Während Bachmann noch das Werden der amerikanischen Kirchen schilderte, dehnte sich das Auditorium zu gleichsam ökumenischer Weite. Aus Australien kam der Bischof von Crafton, Dr. Storrs. Der untersetzte Geistliche mit dem vierkantigen Schädel über dem violetten Bischofshalstuch versicherte, ihm flössen nicht wie seinem hannoverschen Gastgeber D. Dr. Lilje die Worte gleich Strömen von Perlen aus dem Munde, aber er zauberte doch in klassischem Oxford-Englisch den Hörern ein Bild seiner heimatlichen Bauerngemeinden vor Augen.
So etwas wie Hermannsburger Akademie, dieses Beispiel des Gesprächs zwischen Kirche und Laien, will Dr. Storrs auch in seiner Diözese einrichten. Eine Missionsstation des Namens Hermannsburg gibt es dort schon.
Dr. Storrs war der erste unerwartete Gast. Der zweite war Kurt Hahn, der langjährige Leiter der Salem-Schule, nahe am Bodensee. Sein einstiger Schüler, der Erbprinz Ernst August von Hannover, fuhr ihn im Wagen her. Dessen Bruder, Prinz Georg Wilhelm, ist heute Kurator der wiedereröffneten Schule.
Grundsatz der Salem-Schulen ist, "durch die Entzündung gefahrloser Leidenschaften die ungebrochene Kindeskraft zu bewahren" und eine Deformierung durch die Pubertät zu verhindern. Darum bezieht Hahn unter Wahrung aller gebotenen Vorsicht Wagnis und Gefahr in die Jugenderziehung ein. In Schottland, wo Hahn nach 1933 eine ähnliche Schule einrichtete, setzte er seine Schüler im Küstenwachdienst ein.
Diese Erziehungsgrundsätze hatte zuerst Prinz Max von Baden, der letzte kaiserliche Reichskanzler, entwickelt. Dessen Privatsekretär und außenpolitischer Mitarbeiter ist Kurt Hahn gewesen. 1918 wurde er Lehrer. Dieser erstaunliche Berufswechsel ist in den Salem-Schulen nicht erstaunlich. In Schottland unterrichteten zwei Fischer als Charakterbildner.
Standhaftigkeit nennt Hahn das Ergebnis seiner Erziehung. Ihn selbst kostete diese Standhaftigkeit 1933 sein Wirken in Deutschland. Er hatte im August 1932 nach dem Telegramm Hitlers an die Mörder von Potempa seine Schüler vor die Wahl gestellt, entweder aus allen NS-Organisationen auszutreten oder auf die Mitgliedschaft im Salem-Bund zu verzichten. Hahn wurde im März 1933 verhaftet. Nur die Vermittlung englischer Freunde befreite ihn wieder.
Am letzten Tag kam der dritte der Gäste, dessen Name nicht auf dem Programmzettel stand: der württembergische Landesbischof und Präsident des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland D. Theophil Wurm. Er meinte, daß die Kenntnis Hermannsburgs eigentlich zur theologischen Ausbildung gehöre, und es sei erfreulich, wenn man noch kurz vor seinem 80. Geburtstag seine Ausbildung vervollständigen könne.
Mit einem Satz griff er das Flüchtlingsproblem auf. Er pochte auf das Pult und forderte kategorisch: "Die Kirche darf sich nicht mehr beruhigen lassen und muß jeden Appell an die Mächtigen dieser Erde richten".
**) Nachmittagsanzug: rote Wolljacke mit schwarz abgefüttertem Kragen und schwarzer Wollrock.

DER SPIEGEL 41/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1948
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KIRCHE:
Gefahrlose Leidenschaften