27.11.1948

Kapuzen-Putsch

Frankreichs Bandwurmprozeß gegen die "Kapuzenmänner" befolgt die Regeln, die ein gutes Theaterstück zum Erfolg führen. Als nach 22 Verhandlungstagen das Interesse der Oeffentlichkeit für den Prozeß zu erlahmen drohte, sorgte die Wochenzeitung "Samedi-Soir" am 23. für belebende Abwechslung. Mit einer sensationellen Enthüllung.
Das 800 Seiten starke Original der Anklageschrift war aus dem Schrank des Gerichts verschwunden. Diebstahl oder Verlust? Jedenfalls Grund genug, die Annullierung des Prozesses zu verlangen.
Verteidiger Maurice Ribet intervenierte beim Präsidenten Leroux. Nach 40 Minuten Beratung beschloß das Gericht, die Verhandlung auszusetzen. Bis zur Klärung des Falles.
Ein Tag verging in Nachforschungen nach den Originalen oder wenigstens nach beglaubigten Abschriften. Schon unternahm Anwalt Ribet die ersten Schritte, die Illegalität des Prozesses offiziell feststellen zu lassen. Schon wurde der Antrag auf Freilassung aller Angeklagten vorbereitet. Die Nichtanwesenheit der offiziellen Dokumente verbiete es, die Haft aufrechtzuerhalten.
Doch in den Mittagsstunden des 26. Prozeßtages zeigte sich ein breites Schmunzeln auf dem Gesicht des Generalstaatsanwalts Caillou. Die beglaubigten Abschriften waren da. Der Prozeß ging weiter.
Nichts war umsonst gewesen: 26 Verhandlungstage, 36 Angeklagte, 13 weitere Beschuldigte, 400 Zeugen, 50 Anwälte, fast 60 Zentner Akten. Auch nicht die Zwei-Tage-Verlesung der Anklage. Sie lautete auf: Mord, Beihilfe zum Mord, Totschlag, Hilfeleistung an Verbrechen, Besitz von Kriegswaffen, Verschwörung, Vernichtung von Wohnstätten durch Explosivstoffe und Herstellung von Höllenmaschinen.
Vor mehr als elf Jahren, am 16. September 1937, enthüllte der damalige sozialistische Innenminister Marx Dormoy die Existenz der "Cagoule". Reminiszenzen an den Ku-Klux-Klan *) mögen bei der Namensgebung eine Rolle gespielt haben. Das Wort (cagoule bedeutet Kapuze, Ueberwurf) blieb haften. So wie einst in der Weimarer Republik der Begriff Fememörder haften blieb.
Die "cagoule" war eine Verschwörung zum Sturz der Republik. Französische Freunde und Bewunderer eines Regimes à la Hitler - Mussolini taten sich zusammen, um auch ihrem Lande zu faschistischer Ordnung zu verhelfen. Viele Cagoulards kamen aus dem Kreise der erzreaktionären, alles andere als deutschfreundlichen "Action Française" des Monarchisten Charles Maurras.
Von ihr hatte sich im Mai 1936 eine Gruppe besonders radikaler Elemente abgesondert und eine "Sozialrevolutionäre Bewegung" gegründet. Aus dieser Partei entwickelte sich damals eine "Geheimgesellschaft", die wiederum aus mehreren Gruppen bestand. Die bedeutendsten waren die OSARN (Organisation Secrète d'Action Révolutionnaire Nationale = Geheim-Organisation für nationalrevolutionäre Aktion) und das CSAR (Comité Secret d'Action Révolutionnaire = Geheim-Ausschuß für revolutionäre Aktion). Das waren die eigentlichen "Kapuzenmänner".
Der Führer dieser romantisch kaschierten Organisation von zu allem entschlossenen Verschwörern war der Fabrikant Eugène Deloncle. Er war einer jener politisierenden Vertreter des gehobenen französischen Bürgertums, die der III. Republik die soziale Gesetzgebung Léon Blums im Jahre 1936 nicht verzeihen konnten. Unter anderém.
Deloncle, der trotz seiner Bewunderung für Hitler die Deutschen nicht liebte, fiel im Januar 1944 im Kampf mit der Gestapo. Bei der Rückkehr von einer geheimnisvollen Spanienreise. Der Cagoulard-Prozeß findet ohne ihn statt.
Weitere 15 von insgesamt 64 Angeklagten sind ebenfalls verstorben. Ein rundes Dutzend ist flüchtig, darunter die Frau Deloncles. Der Rest hat für die Taten geradezustehen, die der "Kapuze" zur Last gelegt werden. Auf den Angeklagten Baillet, der krankheitshalber auf einer Bahre liegend der Verhandlung folgt (s. Bild), trifft dies nur bildlich zu.
Im tiefsten Frieden, am 11. September 1937, explodierte eine Bombe im Hause des französischen Unternehmerverbandes
in der Rue de Presbourg unweit des Triumphbogens. Zuerst legte man das Attentat dem links orientierten Gewerkschaftsbund CGT zur Last. So war es auch beabsichtigt.
Die Sureté Nationale, Frankreichs Staatspolizei, kam aber schnell dahinter, daß eine rechtsradikale Organisation das Attentat in Szene gesetzt hatte, um einen Schlag gegen die Linke zu führen.
Mit Hilfe der aufgespürten Dokumente und Waffen konnte Innenminister Marx Dormoy das Komplott in allen Einzelheiten enthüllen. Verhaftet wurden: Deloncle, Darnand (Pétains späterer Miliz-Chef, 1946 hingerichtet), General Duseigneur, Herzog Pozzo di Borgo, etliche Grafen und Barone sowie eine Reihe von Offizieren.
Bevor den Verschwörern der Prozeß gemacht werden konnte, rollte ein anderes, größeres Schauspiel über die Welt-Bühne: der Krieg.
Deutsche Hände öffneten den Untersuchungshäftlingen die Gefängnistore. Ein Teil der Ex-Cagoulards arbeitete von da ab mit den Deutschen zusammen. Andere fanden Anschluß an die Widerstandsbewegung.
Spät, aber gründlich war die Rache am gewesenen Innenminister Marx Dormoy. Er wurde 1941 in der Rhone-Stadt Montélimar ermordet.
Als wichtigste Zeugen wurden bisher der ehemalige Regierungschef Edouard Daladier, der Gewerkschaftsführer Léon Jouhaux und der frühere Ministerpräsident Léon Blum vernommen. Daladier versicherte, die französische Armee habe mit den Cagoulards nicht in Verbindung gestanden.
Jouhaux und Léon Blum legten dar, daß die Gefahr eines kommunistischen Putsches - Vorwand Nr. 1 der Cagoulards - zu jener Zeit nicht bestanden habe. "Die Kommunisten", sagte Blum, "waren damals eine Regierungspartei. Sie hatten kein Interesse an einem Staatsstreich."
Die Putschabsichten der "Kapuze" dagegen gelten heute als erwiesen. Die Cagoulards standen ständig mit Italienern, Deutschen und Franco-Spaniern in Fühlung. Sie handelten nach dem Gesetz der "direkten Aktion". Aber bei Marianne blieb das Rezept des Reichstagsbrandes ohne Wirkung.
*) Um 1865 in den Südstaaten der USA gegründeter Geheimbund mit feierlich-abenteuerlichem Zeremoniell und gespenstischer Vermummung bekämpft den Einfluß der Farbigen, Katholiken, Iren und Juden (Lynchjustiz).

DER SPIEGEL 48/1948
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