13.11.1948

LITERATURVom ersten Kuß bis in den Tod

Der tote Herr Kammersänger erzählt
Zweieinhalb Jahre ist der Slezak tot, aber es paßt zu ihm, daß jetzt noch ein Gruß von ihm unter die Leute kommt. Leo Slezak, Tenor, Filmschauspieler und Bücherschreiber, voluminös an Stimme, Gestalt und Humor, hatte immer Sinn für das Ueberraschende. Ende November wird noch ein Buch von ihm herauskommen.
"Mein Lebensmärchen" heißt es und ist dem Andenken der geliebten Frau gewidmet.*) Slezak schrieb es in seinem Haus in Egern am Tegernsee, in der Zeit zwischen dem Tode seiner Frau, der geliebten Lieserl, und dem eigenen letzten Abgang. Es war nichts als eine Wartezeit für ihn, "bis mein Lieserl mich nachholt".
Er hat dem Buch, das dann die Tochter Margarete, die Kammersängerin, zur Herausgabe fertig machte, die Verse als Motto gegeben, die auch auf seiner Grabplatte
auf dem Rottach-Egerner Friedhof stehen: "... und Freud und Leid und Glück und Not so miteinander tragen. Vom ersten Kuß bis in den Tod sich nur von Liebe sagen." Ueber dem ganzen Buch liegt die Erinnerung an die Tote. In seiner Einsamkeit wollte Leo Slezak noch einmal erleben, was er "an ihrer Seite, an ihrem Herzen erleben durfte". Da schrieb er das "Lebensmärchen".
Ueberhaupt: es ist wohl ein vergnügtes Buch, aber man meint doch auch etwas von den Tränen zu spüren, die, wie die Tochter sagt, in die Augen des alten Herrn Kammersänger traten, wenn er von längst dahingegangenen Freunden erzählte. Man muß beim Lesen des Buches an den milden Schleier denken, der sich über den Abend eines schönen, sonnigen Tages legt. Es schließt mit Abschiedsworten an die Kinder, Margarete und Walter, der blondgelockt im deutschen Film anfing und nun ein Hollywooder ist.
Trotzdem, das "Lebensmärchen" enthält Stellen, die man nicht in der Straßenbahn lesen möchte, weil es immer peinlich ist, in der Oeffentlichekit von Lachkrämpfen befallen zu werden. Leo Slezak erweist sich wieder als der fanatische Plauderer, der er im Leben gewesen ist und auch in seinen früheren Büchern.**)
Er plaudert das so herunter, leichthin und bekömmlich, ohne langes Federlesen. Er erzählt von lorbeerbekränzten Kollegen und namenlosen Freunden, von Begegnungen und Schicksalen, Anekdoten und Witze. ("Im Erzählen von Witzen ... stehe ich auf einsamer Höhe.") Die Skizze einer märchenhaft fernen Zeit ergibt sich beiläufig, und das Bildnis eines närrischen,
klugen, lachenden, guten Mannes schimmert durch.
Das Leben Slezaks taucht wieder auf: Die Zeit, als er Gärtnerlehrling, danach Schlosserlehrling, danach Soldat war, "einer der schönsten Unteroffiziere des 17. k. u. k. Jägerbataillons in Brünn". Sein tenoraler Anfang am Brünner Theater, wo er "ein Loch in der Natur" war. Dann die wilhelminische Kunstkaserne der Kgl. Oper in Berlin, das Zwischenspiel in Breslau und 1901, Slezak war bare 28 Jahre, die k. u. k. Hofoper in Wien. Die Jahre dort, im Glanz des Heldentenors, die Gastspiele auf den strahlendsten Bühnen der Welt, die internationale Karriere eines großen Sängers.
Der Altersweisheit des Mannes, der sein viertes und letztes Buch unter den selbstgepflanzten Bäumen seines Egerner Gartens schrieb, erschien das "bißchen Berühmtheit" zweifelhaft. Und Leo Slezak war zweimal berühmt, als Tenor und als Filmschauspieler. Ueber den Film fällt allerdings in "Lebensmärchen" kein Wort.
Er war schon in den 60ern, als er zum Film ging. Unter seinen Rollen dort war viel Klamauk, Aber Slezak spielte nicht die Rollen, er spielte, ein besessener Komödiant, in Variationen sich selbst, seine überschießende Lebendigkeit, seinen erfindungsreichen Humor. Die Rollen profitierten davon. Noch die albernste bekam etwas "Slezakistisch"-Menschliches.
Er war mit seinem, die Karikaturisten von jeher herausfordernden Sängerkragen, der die Kehle der Oeffentlichkeit preisgab, das massive Gewicht der deutschen Filmkomik. In seinem Spiel war wie in zwinkernder Selbstironie immer etwas vom Pathos des Hofopernsängers. Er war das männliche Pendant zu Adele Sandrock, die vom hohen Kothurn der Tragödin kam, um in den deutschen Film Humor zu bringen.
Man erfährt nun von Slezak selbst, daß es wie im Leben vieler großer Humoristen, auch in seinem etwas gab, was ihn hinderte, so recht von Herzen froh zu werden: "Wenn ich so recht glücklich war ..., kroch plötzlich wie ein riesenhafter Schatten die Angst an mir empor: morgen kann eine schwere Krankheit kommen - die Stimme kann versagen, dieses oder jenes Unglück kann geschehen." Solche drohenden Gedanken haben ihn sein Leben lang begleitet, gesteht Leo Slezak und nennt es eine Tragik.
Er hat einer Generation Verdis "Othello" vorgesungen, die rollenden Wagnerpartien und (das war "Gottesdienst, Traum und Schönheit") Schubertlieder, er hat der nächsten Generation Spaßmacherrollen im Film vorgespielt, und hat hier wie dort triumphiert. Er nennt den letzten Grund dieses Erfolges, wenn er, nicht von sich, aber von anderen sagt: Sie hatten das Geheimnis, "das einzige Geheimnis, das wir haben - Herz".
"Leo, mehr Herz - denk an deine Liesi", mahnte Slezaks Lehrer Adolf Robinson, der selbst einst ein umfeierter Tenor gewesen war und Slezaks Stimme entdeckte. Auch beim Skalensingen mußte der Schüler sich einen innigen Worttext ausdenken und durfte nicht einfach Noten singen.
Olaf Gulbransson, der Simplizissimus-Zeichner der feinen, schattenlosen, allessagenden Linien, der nun das Titelbild für das posthume Buch des Freundes entwarf, hat, als Slezak gestorben war, das Bild eines Mannes gezeichnet, der in hilflosem Schmerz Kopf und Hände auf den Tisch hat sinken lassen. Darunter schrieb er: "Herrejesus - der Slezak ist gestorben. Der Begabteste und Gütigste von uns allen". "Gütigste" hat er unterstrichen.
*) Leo Slezak: "Mein Lebensmärchen". Verlag R. Piper & Co., München. 207 Seiten, 24 Bildtafeln.
**) Das erste waren die "Gesammelten Werke". Darin tat Leo Slezak den Eid, fürder kein Buch zu schreiben. Er tat es dennoch, weswegen sein zweites Buch "Der Wortbruch" hieß. Ein "Rückfall" folgte.

DER SPIEGEL 46/1948
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