04.12.1948

Diplomaten der Zukunft

Für den Fall, daß es prekär wird
In seinem Doppelzimmer der Wiesbadener Pension "Neroberg" kann Erich Walter Gniffke nicht lange sitzen bleiben, denn Pension "Neroberg" ist Gästehaus der hessischen Staatsregierung. Er sucht deswegen eine nette Pension im Taunus-Pensionopolis Königstein. Er wird sie auch bezahlen und drei Jahre unabhängig leben können. Denn obwohl er in Berlin dreimal seinen Flugschein verfallen ließ, um etwas für seinen verhafteten Sohn Gerhard zu tun, hat er doch Zeit gefunden, noch rasch sein Haus in Zehlendorf zu verkaufen. Im grünen Hütchen mit grünweißer Kordel führte er Interessenten vom Boden bis in die Garage, in der noch der Wagen stand. "Mein Heim ist meine Burg", hing es im Korridor Ithweg 16.
Aus dem Zehlendorfer Ithweg 16 hatte er sich 1946 in ein Landhaus am Glienicker See umplaciert, in den Sowjetsektor, wie es für den SED-Spitzenmann und Autor der Standardbroschüre "Ueber die Ehre des SED-Funktionärs" paßte. Als ihn Karlshorster Indiskretionen zur Aufgabe seines Sitzes im Zentralvorstand der SED und im Generalsekretariat des deutschen Volksrats bewogen, ging er zum amerikanisch besetzten Ithweg zurück, den Tochter Lilo inzwischen okkupiert hatte. Das Messingschild "Erich W. Gniffke", blind und ungeputzt, hing noch von früher. Erich Walter Gniffke ist vor Walter Ulbricht geflohen. Vor dem einzigen Deutschen, dem die Russen wirklich trauen. Vor dem deutschen Lenin, der nach dem Fehlschlag der einheitssozialistischen Massenpolitik die SED zur Kader-Partei umbaut und die Funktionäre sozialdemokratischer Provenienz ausschaltet.
Ohne Gniffkes Wissen verbreiteten die Amerikaner die Rundfunknachricht "Flucht in den Westen". Gniffke saß indessen im Zehlendorfer Freundeskreis am Radio, im Schutze der Stumm-Polizei, die ihn umgab und auf dem Ithweg mit Funkwagen patrouillierte, um ihn vor dem Zugriff seiner verflossenen Freunde zu schützen.
Die wirkliche Flucht besorgte viele Tage später ein leerer Luftbrückenklipper. Er trug Erich W., den Proletarier mit Bourgeoisbauch, goldener Armbanduhr, Siegelring, elegantem dunklen Anzug, Ulster, scharfem Verstand und glatten Manieren. Er trug die Hausfrau Gniffke, eine gemütliche Hausfrau mit deutschem Familienherzen. Er trug drei große Koffer und ein halbes Dutzend lederne Handköfferchen. Und er trug Gina, die achtjährige Enkelin, der es in Paris und Rom besser gefallen hat als in Wiesbaden.
Ginas Eltern sind in die politische Affäre des Opa auf das unerfreulichste verwickelt worden. Mutter Lilo, geschiedene Meessen, hörte von ihrem DEFA-Regisseur und engen Freund Trauberg, es sei besser für sie, nicht in den russischen Sektor zurückzukommen. Die fällige Gage für "Quartett zu Fünft" sei schon gesperrt.
Die sowjetlizenzierte DEFA mußte den bereits belichteten Quartett-Streifen wegwerfen und Lilo fuhr nach München, um dort ins westliche Filmgeschäft einzusteigen. Als sie voriges Jahr zu einem Rosselini-Film nach Rom startete, verkündete sie in Berlin noch, sie habe Italiens Togliatti eine SED-Botschaft zu überbringen.
Gina-Vati Dr. Dirk Meessen, geschiedener Lilo-Gatte und Röntgenologe an der Berliner Charité, hatte nach einem Trip zu Schwiegervaters Glienicker Villa Unannehmlichkeiten. Mit Gniffke Junior (Gert) war er im parteieigenen (die Staatsanwaltschaft sagt: gestohlenen) Wagen gefahren, um zu retten, was die Möbeltransporteure noch nicht mitgenommen hatten. Das war nicht viel mehr als ein Korb Kartoffeln, denn bis hinunter zum Teppichklopfer und den eingelegten Eiern war beim Haupttransport alles erfaßt und unter Aufsicht in Zehlendorf ausgeladen worden.
Dr. Meessen ist inzwischen wieder freigekommen. Aber solange Gert noch sitzt, will Erich W. mit Reden und Enthüllungen aus seiner politischen Vergangenheit und über sein neues politisches Credo zurückhalten. Verzweifelt hat er bei den Berliner Rechtsanwälten herumtelefoniert: Keiner hat Neigung, den 23jährigen Gert Gniffke zu verteidigen, der noch in einer Studenten-Sitzung des sowjetkontrollierten Berliner Senders verkündete: "Wir sind die Diplomaten der Zukunft", als die väterlichen Privatautos schon zwischen Glienicke und Zehlendorf pendelten. An der ostzentralverwalteten Linden-Universität genoß er bei den Kommilitonen den Ruf eines SED-Scharfmachers.
Otto Grotewohls Ehrenwort, dafür zu sorgen, daß Gert nichts passiert, hat den besorgten Eltern Gniffke noch keinen Nutzen gebracht. "Ja, der Otto", sagt Mutter Gniffke, "ich glaube, er wird Wort halten, aber er hat ja auch keine Macht." "Er ist ein zu großer Illusionist", pflichtet Erich W. bei.
Pieck und Grotewohl haben ihn in seiner Zehlendorfer Wohnung besucht, ehe er abflog, zu einer langen und dramatischen Auseinandersetzung. Einen Tag nach seinem Austritt aus der SED war Gniffke vom Vorstand ausgeschlossen worden. Trotzdem wollten ihn Pieck und Grotewohl zurückholen. Böse Wahrheiten gingen hin und her. Und Einigkeit herrschte darüber, daß Ulbricht der Mann sei, der alle überspielt.
Auch die Sozialdemokraten, von denen Erich Gniffke herkommt, entfalteten diplomatische Aktivität um den dicken Funktionär. Zwar verkündete Neumann-Stellvertreter Kurt Mattick im "Sozialdemokrat", die SPD lege keinen Wert auf einheitsverschmolzene Abtrünnige. Doch Franz Tausch, Chefredakteur des "Sozialdemokrat", flog nach Hannover zum Parteivorstand. Er kam mit Vorschlägen zurück, die Gniffke albern nannte. Mit Schumacher-Stellvertreter Erich Ollenhauer ging er eine Berliner Verabredung ein, obwohl er wußte, daß er sie nicht halten konnte: Der Luftbrücken-Klipper wartete nicht. In Frankfurt wurde ein neues Rendezvous Ollenhauer-Gniffke arrangiert, doch Ollenhauer kam nicht. Und auch die Frankfurter Parteidelegation wahrt eiskalte Reserve. Gniffke sagt: "Wenn die in Hannover glauben, daß sie Politik mit mir machen können, dann muß ich eben warten, bis sie begreifen, daß wir besser gemeinsam Politik machen."
Auch für den amerikanischen Gouverneur in Hessen, den Gniffke in Wiesbaden traf, hatte er ein Bonmot bereit: "Daß im Osten 80 Prozent gegen das Regime sind, hat nichts zu sagen, wenn sie nicht für den Westen sind, und das sind sie nicht." Der Grund: Die hohen Preise und die "gefährliche Schaufensterpolitik" der Amerikaner.
Die politische Linie der Ostzone hält er für schlecht, aber er sagt mit Nachdruck: "Es ist eine Linie." Wenn Erich W. in die SPD einsteigt, dann wird er zur Linksradikalisierung treiben.
Solange er noch nicht einsteigen kann (nach SPD-Kriedemann mindestens fünf Jahre), wird er u. a. ein Buch über seine Erfahrungen im Umgang mit Kommunisten und Russen schreiben. Mit Reuter hat er vertraglich Ablieferung innerhalb von drei Monaten vereinbart. Die Muße dazu will er sich unter allen Umständen auf der Rheinlinie suchen. Um für den Fall, "daß es prekär wird", rasch hinter die westliche Verteidigungsfront gelangen zu können.
Das gibt er ganz offen zu und spricht auch von dem sozialdemokratischen Arbeiter, auf den es in der künftigen deutschen Armee ankomme. Trotzdem ist der historische Materialist Gniffke von der dialektischen Unausweichlichkeit eines neuen Krieges nicht überzeugt. "Die Leute im Westen", sagt er, "haben eine ganz falsche Vorstellung. Die Politik der Ostzone ist auf die Linie von 1923 gegangen, und das heißt nicht Weltkrieg, sondern putschen, putschen, putschen."

Niemandsdeutschland
Von Jens Daniel
Die "Frankfurter Hefte" werden zum neuen Jahr die doppelte Auflage drucken müssen. In der zweiten Dezemberhälfte will Eugen Kogon ihnen nämlich anvertrauen, was er an "schlagenden Einzelheiten" in der letzten November-Woche noch in seinem Busen vergrub. Viele Leute in Deutschland sind neugierig: Die Militaristen, die Anti-Militaristen und auch etliche, die es satt haben, daß auf deutschem Boden eine Politik der starken Herzen demonstriert wird, ohne daß die starken Arme da sind, möglichen kriegerischen Weiterungen zu begegnen.
Es fing merkwürdig an. General Clay bescheinigte den Berlinern, daß sie notfalls bereit seien, für die Freiheit auch zu sterben. Niemand konnte das Gegenteil beweisen. Nun stirbt es sich für die Freiheit möglicherweise leichter als fürs Vaterland. Aber mit gebundenen Händen in einer Mausefalle zu sitzen, um mit Anouilh "gelassen das Ende zu erwarten", das ist nicht jedermanns Sache. Die übrigen Deutschen stellten Erwägungen an, ob sie nicht auch wie die Berliner in einer Mausefalle säßen. Manch einer, der seine Pistole mit Freuden wegwarf, hätte sie gern wieder.
Es ging merkwürdig weiter. Der antipreußische "Rheinische Merkur", eine Zeitung, die den Franzosen gewiß nichts Böses wünscht, forderte plötzlich die Bewaffnung der Deutschen mit Verteidigungswaffen "bis zum Pakgeschütz". In Frankreich selbst kreierte "Le Monde", die Startbahn halbamtlicher Versuchsballons, von denen der Quai d'Orsay gern abzurücken pflegt, eine gemeinsame deutsch-französische Streitmacht. Der Thronprätendent de Gaulle hatte zwar den Lorbeer für die künftige Verteidigung Westeuropas und Nordafrikas schon im voraus um seinen Spargel-Hals gewunden, aber aus trüben Quellen verlautet, das Oberkommando über die Armeen zweier großer Länder würde ihn auch nicht unvorbereitet finden. Tatsache ist, daß die Franzosen sich über deutsche Aufrüstungsparolen vom Genre der Kogonschen bislang nicht halb so beunruhigt gezeigt haben wie über die angelsächsischen Ruhrpläne.
Dann kam Kogon aus Rom, und Hitlers früherer Generalstabschef Halder, den der Frankfurter Europa-Delegierte zitiert hatte, mimte in Unschuld. Man könne Westeuropa frühestens am Rhein verteidigen, sagte der Mann, der für sämtliche Angriffskriege Hitlers seine Signatur als Generalstabschef gegeben hat. "Konkret" beschäftigten sich die Amerikaner seines Wissens nicht mit der deutschen Remilitarisierung, meinte der bayerische Monarchist, der seine pensionslosen Tage damit zubringt, europäische Kriegsgeschichte zu schreiben und kleine niedliche Exposés anzufertigen, wie beispielsweise den "Operationsplan zur Landung einer russischen Armee in England". Solche Exposés üben das strategische Gehirn des Generalobersten, sie vertreiben ihm die Zeit, die ihm seine 16 Enkelkinder noch übriglassen, und sie vermitteln eventuellen Schülern einen realistischen Blick für die strategischen Gegebenheiten in Europa.
Die Amerikaner dementierten nur: in der US-Zone würden keine deutschen Einheiten militärisch ausgebildet. Das allerdings hatte der Verfasser des "SS-Staat", der schon wieder SS-Kolonnen marschieren sah, im früheren Arbeitszimmer Mussolinis mit viel Pathos vor seinen Europafreunden behauptet.
Die Engländer dementierten energisch. Sie führten die "hartnäckigen Gerüchte" auf "rein private Spekulationen (Le Monde) und kommunistische Propaganda" zurück und beriefen sich auf Potsdam.
Deutsche Zeitungen griffen die Militarisierungs-Diskussion mit Marshall-Vorwärts-Elan auf ("Rheinischer Merkur": "Ein Hundsfott, wer Frau oder Tochter oder Schwester dem Iwan zu überlassen bereit wäre!"). Sie priesen sich als wackere Verbündete an, und begaben sich damit des taktischen Vorteils, der darin liegt, sich rufen zu lassen. Im Gegenteil, die Engländer bestiegen - nun schon notgedrungen - ihr hohes Potsdamer Pferd, und Eugen Kogon fällt der trotz Industriepolizei schwierige Nachweis zu, daß sie dort oben eine schlechte Figur machen.
Aber vielleicht enthält die Januar-Ausgabe der blauen Kogon-Hefte einige Angaben darüber, ob und wieviel Geld die Leute um Halder, die "Königsteiner", monatlich beziehen? Vielleicht einige Angaben über die SS-Landsknechte in Oberursel, die "Guderianer"? Wieviel es sind und ob sie schon wieder im Sold stehen? Vielleicht einiges über die austro-bayrischen Werwölfe der Zukunft, die ebensowenig "konkrete" Formationen und Männer zur Verfügung haben wie die "Königsteiner" und die "Oberurseler", die aber dem Vernehmen nach intim miteinander beraten, wie man unter den Russen Partisanen spielen könne?
Vielleicht bringt Kogon einiges darüber, denn ihm liegt ja daran, eine etwa vom europäischen Gesichtspunkt aus notwendige Militarisierung Deutschlands unter Kontrolle zu behalten und das Licht der Oeffentlichkeit auf Dinge fallen zu lassen, die sich im Dunkeln zu einem bösen Unkraut auswachsen könnten.
Ihm liegt daran. Vielleicht liegt ihm daneben auch die Rolle des Ritters St. Georg, der dem Lindwurm mitten ins Herz sticht. Noch läßt sich nicht übersehen, ob das ungestüme römische Capriccio Kogons mehr nutzen als schaden wird.
Die militärische Begeisterung einiger Träger der deutschen Meinung war töricht. Der Schluß, sie sei darüber hinaus kennzeichnend für die Unbelehrbarkeit der Deutschen insgesamt, ist ebenso naheliegend wie falsch. Die offene Flanke nach Osten klafft so erschreckend, der Komplex, eine bloße Schachfigur auf dem weltpolitischen Brettl zu sein, sitzt so tief, daß viele Deutsche, die den Kommiß bitter leid sind, Sicherheit und politisches Eigengewicht höher schätzen, als die große Errungenschaft, den Marschstiefel los zu sein.
Viele Deutsche würden ihn auch gern wieder anziehen. Darunter sind natürlich eine Menge Offiziere, die mit und ohne Panzer nach Westen oder nach Osten laufen würden. Sie halten Verbindung miteinander, und der Panzer-Pensionär Guderian soll dazugehören. Andere - so Halder - würden dem Westen folgen, wenn man sie riefe. Es gibt aber auch Generale, die - merkwürdig genug - ihren militärischen Freunden Zurückhaltung empfehlen und politische Bedingungen (wirtschaftliche Gleichberechtigung usw.) parat halten. Sie argumentieren etwa so: Es liege nicht unbedingt im deutschen Interesse, in einem Konflikt blind für den Westen zu optieren, wenn der Westen seinerseits nicht alles daransetze, Westdeutschland zu halten und Ostdeutschland möglichst schnell zu gewinnen. (In den Atlantik-Pakt-Gesprächen ist von beiden Deutschlands nicht die Rede.) Ein durch russische Invasion erledigtes Deutschland sei uninteressant und lohne keine Frontstellung gegen den Osten. Andererseits könne westliche Gleichgültigkeit deutschen Belangen gegenüber dazu führen, daß sich die meisten Deutschen halb gezwungen und halb verbittert von den Russen einspannen ließen. Schließlich sei eine russische "Strategie der verbrannten Erde" genau so schlimm wie ein amerikanischer Atomstreifen quer durch Deutschland. An einem von beiden mitzuwirken sei ohne Reiz.
Es scheine also an der Zeit, meinen die Zauderer-Generale, den Deutschen zu sagen, ob und was man mit Deutschland militärisch vorhabe. Dem militärischen Niemandsland, und hier haben die Strategen recht, entspreche haargenau ein politisches Niemandsland in den Köpfen des verwirrten Volkes.

DER SPIEGEL 49/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1948
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Diplomaten der Zukunft

  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien
  • Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt
  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab