04.12.1948

Lydias Geheimnis

Am Leben blieb der schwarze Sohn
Die Herren von der französischen Militär-Regierung, die in Wiesbaden in der Dotzheimer Straße läuteten - "Sewonu 2mal klingeln" - , schellten in offizieller Mission. Er sei der rechtmäßige König von Togo, sagten die Franzosen dem schwarzen Mann, der hier wohnt. Bald wird Arthur Sewonu nicht mehr in seiner grauen Windjacke mit einem umgebauten Opellaster durch Wiesbaden fahren. Seine schwarzen Stammesgenossen in Togo wollen die Passage bezahlen, um ihren endlich entdeckten König in sein Reich heimzuholen.
Eine lange Geschichte ist das. Als noch die Deutschen in Togo zu Hause waren, schickte der stattliche Negerkönig Jakob Abraham Adjalle den ältesten seiner drei Söhne und rechtmäßigen Nachfolger Josef Sewonu nach Hamburg zur Firma Roneo GmbH, Neuer Wall 70-74 in die Lehre, daß er zunächst einmal ein guter Kaufmann werde. 12 Jahre war Josef Sewonu damals alt, Deutsch hatte er längst in Lome gelernt.
Das dauerte bis zum Krieg. Dann meldete sich der schwarze Josef freiwillig zu den Bonner Husaren, zog nach Frankreich und Flandern, holte sich einen Kopfschuß und stieg schließlich bei den Bonnern wieder aus, als der Kaiser 1917 keine Farbigen mehr in seiner Armee haben wollte.
Er wurde Nachtportier im "Parkhotel" in Wiesbaden und führte Rosa Make aus Gelsenkirchen in die Albrechtstraße heim. 1921 starb er an den Folgen seiner Verwundung. Am Leben blieb der schwarze Sohn: Arthur Sewonu.
Mutter Rosa kümmerte das königliche Blut nicht viel. Sie schickte den kleinen Mohren in die Schule. Er sollte nun wirklich Kaufmann werden, und hätten die Braunen mehr für die Schwarzen übrig gehabt, wäre auch alles gut gegangen. "Doch als ich aus der Schule kam, fingen sie an zu bohren. Kein Mensch wollte mich. Zwei Jahre habe ich nach einer Lehrstelle gesucht." Bis Großvater Adjalle brieflich den Tip gab, Autoschlosser sei doch die unauffälligste Sache, und Erbprinz Arthur Sewonu machte in der Moritzstraße seine Autoschlosser-Gesellenprüfung.
Von Werkstatt zu Werkstatt wurde er dienstverpflichtet. Als im Februar 1945 über dem Kochbrunnen die Bomben zerschellten, verschwand er mit einer Pistole 08 auf Nimmerwiedersehen.
Inzwischen hatte man die schwarzhaarig-zierliche Lydia Dirlenbach aus der Dotzheimer Straße schon ein paar Male auf die Gestapo bestellt. Sie war mit dem Schwarzen gesehen worden. Beim Paddeln auf dem Rhein hatten sie sich kennen gelernt. Doch die Dirlenbachs schworen, was sie konnten: mit dem Schwarzen war alles nur Gerede.
Die Amerikaner kamen keinen Monat zu früh. Im März rückten sie ein, im April wurde die schwarz-weiße Hochzeit gehalten, und im Juni ein blonder Knabe zur Welt gebracht. Raymond heißt er, lockig ist er und fast jungvolkreif. Trotz der dunklen Haare der Mutter und der noch schwärzeren Haut von Arthur Sewonu. Das ist Lydias Geheimnis: auch ihre Schwester ist blond.
Dann kamen die Militär-Franzosen. Alexander, filius Nummer zwei, fiel vor Freude darüber viel schwärzer aus als der jungvolkreife Raymond Nr. 1.
Onkel Dazie, derzeitiger Herrscher in Togo, und Großmutter Amesov hatten sich in Lome auf der Suche nach dem einzigen Sohn des Thronerben Josef Sewonu an die Franzosen gewandt, die den Ostteil von Togo als Mandat verwalten. Bald kam ein Brief aus Lome: Großvater Jakob Abraham Adjalle war 1943 verstorben, und sein jüngster Sohn Dazie hatte die Regentschaft in Togo übernommen. "Wir haben Dich nicht vergessen", schrieb Onkel Dazie nun. Arthur solle doch schleunigst nach Lome kommen.
"In der Tat bin ich der rechtmäßige Nachfolger meines Großvaters, des Negerkönigs Adjalle", erzählt Arthur Sewonu in der Küche mit der breiten Couch, dem Radio und dem bunten Lampenschirm. Nach einem kurzen Gastspiel bei den Besatzungstruppen kaufte er sich einen Wagen und holte sich seine NS-verlorene deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Jetzt nennt er sich Fuhrunternehmer.
"Wie das nun werden wird, ob und wann der Onkel Dazie abtritt, das müssen wir erst einmal sehen." Zunächst will er drüben einmal allein nach dem Rechten schauen, wenn Onkel Dazie ihm auf seinen Brief mit den tausend Fragen geantwortet hat. Weder die Sprache, noch das Klima kennt er in Afrika, und er weiß auch nicht, was die Schwarzen zu seiner weißen Frau sagen werden und dem blonden Knaben.
Lydia will Arthur Sewonu um jeden Preis mit in den schwarzen Erdteil nehmen. "Strolch gibt mich ja nicht frei", meint er mit einem Augenzwinkern. Und Lydia macht die ganze Sache mit ihrem "Häuptling" einen Riesenspaß. "Es muß sich aber auch lohnen", sagt sie. "Schon wegen des Krieges..."

DER SPIEGEL 49/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch