04.12.1948

Immer schwächer als die Männer

Frauen wählen christlicher
Bis zum ersten Anruf früh um 3.20 Uhr hatten die vier Oberinspektoren und Hilfsangestellten des Niedersächsischen Innenministeriums in Hannover mit den drei zum Landeswahlausschuß kommandierten "lebenden Rechenmaschinen" einen Dauerskat gespielt. Zwischen der ersten Meldung um 3.20 Uhr früh (Reg.-Bez. Osnabrück) und der letzten um 17.20 Uhr (Reg.-Bez. Hannover) klingelte dann aber ununterbrochen des Telefon.
Das erst kurz vor der Wahl vom Landtag verabschiedete und vom Mil.-Gov. ratifizierte Wahlgesetz hatte an Wahlzähler und Wähler gleichermaßen hohe Anforderungen gestellt. Jeder Wähler konnte auf beiden Stimmzetteln - für Kreis- und Gemeinde-Parlament - drei Kandidaten ankreuzen. Es blieb ihm überlassen, entweder Kandidaten nur einer Parteiliste zu wählen oder sich seine Leute unabhängig von Parteizugehörigkeit und Listenreihe auszusuchen ("Panaschieren").
Von dieser Gelegenheit des nicht-parteifrommen Wählens machten etwa 75 Prozent aller niedersächsischen Wähler Gebrauch. Trotz dieser etwas schwierigeren Verfahrensart lag die Zahl der ungültigen Stimmen nur etwa um 1 Prozent höher als der normale Prozentsatz (5 Prozent). Aber andere Schwierigkeiten tauchten auf: Die wegen der vielen Wahlvorschläge notwendigerweise sehr großen Stimmzettel nahmen in den Wahlurnen so viel Platz fort, daß beispielsweise in Holzminden während der Wahlzeit neue Urnen angefertigt und aufgestellt werden mußten, damit die Stimmzettel vorschriftsmäßig eingeworfen werden konnten.
Große Ueberraschungen oder gar einen Erdrutsch hatte es nicht gegeben. Die CDU hatte zwar 4,4 Prozent mehr Stimmen als bei der Landtagswahl 1947, und auch DP und FDP konnten einigen Stimmenzuwachs verzeichnen, die SPD blieb aber bei geringfügigem Stimmenverlust die stärkste Partei Niedersachsens. Wenn man jetzt nach dem geltenden Wahlgesetz einen Niedersächsischen Landtag wählen würde, stünden 64 SPD-Abgeordneten 85 CDU-DP-FDP-Vertreter gegenüber. KPD und Zentrum verschwänden ganz. (Jetziger Landtag: SPD 65, CDU 30, DP 27, FDP 13, KPD 8, Zentrum 6).
An verschiedenen Orten gab es erhebliche Verschiebungen durch kleine aktive Gruppen, die mit geschickter Kritik der bestehenden Verhältnisse und Nominierung zugkräftiger Persönlichkeiten die Wähler zu sich herüberziehen konnten.
In der Volkswagenstadt Wolfsburg beispielsweise eroberte sich die Deutsche Rechtspartei (DRP) die Zweidrittelmehrheit im Stadtparlament. Sämtliche Wolfsburger DRP-Abgeordnete sind Pg's und einige SA-Unterführer gewesen, die in Gruppe V kategorisiert wurden. Mit Erfolg hatte Ritterkreuzträger Falk (Göttingen) ein Gedicht aus Kurt Schumachers "Neuem Vorwärts" in die DRP-Wahl-Waagschale geworfen, in dem es von dem deutschen Soldaten heißt, er habe geraubt und gemordet. Statt 18 wird die SPD nur sechs Vertreter für den Wolfsburger Stadtrat stellen.
Schon monatelang hatte in Wolfsburg eine Ortsgruppe der Deutschen Rechtspartei dahinvegetiert. Mehr als ein halbes Dutzend Mitglieder hatte sie nie gehabt. Bis die britische Militärregierung sich einen Beweis dafür erbat, daß größere Kreise der Bevölkerung DRP-gesonnen seien. Falls dieser Beweis nicht gelinge, müsse sie die vorläufige Genehmigung zur politischen Betätigung zurückziehen. Der Beweis gelang.
Für einen Wahl-Fachmann wie Regierungsamtmann Leonhard Dohrmann, der sich mit seinen Zählkollegen die Nachwahlnacht um die Ohren schlug, bieten solche Erscheinungen kaum etwas Neues. Schon unter Wilhelm II. assistierte er dem Reichswahlleiter, diente in der gleichen Funktion der Weimarer Republik und wurde erst 1936 ausgebootet, da man auf seinem Posten gern einen Pg. gesehen hätte.
In Braunschweig wurde jetzt für Männer und Frauen getrennt gewählt. Leonhard Dohrmann findet seine jahrelangen Geschlechter-Wahlerfahrungen bestätigt: "Die Frauen wählen christlicher, konservativer als Männer. Sie wählen mehr rechts als links, auffallend wenig kommunistisch und ihre Wahlbeteiligung ist immer schwächer als die der Männer." Unter Wilhelm habe es ja noch kein Frauenwahlrecht gegeben. Das sei erst 1918 eingeführt worden, und dann hätten die Frauen Hitler gewählt. Der habe bei ihnen noch 1933 mit dem Niederländischen Dankgebet in jeder NS-Versammlung Gemütsmassage betrieben.
[Grafiktext]
DAS BRAUNSCHWEIGER EXPERIMENT
UNTER 100 FÜR JEDE PARTEI ANGEGEBENEN STIMMEN WAREN
MEHR MÄNNERSTIMMEN MEHR FRAUENSTIMMEN
SPD 3
CDU 9
DP 5,5
FDP 3
KPD 22,5
ZTR 8
WAHLBETEILIGUNG
MÄNNER: 60,3 %
FRAUEN: 57,8 %
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 49/1948
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