04.12.1948

Blamier mich nicht

Solange es geht
Vom Kalemegdan aus, der alten Türkenfeste auf beherrschender Höhe am Zusammenfluß von Save und Donau, bot Belgrad in den Abendstunden ein prächtiges Bild. Schon am Vorabend des dritten Jahrestages der Volksrepublik Jugoslawien leuchteten zehntausend, von Sportlern getragene Fackeln am Terazie-Platz für Marschall Tito und den Kommunismus. Bis weit ins flache Land auf der Zemuner Seite der Donau waren die Lichterketten in den Straßen der "Weißen Stadt" zu sehen.
Fahnen flatterten den Demonstranten voran. An der Spitze des Zuges erblickte man neben Marschall Titos überlebensgroßem Konterfei die krisenfesten Bilder Lenins und Stalins. In allen Hauptstädten der jugoslawischen Bundesrepubliken war die erste Garnitur tito-treuer Politiker aufgeboten, um zum Volk zu sprechen.
Zum zuhörenden Volk gehörte auch Marschall Tito, als im Belgrader Nationaltheater Mosha Pijade, der Vizepräsident der jugoslawischen Nationalversammlung, die Festrede hielt. Pijade präsentierte den erwarteten Ueberblick über die bisherigen Erfolge des jugoslawischen Fünfjahresplanes. Aber er verhehlte auch die Schwierigkeiten nicht, denen zum Trotz man den Plan durchführen müsse und werde. Das Volk und Tito applaudierten.
Einen Tag später bemerkten Belgrads Auslandskorrespondenten einen leichten, aber unverkennbaren Akzent zu den von Pijade angedeuteten Schwierigkeiten. Auf dem großen Staatsempfang, den Marschall Tito gab, konnte es nicht verborgen bleiben, daß der russische Botschafter und die Satelliten-Diplomaten in seinem Gefolge es vermieden, den Raum zu betreten, in dem sich Tito mit seinem engeren Kreise aufhielt. Das trübte ein wenig die Festfreude.
Denn nach wie vor bemüht sich Titoslawien, wie man das Land der Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner und Mazedonier bezeichnen könnte, um eine Klärung des seit dem hochsommerlichen Kominform-Gewitter (vgl. Spiegel Nr. 27, 1948) getrübten allslawischen Horizonts.
Vor drei Wochen bezog Botschafter Karlo Mrazowitsch den seit Monaten verwaisten Botschafterposten in Moskau. Kurz vorher war eine jugoslawische Handelsdelegation dort eingetroffen. Titos warmherzige Glückwünsche an Stalin zur Oktoberfeier, die östlich orientierten Reden des jugoslawischen Delegierten Bebler in Paris, die Unterstützung der Markos-Truppen - alles das wird in Belgrad als eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern gedeutet. Titos Bemühungen, die Kominform-Drohung von sich abzuwenden, sind unverkennbar.
Ebenso deutlich wurde aber auch, daß das Liebeswerben um Stalins Gunst nicht den in Belgrad erhofften durchschlagenden Erfolg hatte. Letztes Symptom des nun schon fünf Monate währenden Moskauer Unwillens über den allzu selbständig gewordenen Satellitenstaat an der Adria war ein Brief, den die "Prawda" jetzt veröffentlichte. Er enthielt Angriffe gegen Marschall Tito. Wie die "Prawda" dazu mitteilte, wurde der Brief von einer "illegalen Konferenz von Kommunisten" in Belgrad gebilligt.
Einen Tag vorher hatte Tito selbst in Agram das Vorhandensein einer kominformtreuen Opposition im Lande zugegeben. Er gebrauchte starke Worte. Wo gütliches Zureden nicht genüge, werde man der Minderheit beibringen müssen, daß ihr keine andere Wahl bleibe, als sich der Mehrheit zu unterwerfen oder zu verschwinden.
Zur inneren Abstützung seines Regimes gegenüber dem scharfen Ost-Druck säuberte und reformierte Tito die jugoslawische Armee an Haupt und Gliedern. Die mißglückte Flucht des ehemaligen Generalstabschefs Arso Jowanowitsch im Anschluß an den Kominform-Konflikt gab das Signal. Zahlreiche Offiziere wurden verhaftet, andere versetzt. Ganze Einheiten wurden in andere Landesteile verlegt. So zementierte Tito die innere Plattform seiner Macht.
Die äußeren Stützen zu liefern, war und ist der Westen mit Freuden bereit. Zumal innerhalb der jugoslawischen Grenzen zwischen Alpen und Balkan, Adria und Donau Bodenschätze genug vorhanden sind, die das Geschäft für beide Teile interessant machen. Ganz abgesehen vom politischen Gewinn, der durch das Ausscheren Jugoslawiens aus der osteuropäischen Vorhang-Linie entsteht.
Auf rein wirtschaftlicher Basis fing es an. Mitte Juli, wenige Wochen nach dem Ausbruch des Kominform-Konfliktes, unterzeichneten die USA und Jugoslawien ein Abkommen über die in Amerika blokkierten jugoslawischen Guthaben, die verstaatlichten US-Vermögenswerte in Jugoslawien, die jugoslawischen Pacht- und Leih-Schulden und Titos von den USA erhaltene Kriegsrüstung. Für jeden der 1946 über jugoslawischem Territorium abgeschossenen USA-Flieger zahlte die Belgrader Regierung 15000 Dollar.
Man rechnete gegeneinander auf. Zur beiderseitigen Zufriedenheit. Nachdem man vorher 13 Monate lang ergebnislos verhandelt hatte.
Zwei Monate später, Mitte September, fanden auf der dalmatinischen Insel Lissa politisch-militärisch-wirtschaftliche Besprechungen statt, die - nach italienischen Berichten - zu weitgehenden Abmachungen führten (vgl. Spiegel Nr. 48/1948). Verhandlungspartner waren Marschall Tito und Außenminister Kardelj einerseits sowie Vertreter des amerikanischen militärischen Geheimdienstes (Abteilung Abwehr II) andererseits.
Auf amerikanischer Seite soll der ehemalige Major Louis Huot beteiligt gewesen sein. Vor fünf Jahren vermittelte er in direkten Besprechungen mit Tito und seinen Partisanen die Belieferung der "Volksbefreiungskräfte" mit reichlichem Material.
Es ist nicht das erste Mal, daß die schöne Adria-Insel Lissa - von den Jugoslawen Vis genannt - im Schatten historischer Ereignisse steht. Seit 1866 die damals noch seefahrenden Oesterreicher in ihren Gewässern die italienische Flotte schlugen, ging der Name der Wein-Insel in die Geschichtsbücher ein. Nach dem Fallschirmjägerangriff auf das Titohauptqartier in Drvar (Westbosnien) am 2. Juni 1944 war sie bis zur Einnahme Belgrads am 21. Oktober 1944 Tito-Zentrum. Seit Oktober 1943 ging der ganze amerikanische Nachschub über Lissa. In jener Zeit wurde dort ein großer Flugplatz angelegt, den jetzt die amerikanischen Geheim-Unterhändler benutzten.
Heute sind die Jugoslawen auf Grund ihrer militärischen Vorstellungen aus dem Partisanenkrieg in erster Linie an der Lieferung des überschweren amerikanischen Granatwerfers interessiert, der zur Zeit von den israelischen Streitkräften mit besonderem Erfolg eingesetzt wird. Weiter benötigen sie die gesicherte Belieferung mit Oel und verhandeln über gewisse Ersatzteile für die 1945 von der UNRRA gelieferten Lastwagen.
Die Amerikaner wollen dagegen Kupfer, Blei und Zink - Metalle, die Jugoslawien reichlich erzeugt. Wie die "New York Times" meldete, sind auf dem USA-Markt bereits die ersten Lieferungen eingetroffen.
Auch England ist hellhörig für wirtschaftliches Liebesgeflüster im europäischen Südosten. Vor allem wenn es darum geht, möglicherweise den Russen das deutsche Erbe im Balkanhandel abzuluchsen. Der Kominform-Riß bietet die Möglichkeit, den Hebel anzusetzen.
Zweifellos ist dies auch in Bled geschehen, wo in der letzten Novemberwoche britisch-amerikanische Vertreter mit jugoslawischen Regierungsbeamten verhandelten. Gerade in diesen Tagen tauchte Tito selbst in dem nur zwei Autostunden entfernten Laibach auf, wo er die Sanktionspolitik der Kominformländer gegenüber Jugoslawien scharf angriff.
Offiziell wurde nur über die Regelung der Elektrizitätszufuhr an Triest verhandelt. Aber man vermutet mehr. Erst kurz vorher wurde in London ein britisch-jugoslawisches Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. Es sieht eine Verdreifachung des bisherigen Handels zwischen beiden Ländern vor.
Tito holt sich Hilfestellung für seinen Fünfjahresplan, wo er sie bekommt. Man gewährt sie ihm etwa nach dem Grundsatz: "Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüß mich nicht Unter den Linden!"
Schon heute sind in Fiume und Split die Stars and Stripes und der Union Jack kein seltener Anblick mehr. Das Pulverfaß Triest hat merklich an Zündstoff verloren. Der liegt jetzt weiter östlich.
Solange es geht, wird Tito nach Ansicht ausländischer Beobachter versuchen, sein Verhältnis zu Stalin etwa auf die Relation Franco-Hitler abzustellen und eine Art wohlwollender Neutralität zu wahren. Die alle Möglichkeiten offen läßt.
Bisher hat er es geschafft. Länger als die westliche Welt bei Ausbruch des Streits im Kominform-Lager erwartete.

DER SPIEGEL 49/1948
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