04.12.1948

Zu viel Orangen für Europa

Das waren Zeiten
Voriges Jahr um diese Zeit landeten englische Kriegsmaschinen, in friedliche Luftfrachter umgebaut, auf dem Flugplatz von Valencia. Um hernach die Londoner mit den ersten Orangen zu bombardieren. Was vormittags noch die Bäume der blauen Mittelmeerküste vergoldete, funkelte nachmittags schon auf den Marktständen durch den Londoner Nebel. Ende November beginnt in Spanien die Orangenernte.
Dieses Jahr haben es die Engländer weniger eilig. Sie sagen, die Spanier seien mit ihren Waren zu teuer, teurer als andere Lieferanten. Nun schätzt man die Orangenernte diesmal auf mindestens 600000 Tonnen. Das ist nicht ganz so viel wie im vorigen Jahr, aber wesentlich mehr als vor zwei Jahren. Zweifellos: Es gibt zu viele Orangen für das arme Europa.
England ist seit Kriegsende Valencias Hauptkunde. Im Abstand folgen dann Belgien, Holland und Schweden. Aber da reifen außerdem jedesmal über hunderttausend Tonnen Orangen an der valencianischen Küste heran, die für einen anderen Stammkunden bestimmt sind: Deutschland.
Es stand im Hauptbuch Valencias an erster Stelle. Es hatte das größte Konto. Jedes Jahr kaufte Deutschland gut ein Sechstel der ganzen Ernte allein. Das waren Zeiten, seufzen die in Valencia. Und die in Hamburg. Das Wort "Fruchthof Hamburg" hat in den verlassensten Orangendörfern einen magischen Klang.
Jedes Jahr waren diese "Alemanes" gekommen, waren durch die Gärten gestreift, hatten mal da von einem Baum, mal dort eine Frucht gepflückt, aufgeschnitten und gekostet. Und auf saftige Orangen folgten saftige Käufe.
Seit Jahren läßt sich nun kein Deutscher mehr sehen. Die "Alemanes" sind verschwunden. Die Orangen nicht. Die zierlichen Bäumchen haben keine Kenntnis davon genommen, daß sich in dem fernen Alemania einiges geändert hat. Und alle Jahre bleibt dieser Segen übrig und fügt den vielen Problemen, die das spanische Wirtschaftsministerium ohnehin schon hat, einiges hinzu.
Um das zu ändern, wurde inzwischen in Frankfurt beraten oder zumindest vorberaten. Auf deutsch und spanisch. An den Stammtischen der spanischen und auslandsdeutschen Geschäftsleute kreisen die Gedanken und Pläne um einen deutschspanischen Handelsvertrag. Es wird ein Clearing erwartet.
Beide Länder sind wirtschaftlich aneinander interessiert. Deshalb ist man optimistisch. Der rührige Unterstaatssekretär im spanischen Wirtschaftsministerium, Tomas Sunner, bereitet sich auf eine Reise nach Frankfurt vor. Er will einen Stab von Spezialisten mitnehmen.
Die Levantiner Orangenbauern, die bisher nur von Hamburg hörten, vernehmen jetzt öfters den Namen Frankfurt. Doch nach Frankfurt schauen auch die Alemanes. Und sogar das alemanische Christkind. Dort wird es entschieden, ob es den Kindern vielleicht gar schon Orangen an den Christbaum hängen kann.

DER SPIEGEL 49/1948
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