04.12.1948

Lächeln in einem Meer von Tränen

Elastischer Eckpfeiler Siam
Schon immer hat der Elefant dem Königreich Siam Glück gebracht. Darum ist er auch, wenn er sich durch helle Hautflecken am Ohr als "weißer Elefant" ausweist, das heilige Tier des Königs und darf in Bangkok in prächtigen Stallungen wohnen, direkt neben dem neuen Palast. Aber eine so merkwürdige Glückslast wie dieses Jahr haben die Elefanten noch niemals vor die Stufen des siamesischen Königsthrons geschleppt. Sie brachten Kommunisten. Und leisteten damit der Regierung Siams einen unschätzbaren Dienst.
Indiens steckbrieflich verfolgter Kommunistenführer Goschal, der sich in Burma an dem von Moskau inszenierten Aufstand gegen die burmesische Nationalregierung beteiligte, mußte Mitte November zusammen mit dem burmesischen Kommunistenrebellen Than Thun in den Dschungel fliehen. Um den Rückzug ihres Chefs in die unzugänglichen Teile Zentralburmas zu ermöglichen, entführten burmesische Kommunisten einer englischen Holzfirma 49 Arbeitselefanten. Mit dieser Karawane zogen sich Goschal und Than Thun in das benachbarte Siam zurück.
In jenen Ländern Südostasiens, die eine nationale, von dem östlichen Kominform unbeeinflußte Politik zu führen versuchen, wird solche Fracht im allgemeinen nicht als Gabe des Himmels angesehen. Bei Siam liegt der Fall etwas anders.
Eigentlich heißt das Land gar nicht mehr Siam. Schon vor dem Kriege taufte es sich in Muang T'ai ("Land der Freien") oder "Thailand" um. Als das Land 1942 an der Seite Japans in den Krieg eintrat, rächte sich der Westen, indem er das Wort "Thailand" in den Müllkasten warf und offiziell wieder von Siam sprach. Jetzt aber hat Bangkok erneut beschlossen, das Land Thailand zu nennen, und der Westen hat das anerkannt.
Die Aufbesserung der siamesisch-alliierten Beziehungen begann damit, daß Siam schon zu Neujahr 1946 einen regelrechten Friedensvertrag erhielt, fast zwei Jahre früher als irgendein anderer Staat, der an der Seite Deutschlands oder Japans gekämpft hatte.
Siam mußte die Gebiete herausrücken, die es während des Krieges Malaya, Burma und Indochina abgeknöpft hatte. Es mußte sich zur Kompensation für kriegsbeschädigtes britisches Eigentum in Siam bereit finden und wirtschaftliche Zusammenarbeit wie vor dem Kriege versprechen. Es mußte sich weiter verpflichten, den Kra-Kanal auf der malayischen Halbinsel nicht ohne vorherige englische Zustimmung zu bauen. Die Zustimmung wird nie erteilt werden. Denn der Kanal würde das Ende Singapores bedeuten.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Noch im gleichen Jahr verwandelte England seine Gesandtschaft in eine Botschaft. Indien räumte Siam einen dreiprozentigen Kredit von 50 Millionen Rupien (etwa 33/4 Millionen Pfund Sterling) ein. Im Januar 1948 wurde Siam schließlich als erster und bisher einziger besiegter Staat in die UNO aufgenommen.
Die achtzehneinhalb Millionen Siamesen sind mit wenigen Ausnahmen königstreu. Zwar wurde 1932 die absolute Monarchie des Königs Prajadhipok beseitigt und der Herrscher drei Jahre später des Landes verwiesen. Aber als sein Nachfolger, der junge König Ananda Mahidol, vor zwei Jahren im Schlafzimmer des Königspalastes erschossen aufgefunden wurde, herrschte im Land des weißen Elefanten allgemeine Trauer*). Für seinen Bruder, den in der Schweiz studierenden 21jährigen Bhumibol Adulyadej (vergl. Spiegel Nr. 45/48), führen augenblicklich fünf "oberste Staatsräte"
die Herrschaft. An der Spitze dieses Regentschaftsrates steht Prinz Jainat von Rangsit, der mit einer Deutschen verheiratet ist.
Der eigentliche Herrscher Siams ist aber heute Feldmarschall Pibulsonggram**). Er regiert seit dem Staatsstreich vom November 1947 mit Hilfe der Armee und der "Recht-ist-Macht"-Partei. Seit er 1932 den königlichen Absolutismus beseitigte, ist Pibul bald vor, bald hinter den Kulissen der stärkste Mann Siams.
Als Premierminister ging er im Kriege mit den Japanern und ließ sich vom Mikado den Ehrenrang eines japanischen Generalmajors verleihen. Als aber die Alliierten unter Lord Mountbatten in Burma vordrangen, förderte er diskret die antijapanische Widerstandsbewegung. 1944 trat Pibul zurück, um aus dem Hintergrund dem Sieg der Alliierten zuzuschauen. Dafür kehrte er anno 47 als "unverbrauchte" Kraft wieder an die Macht zurück.
Moskau war gegen ihn, die Amerikaner blieben mißtrauisch, aber die Engländer nahmen ihn als Mann der Ordnung hin. Obwohl er mancherlei Anklänge an andere Diktatoren zeigt, für die England sonst gar nichts übrig hat.
Pibul wurde von den Briten unter der Bedingung geduldet, Siams Wirtschaft soweit intakt zu halten, daß das Land seine für die Bevölkerung Malayas und Burmas lebenswichtige Reisausfuhr aufrechterhalten könne. Das hat er getan. Und dann kamen die mit Kommunisten beladenen Elefanten und halfen ihm ein gutes Stück über das bloße Geduldetwerden hinaus.
Wenn Siam keinen Reis mehr liefern kann, müssen die Kulis in Malaya und Singapore hungern und werden rebellisch. Das ist das eine Machtmittel des friedlichen buddhistischen Königreichs. Das andere liegt in der verhältnismäßig liberalen Behandlung der Kommunisten.
Allein in Bangkok, dem Venedig Südostasiens, gibt es etwa 20000. Sowjetrußland hat im Mai dieses Jahres seine Chance erkannt und dort eine eigene Gesandtschaft eingerichtet. In den Händen des Gesandten Sergej Njemtschina und seines 42köpfigen Personals (für 17 im Lande wohnende Russen) laufen viele Fäden aus Burma, Indochina, Malaya und Indonesien zusammen. Marschall Pibul hat das nicht verhindert.
Als auf der Habinsel Malaya kommunistische Unruhen ausbrachen, die Leben und Eigentum der britischen Gummiplantagen-Besitzer und den Betrieb der Zinngruben gefährdeten, machte die britische Militärpolizei bald zahlreiche kommunistische Agenten dingfest, die geradewegs aus Siam gekommen waren. Die Briten nahmen Verhandlungen mit Siam auf und veranlaßten Marschall Pibul, eine Spezialtruppe von 2000 Mann an die siamesische Südgrenze zu schicken. Sie sollte dort jene Banditen- und Schmugglernester ausheben, die nach Ansicht des britischen Nachrichtendienstes den aus britisch-malayischem Gebiet vertriebenen Kommunisten als Unterschlupf dienten. Siam erfüllte diesen Wunsch, aber - wie den Engländern schien - ein wenig zögernd und nicht gründlich genug.
Dagegen brachte Marschall Pibul bald darauf beim britischen Gesandten in Bangkok gewisse Sorgen zur Sprache, die
Siam seinerseits für seine Südprovinzen hegt. Dort macht sich nämlich in dem von Malayen islamischen Glaubens bewohnten Patani-Distrikt seit geraumer Zeit eine "Los-von-Siam"-Bewegung bemerkbar, die von Britisch-Malaya aus gefördert wird. Im Patani-Gebiet gibt es reiche Zinnvorkommen, die den in europäischem Kapitalbesitz befindlichen Zinnkonzernen jenseits der Grenze seit langem in die Augen stechen. Siam hält die Zinngrubenbesitzer zumindest für wohlwollende Förderer des südsiamesischen Separatismus.
Wenn schon Ordnung geschafft werden soll, so meinte Pibul, dann auch gründlich. Hierüber wurde mehrere Wochen lang in Bangkok und Kuala Lumpur verhandelt. Englands Hochkommissar in Südostasien, Malcolm McDonald, Sohn des ersten englischen Labour-Ministerpräsidenten Ramsay McDonald, bemühte sich persönlich zu dem ehrgeizigen siamesischen Feldmarschall. Als sich der Meinungsaustausch in die Länge zu ziehen drohte, erschienen wie gerufen die 49 "reichbeladenen" Elefanten aus Burma. Auf beiden Seiten sah man ein, daß halbe Maßnahmen keinen Sinn mehr hatten.
Ende November schlossen Siam und England eine echte Allianz. Die malayischsiamesische Grenze wurde vorbehaltlich gewisser technischer Revisionen für endgültig geklärt. Um kommunistische Agitatoren und malayische Irredentisten unschädlich machen zu können, wird in Songkla in Südost-Siam ein britisches Konsulat eingerichtet. Siam entsendet einen Verbindungsoffizier nach Kuala Lumpur in das Hauptquartier des britischen Generals Boucher, der die malayischen Kommunisten bekämpft.
Nach englischen Zeitungsmeldungen soll Siam als neuer Eckpfeiler der britischen Südostasien-Verteidigung ausgebaut werden. England ist stärkstens daran interessiert, daß Siam eine "Insel des Lächelns in einem Meer von Tränen" bleibt. So nennen die Siamesen selbst ihr auf allen Seiten von kommunistischen Unruhen umspültes Land. Siam hat inzwischen eine Militärmission nach London entsandt, um dort moderne britische Waffen sowie Lokomotiven und Brückenmaterial einzukaufen.
Marschall Pibulsonggram hat den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben und von der Südgrenze seines Landes eine große Gefahr abgewandt. Selten hat ein Soldat die nichtmilitärischen Machtmittel seines Landes geschickter zum Einsatz gebracht. Dabei ist ihm freilich die kommunistische Welle aus China, Burma und Malaya ungerufen und im rechten Moment zu Hilfe gekommen. Und noch immer sind Goschal, der Inder, und Than Thun, der rote Agitator aus Burma, im Dschungel unauffindbar. Für eventuellen späteren Bedarf.
*) Bis heute konnte noch nicht geklärt werden, ob der König durch Mord, Selbstmord oder nur durch einen Unfall ums Leben kam. Anandas Leiche ist im Bangkoker Königspalast aufgebahrt. Sie soll erst im Jahre 2492 feierlich verbrannt werden. In Siam gilt die buddhistische Zeitrechnung, und im Augenblick schreibt man das Jahr 2491.
**) Wie ein Londoner "Spiegel"-Korrespondent auf Anfrage von der siamesischen Botschaft in London erfuhr, wird der Name des Marschalls im Gegensatz zur Schreibweise fast der gesamten Weltpresse nur in einem Wort geschrieben. Der Name wird auf der zweiten und vierten Silbe betont. Die Engländer nennen Siams Regierungschef manchmal etwas respektlos "Marschall Pibbel".

DER SPIEGEL 49/1948
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