04.12.1948

Hausse in Mekka

Nur für zahlungskräftige Moslems
Mehr als 12000 Gläubige lagen auf den Knien und verbeugten sich gegen die Kaaba. Die Feierlichkeiten des diesjährigen mohammedanischen Wallfahrtsmonats gingen damit zu Ende. Gleichzeitig auch der Höhepunkt des Hidschrajahres 1367. Als Vertreter der staatlichen Autorität war der Finanzminister Seiner Majestät, Abdul Aziz Ibn Saud, in blitzendem Ford aus der Hauptstadt El Riad nach Mekka gekommen. Auch er verschränkte die Arme und verbeugte sich.
Der Betreuer des Staatssäckels ist zufrieden über das erste wieder halbwegs normale Pilgerjahr. "Pilger" bedeuten in Arabien Einnahmen für die Staatskasse, Belebung von Handel und Wandel. Die Labbaika-Rufe aus den Kehlen der frommen Wallfahrer halten das Budget des Königs im Gleichgewicht.
Oel und Pilger, das sind die Aktiven für Saudi-Arabien. Seit wenigen Jahren erst sind die Einnahmen von der Arabian American Oil Comp. (vgl. Spiegel Nr. 10/48) und der Standard Oil höher als die Pilgereinkünfte.
Aber auch die Pilgerabgaben sind so hoch wie niemals zuvor. Die Priesterbrüderschaft und fromme Sekten rebellierten vor Jahren gegen die Ausbeutung der Wallfahrer. Aber das Kommerzielle siegte über das Religiöse. Die Pilger sind schließlich Ausländer und bringen gutes Geld.
Sie kommen aus Marokko und Aegypten, aus der Türkei, vom Dschebel Drus, vom Euphrat und aus Pakistan, aus Malaya und New York. Mit Kamelen und Pferden, mit arabischen Dhaus, die das Rote Meer befahren. Aber auch mit Luxusdampfern, Eisenbahnen, Flugzeugen und Automobilen.
Auf 401 Riyad belief sich die Pilgergebühr dieses Jahres. Umgerechnet sind das 36½ Pfund Sterling (etwa 480 D-Mark). Nur ein zahlungskräftiger Moslem kann also die Heiligen Stätten besuchen. 200 Riyad gehen offiziell an den Staat. Weitere 127 Riyad angeblich an Wohlfahrtseinrichtungen, von denen aber niemand bisher etwas gesehen hat. Die offiziellen Führer, Tempelwärter und Verteiler des heiligen Semsen-Wassers erhalten 34 Riyad. Der Rest von 40 Riyad wird als Grenzübertritts- und "Quarantäne"-Gebühr eingezogen. Aber auch von Quarantäne hat noch kein Pilger etwas bemerkt.
Dann sind Unterkunft und Ernährung, Opferhammel und Fahrt im Autobus oder mit dem Kamel zu zahlen. Die Geldwechsler sind auf ihren Vorteil bedacht.
Das Jahr 1927 im Kalender der Ungläubigen wird heute noch gepriesen. 230000 Pilger aus dem Ausland hatte Allah beschert. Dann wirkten sich Weltwirtschaftskrise und Devisenbestimmungen auf die Wallfahrten nach Mekka aus. Im Jahre 1938 waren es nur noch 63000 Pilger, die vor der Kaaba lagen. Die Einnahmen Ibn Sauds waren von 5 Millionen Pfund Sterling auf 2 Millionen zurückgegangen. Zum Glück begann das Erdöl in Kuweit zu fließen. Der König konnte weiter Flugzeuge und Autos kaufen und Land kultivieren lassen.
Während des Krieges kamen nur wenige tausend Pilger nach Mekka. Aus dem nachbarlichen Irak, aus Transjordanien und in brüchigen Seglern über das Rote Meer. Mehrere Pilgerschiffe aus Indien wurden torpediert. Andere liefen auf Minen. Viele Muselmanen ertranken.
Im letzten Jahr kam die Cholera in Kairo dazwischen. Erst heuer blühte das Geschäft. 110000 Pilger registrierten die Grenzbehörden des Königreiches. Aber sie gaben etwas weniger aus als in früheren Jahren. Die Preise sind auch in Mekka gestiegen.
Die Wallfahrt ist ein zweiseitiges Geschäft. Von dem religiösen Gewinn größerer Seligkeit ganz abgesehen. Der erfolgreiche Mekka-Pilger bekommt eine Art Titel: Er wird künftig Hadsch genannt. Und das ist eine große Ehre.

DER SPIEGEL 49/1948
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