04.12.1948

Armer Milliardär

Durch erotische Exzesse
Die oberitalienischen Großindustriellen rüsten sich für die bevorstehende Schlacht. Dokumente werden vernichtet, Geschäftsbücher geändert und Aktien umgeschrieben. Denn diesmal will die Regierung ernst mit dem Kampf gegen Monopole und Trusts machen. Der "Fall Brusadelli", Italiens größter Nachkriegsskandal, hat auch die Schläfrigen aufgeweckt. Die bisher sichersten Bastionen der Hochfinanz scheinen bedroht.
Es fing ganz harmlos an. Anfang Oktober ließ der Mailänder Großindustrielle Guilio Brusadelli ein von ihm am 15. Juli verkauftes Aktienpaket gerichtlich beschlagnahmen. Mit einem halben Dutzend Atteste bekannter Aerzte bewies Brusadelli, daß er bei dem Verkauf nicht im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte gewesen sei. Denn seine Frau habe im Bunde mit seinen Geschäftspartnern gestanden und ihn durch erotische Exzesse praktisch zur menschlichen Ruine gemacht.
Brusadelli schilderte in allen Einzelheiten die sinnlichen Genüsse, denen er trotz täglicher Hormonspritzen mit seinen zweiundsiebzig Jahren nicht mehr gewachsen war. Die Boulevardpresse fand Interesse an dem Fall. Das Bild der erst 38jährigen, braungelockten Signora Brusadelli mit der aristokratischen Nase kam auf die Titelseiten aller italienischen Illustrierten.
Doch langsam wurde aus dem pikanten Gesellschaftsskandal ein Finanzskandal größten Ausmaßes, zu dessen Durchleuchtung die italienische Regierung nicht weniger als fünf Minister abstellen mußte. Ihre Forschungsergebnisse füllen die Spalten der Zeitungen und Zeitschriften, und dem Leser schwirrt der Kopf vor all den verschobenen, beschlagnahmten und verborgenen Liremilliarden.
Einen Monat hatte Brusadelli, einer der größten europäischen Baumwollindustriellen, über den Verkauf der Aktienmehrheit einer seiner Fabriken verhandelt. Am Tage nach dem Attentat auf Togliatti, als die oberitalienische Industrie Sturmsegel gesetzt hatte und der kommunistische Generalstreik alle Aktivität lähmte, kam es zum Abschluß. Brusadelli verkaufte seine 243500 Aktien für zweieinhalb Milliarden Lire (fast 5 Millionen Dollar) an seinen einstigen Freund, damaligen Rivalen und heutigen Feind Giulio Riva.
Damals verkaufte er die Aktien für 10400 Lire das Stück. Drei Monate später standen sie auf 21000 Lire. Brusadelli träumte sehnsüchtig von den zweieinhalb Milliarden, die er hätte verdienen können, wäre er am 15. Juli nicht so leichtsinnig oder ängstlich gewesen. Bald glaubte er es selbst, daß er damals nicht ganz bei Sinnen gewesen sei. Das schrieb er dem Gericht, und dieser Brief wurde der kostspieligste, den jemals jemand schrieb.
Denn damit hatte Brusadelli sich selbst die Daumenschrauben angelegt. Die römische Fiskalpolizei entsandte einen richtigen General nach Mailand, der erfolgreiche Aufklärungsvorstöße in das Labyrinth von Brusadellis Finanzmanipulationen unternahm.
Als erstes deklarierte er 400 Millionen Lire Strafe für nicht bezahlte Umsatzsteuer. Doch das war nur der Anfang. Für die Einkommensteuer hatte Brusadelli sein Jahreseinkommen mit nur zwei Millionen angegeben. Er erhielt allein von dreien seiner Baumwollfabriken 40 Millionen im Jahr.
Immer länger wurde die Liste, immer schwindelnder wurden die Zahlen. Drei Milliarden zu wenig bezahlte Vermögenssteuer, vier Milliarden an beschlagnahmten Börsentiteln, weitere fünf Milliarden Lire beschlagnahmte Mobilien und Immobilien.
Seriöse Zeitungen wollen wissen, daß sich Brusadellis Gesamtvermögen auf 50 Milliarden Lire beläuft. Der Abteilungsleiter für direkte Steuern im Finanzministerium aber erklärt, der Steuerschieber Brusadelli sei kein Einzelfall, sondern man könne sagen: die Regel. Eine Folge des unsozialen und weitmaschigen italienischen Steuersystems.
Noch gibt es in Italien ein peinlichst gehütetes Bankgeheimnis. Gegen diesen Hauptgrund des leeren Steuersäckels soll nun der fünfministerköpfige Brusadelli-Untersuchungsausschuß anrennen. Und gegen die Monopolisierung und Vertrustung. Gar nicht so sehr zur Freude der Kommunisten, die überraschende Sympathien für den armen Milliardär entdeckt haben.
Sie stellen ihn als den kleinen Goldfisch hin, der von dem bösen großen Goldhecht Riva gefressen wurde. Der wolle die ganze italienische Baumwollindustrie in seiner Hand monopolisieren, und natürlich sei er christlicher Demokrat. Dagegen kann Brusadelli eigene Linkstendenzen und seine, bei den Kommunisten parteilich eingeschriebene Lieblingsnichte anführen. In der verkauften Fabrik haben 7000 von den 8000 Arbeitern die sofortige Rückkehr Brusadellis verlangt.
In Italien ist jeder an dem Fall und der weiteren Entwicklung interessiert. Der Staat, der entgangene und mögliche Milliardeneinnahmen wittert. Die Industriellen, die fürchten, daß in ihre kunstgerecht vernebelten Karten gesehen wird. Die Kaufleute, die damit rechnen, sich nun vor jedem Vertragsabschluß die geistige Zurechnungsfähigkeit ihres Partners bescheinigen lassen zu müssen. Die Kommunisten, die Felle und Propagandaparolen davonschwimmen sehen. Die Democristiani, die ihre Versprechungen wahrmachen müssen und sich doch nicht ins eigene Fleisch schneiden wollen. Der kleine Mann, der erbost die hohen Verbrauchssteuern zahlt, während oben Milliardengewinne unversteuert eingeheimst werden. Und der Boulevard, der begierig all die pikanten Einzelheiten aus dem Eheleben des alten Lebemannes und der jungen Intrigantin aufsaugt.
Keiner weiß, wie es weitergeht. "Tabula rasa" wäre unitalienisch. Wahrscheinlicher ist ein Kompromiß auf allen Sektoren des politisch-wirtschaftlich-moralischen Finanzskandals. Eine der Hauptbeteiligten, die Signora Brusadelli, hat sich mit Migräne ins goldverzierte Bett gelegt, wo sie in himmelblauer Seide schamrot ob der Verdächtigungen ihres Gatten Journalisten und Untersuchungsrichter empfängt.

DER SPIEGEL 49/1948
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