04.12.1948

Auf Dollarkurs

Im Handumdrehn verdient
Der junge Herr in dem hellen Lodenmantel hatte es bei der Schweizer Zollabfertigung furchtbar eilig. So eilig, daß die feldgrünen Zöllner bei der Untersuchung seines Autos immer langsamer und gründlicher wurden. Sie guckten unter die Motorhaube, leuchteten mit der Taschenlampe an den Scheiben vorbei in die Türen. Dort fanden sie den Grund zur Eile: eine Wagentüre voll alter deutscher Silbermark. Es war fast ein Zentner.
Ein schweizerisches Zollstrafprotokoll dauert zwei Stunden. Einschließlich Beschlagnahme der Ware und Zahlung der Buße. Als der Herr endlich schwitzend aber erleichtert wegfahren wollte, gab er mit seinem Auto ein unfreiwilliges da capo.
Der Wagen kam nur einige Meter weit und sackte dann zur Seite. Die aufmerksamen Zöllner rissen schnell den schon geöffneten Schlagbaum wieder herunter. Dann hoben sie die zweite Wagentür aus den Angeln. Auch sie war vollgestopft mit altem deutschem Silbergeld. Der Wagen hatte die einseitige Belastung nicht ausgehalten. Diesmal wurde der junge Reisende verhaftet.
"Stümper", konstatierten die Devisenspezialisten den Berufsunfall ihres Kollegen, der sich wegen ein paar hundert Franken Mehrgewinn erwischen ließ. Die Silbermark liegt an den freien Devisenbörsen in Zürich und Basel nur um drei oder vier Schweizer Franken über der D-Mark.
Nach der Währungsreform in Westdeutschland stand die Deutsche Mark (West) auf 80 Schweizer Franken für 100 DM. Deutsche und alliierte Devisen-Grenzgänger brachten den neuen Stern am europäischen Valutahimmel bald um seinen Glanz. Mit 17.50 Fr. für 100 DM erreichte die Schweizer DM-Notierung in der letzten Woche einen neuen Tiefstand. Sie ist damit allerdings immer noch doppelt so hoch notiert wie der österreichische Schilling.
In den vergangenen Nachkriegsjahren wurde die Schweiz zur natürlichen Drehscheibe im mitteleuropäischen Schwarzhandel. Die Schweizer Zollbeamten sind allerhand gewohnt. Sie erregten sich kaum noch, als sie die über den Rhein gespannten Drahtseile abmontierten, an denen Mastschweine, Präzisionsapparate und DKW-Autoersatzteile hin- und herbefördert wurden. Sie machten auch nicht viel Aufhebens von dem Kleinst-Unterseeboot mit Fahrradantrieb, das über den Lugano-See zwischen Italien und der Schweiz Insulin und Genußmittel transportierte.
Jetzt hat das Warenschmuggelgeschäft nachgelassen. Selbst der Leica-Handel lohnt nicht mehr. Eine neue deutsche Leica kostet verzollt 1700 Fr. Eine geschmuggelte bringt kaum noch ein Drittel dieser Summe. (Die Schweizer Fotohändler haben zur Kontrolle Listen mit den Fabriknummern der legal eingeführten Apparate angelegt.) Mit der Verbesserung der europäischen Konsumgüter-Versorgung stellen sich Helvetiens Schwarzhändler mehr und mehr auf das Devisengeschäft um.
Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in denen es keine Devisen-Zwangsbewirtschaftung gibt. Schweizer Banken und Wechselstuben handeln fast jede sichere Sorte Geld. Ausgenommen sind Besatzungsgelder, wie Scrips, oder Besatzungsfranken und die Deutsche Ostmark. Nach Namen und Nationalität der Kunden wird nicht gefragt. Wer Devisen kauft oder verkauft, bleibt anonym. Nur der freie Goldhandel ist seit einem Jahr aufgehoben. Die Devisen-Ein- und Ausfuhr ist frei. An D-Mark dürfen im Grenzverkehr allerdings nur 10 Mark pro Person eingeführt werden. So heißt es offiziell.
Der internationale Tanz um den goldenen Dollar ist für amerikanische Reisebüros das zugkräftigste Werbeargument. Der Präsident der Panamerican Airways Juan T. Trippe nannte die Ausdehnung des amerikanischen Reiseverkehrs nach Europa den einzigen Weg, die unheilbar aktive Handelsbilanz auszugleichen. Der amerikanische Außenhandel sei ein auf Sand gebautes Haus. Die Riesensummen, die Amerika jetzt für Europa ausgebe, könnten anders nie zurückgezahlt werden.
Nach Trippes Berechnung reisten 1948 ungefähr 2 Millionen Amerikaner ins Ausland. Sie gaben dort insgesamt etwa 900 Millionen Dollar aus. Der amerikanische Fluglinienchef forderte seine Landsleute auf, künftig mindestens 1500 Millionen Dollar jährlich in Europa auszugeben, die sie "sonst doch nie wiedersehen würden".
Der freie Devisenverkehr macht die Schweiz zu dem beliebtesten europäischen Ausflugsziel der Amerikaner. Mit einem 1000-Dollar-Scheck auf eine Bank in den USA lassen sich an ein und demselben Schalter einer Schweizer Bank sprichwörtlich im Handumdrehn 400 Schweizer Franken verdienen. Auf durchaus legalem Wege.
Die Schweiz kennt zwei Dollarkurse: Den Finanzdollar zu 4.30 bis 4.32 Fr. für die Bezahlung von Importen aus USA und den freien Dollar zu 3.85 bis 3.95 Fr.
Eingeführte amerikanische Waren müssen zum Finanzdollar bezahlt werden. Zum gleichen Kurs werden auch die Schecks amerikanischer Reisender eingelöst. Für die grünen Dollarnoten im freien Handel dagegen gilt der niedrige Kurs.
Auf diese Art verleben die Amerikaner billige Ferien in der Schweiz. Zwischen den Engländern und den Eidgenossen bestand ein ähnliches Finanzabkommen mit doppelter Kursnotierung. Das haben die Schweizer inzwischen gekündigt.
Seit einigen Tagen können sich reiselustige Amerikaner schon in New York mit D-Mark-Scheinen eindecken. Deutsche Mark wird in US-Reisebüros zu einem Viertel des offiziellen Umrechnungskurses von 1 Dollar = 3,30 DM gehandelt.
Das New Yorker Reisebüro Weier & Weier hing ein Schild ins Schaufenster "100 Deutsche Mark = 8 Dollar". Diese öffentliche Verkündung eines Schwarzkurses von 12.50 DM für 1 Dollar war sinnvoll mit deutschen Fünf-, Zehn- und Zwanzigmarkscheinen dekoriert.
Die Schwarzgeschäfte mit der D-Mark werden offen über den Ladentisch getätigt. Es gibt in den USA kein Gesetz, das den Besitz oder den Verkauf deutscher Währung in den Staaten verbietet.
Die meisten Käufer sind Deutsch-Ameri kaner aus der 86. Straße, die ihren Angehörigen Geld schicken wollen. Sie kaufen die Deutsche Mark lieber billig in New York, als daß sie auf dem normalen Wege Dollar nach Deutschland schicken, die dann zum Kurs 30:100 eingewechselt werden.
Das Risiko der Beschlagnahme wird oft dadurch umgangen, daß die D-Mark-Scheine in Care-Pakete verpackt werden. Strafbestimmungen für die Verschickung von DM bestehen noch nicht. Als Hauptquelle des DM-Stromes von Europa nach Amerika gilt die Schweiz.
Nach Berichten der "Baseler Nationalzeitung" hat der Rückgang des DM-Kurses in der Schweiz die amerikanische Militärregierung veranlaßt, "wirksame Ueberwachungsmaßnahmen zur Kursstützung der DM im Ausland" zu ergreifen. In verschiedenen Städten Westdeutschlands werden Ueberwachungsstellen für Devisen und Sperrkonten errichtet. Auch die 1947 von General Clay aufgehobene Postkontrolle soll wieder eingeführt werden.
In Frankfurt wird die Uebernahme der Devisenbewirtschaftung durch deutsche Stellen vorbereitet. Der Länderrat plädiert dafür, daß die VfW für Geld-, Kreditwesen und die Devisenbewirtschaftung zuständig sein soll.

DER SPIEGEL 49/1948
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