04.12.1948

Mit England um die Wette

Ohne Hupe, ohne Bremse, ohne Licht
Die Baracken- und Ruinenbewohner am Sportplatz Langenfort im ausgebombten Hamburger Stadtteil Duisbert denken sonntags gern an die Zeiten zurück, als auf dem Sand-Platz vor ihren Haustüren noch Handball gespielt wurde. Seit acht Monaten stören nämlich knatternde Auspüffe britischer Dirt Track-Maschinen ihre Sonntagnickerchen.
In Deutschland sahen es die Sportbehörden nach 1938 nicht gern, wenn Sandbahnrennen gefahren wurden. Ueber die Gründe für dieses "Unerwünscht" gab es nie eine Erklärung.
Nach dem Kriege brachten die Tommies den Dirt Track wieder über den Kanal. In allen größeren Garnisonen bauten sie ihre ovalen Bahnen mit zwei Haarnadelkurven und zwei kurzen Geraden.
Dirt Track ist nur etwas für eisenharte Männer. Auf Mut, Geschicklichkeit und gute Nerven kommt es an. Die Maschinen spielen nur eine Nebenrolle.
Wenn die mit Sturzhelmen und dicken Lederanzügen vermummten Fahrer in die enge Kurve gehen halten sich die Zuschauer am Langenfort-Platz beklommen am Eisengitter fest. Schwarze Asche spritzt auf. Die Hinterräder schleudern. Mit einem Eisenschuh am linken Fuß bremsen die Männer und halten die Balance. Funken sprühen dabei aus dem Boden. In die Geraden geht es mit Vollgas. Vier Runden lang gehen diese Jagden.
Die Tommies bauen ausrangierte Armee-Motorräder für den Dirt Track zusammen. Schutzbleche und Bremsen sind abmontiert. Ebenso alle überflüssigen Schrauben und Verzierungen. Ueber der Achsenlinie muß die Maschine ganz leicht sein. Der Brennstofftank ist nicht größer als eine Bohnerwachsdose.
Zwei Jahre hat die englische Besatzung unter sich Dirt Track gefahren. Städtekämpfe der Garnison beleben das Rennprogramm. Der Hamburger Speed-Way-Club erfuhr sich dabei den besten Ruf. Seine Matadoren McCarhy, Hill und Farr drehten so lange Runden, bis sie in allen Rekordlisten mit Bahnrekorden verewigt waren. Sogar nach Schweden und Dänemark sind sie eingeladen und nicht geschlagen worden.
In den letzten Wochen standen auf den Zuschauertribünen von Hamburg-Duisbert ein paar hundert deutsche Zuschauer mehr als früher. Herbert Drews, einst Deutschlands Dirt Track-Matador, rennt mit den Engländern um die Wette.
Die Zuschauer kennen den 42jährigen aus seiner Glanzzeit vor 15 Jahren. Auch heute geschieht es nur selten, daß er mit seiner leuchtenden Nummer 2 auf dem Rücken nicht als Erster über die Ziellinie fährt.
Als er 1929 zum ersten Male bei einem Dirt Track-Rennen mitmachte, wurde er Letzter. Aber er ist erblich mit einem ausgeprägten Ehrgeiz belastet und probierte weiter. Schon im nächsten Jahr durfte er sich nach Saison-Schluß den "Goldenen Helm" aufsetzen. Den gab es für den nach Punktwertung ermittelten Jahresbesten.
Insgesamt fuhr er sich auf allen europäischen Rennstrecken mehr als 500 Preise zusammen.
An seiner Dirt Track-Maschine mit eingebautem 350-ccm-Jap-Motor bastelte Mechanikermeister Herbert Drews zwei Jahre lang herum. Nun ist sie tip-top in Ordnung. Die Hinterradfederung bestaunen die englischen Kollegen jeden Sonntag neu.
"Das Ganze ist mein Sonntagsvergnügen", sagt Drews. Er bekommt keinen Pfennig für seine aufregenden Fahrten. Auch für Benzin, Ersatzteile und Versicherung muß er selbst aufkommen.
Vorläufig brausen nur Herbert Drews und der 20jährige Reinhold Möller (das ist Drews Lehrling im Beruf und auf der Bahn) für die deutschen Farben um die 400 Meter lange Aschenbahn. Aber die Engländer möchten gern, daß noch mehr mitfahren. An alle deutschen Dirt Track-Fahrer ist deswegen eine Einladung ergangen, am 12. Dezember auf der Hamburger Langenfort-Bahn bei einer großen Veranstaltung dabei zu sein.

DER SPIEGEL 49/1948
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