04.12.1948

It's a long way

Melden Sie Seiner Majestät
Sieg in Ordnung!" sagte der Steward. Weltrekord-Jockey Gordon Richards stieg von der Waage. Mit dem Vollblüter Sicaro hatte sich der ehemalige Bürojunge auf der englischen Galopprennbahn Lingfield-Park zum 21. Male das Championat der britischen Flachrennreiter geholt. Von allen Seiten stürmten die Gratulanten auf den kleinen Mann los.
Vor 30 Jahren lebte Gordon Richards als Botenjunge in Oakenham. Sein Vater, ein Grubenarbeiter, hatte den leichten, schmächtigen Jungen als Laufburschen in das kleine Kaufhaus des Landstädtchens gesteckt. Bis ihm zwei Arbeitskolleginnen eines Tages eine Zeitungsanzeige unter die Nase hielten: "Das ist etwas für Dich, kleiner Gordon". In Newmarket wurde ein Stalljunge gesucht.
Ein paar Tage, nachdem Gordon einen Brief mit dem schüchternen Angebot seiner Dienste in den Kasten geworfen hatte, wurde er als Stalljunge eingestellt. Frau Seaman hatte gerade ein Zimmer frei. "Jockey will er werden", erzählte sie bald den Leuten in der Straße von ihrem neuen Untermieter.
Der stieg jeden Morgen um drei aus dem Bett, putzte Pferde, mistete Ställe aus und durfte mit 15 Jahren zum ersten Male ein Rennen reiten. Zwei Jahre später ritt er in Leicester auf Gay Lord als Erster durchs Ziel. Und noch ein paar Jahre weiter war Jockey Gordon Richards Champion der englischen Flachrennreiter.
1933 klingelte im Buckingham-Palast ein Telefon: "Hier ist die Rennbahn Liverpool. Melden Sie Seiner Majestät dem König: Gordon Richards hat soeben seinen 246. Sieg errungen. Fred Archers*) Rekord von 1885 ist eingestellt". Majestät hatte die Nachricht erwartet.
Wenig später hielt Gordon lächelnd das Glückwunschtelegramm in der Hand. Auf der Rennbahn war inzwischen so etwas wie eine Panik ausgebrochen. "Wonderman" - so nannte man Gordon, seit er 1933 in Chepstow an zwei Tagen zehn Rennen gewonnen hatte - wurde samt seinem Pferd beinahe erdrückt. Körbeweise flogen die Blumen ins Waagehaus.
Im gleichen Jahr ging in der Nähe der Rennbahn beim Landen ein Flugzeug zu Bruch. Ein Krankenwagen schaffte den sterbenden Piloten ins Hospital. Leicht angeschrammt lief der einzige Passagier über das Feld, ins Jockey-Zimmer hinein, stieg dann aufs Pferd, ritt und siegte. Es war Gordon Richards.
1946 hat er 3000mal gewonnen. Am 10. November 1947 reitet er in Leicester auf Twenty-Twenty seinen 260. Sieg in einer Saison. Als er mit seinem Pferd zurückkommt, feiern tausende singend diesen neuen Rekord: "It's a long way to Tipperary ..." Als Richards offiziell gefeiert werden soll, ist er plötzlich verschwunden. Seine Bewunderer können ihn gerade noch in Empfang nehmen, als er aus dem Fenster des Rückgebäudes springt, um nach Hause zu fahren.
"Zu Hause" heißt bei Gordon Richards ein Landhaus, eine Frau, drei Kinder, Diener und Sekretär, ein Rolls-Royce und eine große Schweinefarm. Er verdient gerade dreimal soviel im Jahr wie Englands Premierminister Clement R. Attlee, 15000 Pfund. Jedes Jahr im Winter fährt er mit seinem Sekretär nach St. Moritz.
Aber wenn er zur Rennwoche in Newmarket ist, dann steigt er Jahr für Jahr in seinem kleinen Zimmer bei der Frau Seaman ab, bei der er als Stalljunge gewohnt hat.
Trotz seiner 3700 Siege hat es Gordon Richards noch nicht geschafft, im englischen Derby zu gewinnen. 20mal hat er in dem berühmtesten Rennen der Welt (vgl. Spiegel Nr. 24/48) geritten.
1947 waren Hunderttausende nur seinetwegen nach Epsom gekommen. Auf Tudor Minstrel, dem heißesten Favoriten, ging Richards an den Start. Im Jockey-Zimmer hatte die Witwe des verstorbenen Meisterreiters Steve Donoghue ihm die Derby-Stiefel ihres Mannes entgegengehalten: "Sie haben Steve immer Glück gebracht, auch im Derby. Versuch es einmal, Gordon". Als das Feld in die Einlaufgerade stürmte, flog Frankreichs bester Vollblüter Pearl Divar an Gordon vorbei.
"Gordon geschlagen", schrieben die englischen Zeitungen zum 23. Male in ihren Derby-Schlagzeilen. Erst in zweiter Linie las man den Namen des Siegers.
45 Jahre ist der schwarzhaarige Engländer alt, und zehn Jahre will er noch reiten. Wenn möglich, bis zum 5000. Sieg - oder zum ersten Derby-Erfolg.
*) Fred Archer war der bedeutendste Rennreiter der Welt. Er stellte 1885 mit 246 Siegritten einen Jahresrekord auf. 1886 verübte er in einem Anfall von Schwermut, nach dem Tode seiner Frau, auf dem Krankenbett Selbstmord.

DER SPIEGEL 49/1948
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