04.12.1948

KIRCHEDas rechte Wort zur rechten Zeit

Drei Mann im Boot
Die Akte "The Archbishop of Canterbury" in den CCG-Büros für "Religious Affairs" kann zu den Akten gelegt werden. Dr. Geoffrey Fisher, Erzbischof von Canterbury, hat Deutschland wieder verlassen. Am 19. 11. 48 flog er von London nach Bad Oeynhausen, am 1. 12. 48 kehrte er über Hoek van Holland zurück.
Dazwischen lagen Empfänge, Besichtigungen, Besprechungen, Predigten, Konferenzen, Vorträge, eine Kirchenweihe, das Ruhrgebiet, Hannover und Hamburg.
Dr. Geoffrey Fisher ist ein Mann von 61 Jahren, mittelgroß und schlank, mit feinem, schmalem Gesicht. Man sieht es ihm heute noch an, daß er in seinen Oxforder Studentenjahren mit Begeisterung und Erfolg ruderte. Er ist ein Mann, der gern lacht und gern Pfeife raucht.
Er hat eine große Familie. Vier seiner sechs Söhne dienten während des Krieges in der Armee. Die beiden anderen saßen damals noch in der Schule.
Der Amtssitz des Erzbischofs liegt in dem verträumten Landstädtchen Canterbury, westlich von London. Dr. Fisher besucht ihn nur zweimal im Jahr. Sonst lebt er in dem düsteren, bombenverheerten Lambeth Palace in London, direkt an der Themse. Dort wurde auch im Sommer die große anglikanische Kirchenkonferenz abgehalten, an der sich 327 Kirchenfürsten aus aller Welt beteiligten.
Die Politik überläßt Dr. Fisher nach Möglichkeit der streitbaren Nummer 2 der anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von York, Dr. Cyril Garbett. Nur einmal hat er selbst dieses Jahr im Oberhaus in eine Streitfrage eingegriffen: als er der sozialistischen Regierung sagte, es gebe heute dringendere Probleme als die Reform des Oberhauses.
Das Hauptinteresse des anglikanischen Kirchenfürsten gilt neben der Straffung der kirchlichen Organisation in England selbst der engeren Zusammenarbeit mit anderen Kirchen. Darum sein Besuch in Deutschland.
Dr. Fisher hat die gesegnete englische Gabe, über ein ernstes Thema mit Witz, Humor und einer guten Portion "common sense" zu sprechen, jenem gesunden Menschenverstand, bei dem im rechten Augenblick das rechte Wort fällt. Er bewies sie auch während seiner Deutschland-Fahrt.
Eine Zuhörerschaft, vor der er sprach und die sich auf Ernstes gefaßt gemacht hatte, überraschte er aufs angenehmste. Es kennzeichnet die Art seines Vortrags, von dem er sagte, er solle keine Predigt sein, daß er eine muntere Geschichte einflocht:
"Es saßen einmal drei Mann in einem Boot: ein Faschist, ein Kommunist und ein Gewerkschaftsführer. Das Boot schlug um. Der Faschist konnte nicht weit schwimmen, er mußte seinen rechten Arm zum Gruß hochhalten. Der Kommunist kam auch nicht weit, er konnte seinen Mund nicht halten. Der Gewerkschaftsführer schwamm mit kräftigen Stößen auf die Küste zu, es sah ganz danach aus, daß er die Küste erreichen würde. Da ertönte um 12 Uhr die Werksirene zur Mittagspause."
Dr. Geoffrey Francis Fisher ist der 97. Erzbischof von Canterbury, seit 1945. Als solcher und damit als Oberhaupt der anglikanischen Kirche der ganzen Welt führt er den amtlichen Namen Geoffrey Cantuars. Bis 1945 war er Bischof von Chester.
Dr. Fisher war ursprünglich Schulmann, Direktor der Public School (also einer Privatschule) von Repton. Als er, ein Mann, der niemals Geistlicher gewesen war, zum Bischof von Chester ernannt wurde, war das eine ungeheure Ueberraschung. Der Vorgang war geradezu beispiellos.
Der Erzbischof hat sich große persönliche Autorität geschaffen und starken Einfluß auf den Klerus, aber er ist keine unnahbare Persönlichkeit. Wenn er nicht gerade die "Times" liest, um sich über die Weltlage zu informieren, schmökert er gern in Detektivromanen.
Den Klerus macht er unglücklich, wenn er bei feierlichen Kirchenprozessionen mit Krummstab und im vollen Ornat plötzlich aus dem Zuge hinaustritt, um mit einem Bekannten zu plaudern.

DER SPIEGEL 49/1948
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