04.12.1948

Professor Read gibt ein Rezept

Frauen um Antonius
Professor Herbert Read aus London sagte gleich, es handele sich nicht um "lauter Meisterwerke". Er sprach von den 70 Bildern, die als erste Nachkriegs-Europa-Ausstellung englischer Malerei via Brüssel nach Düsseldorf gekommen sind. Der König von England hat Pate gestanden für die Ausstellung.
Was sie zeige, sei typisch englisch, sagte Prof. Read weiter, ein schlanker, jugendlicher Herr mit grauen Locken, einer der bekanntesten Kunstschriftsteller Englands. Die Jury habe nach den wenigen "Fällen der Unabhängigkeit" gesucht, nach Malern, die sich aus der Flut ausländischer Einflüsse herausgehalten hätten.
Die Ausstellung, in den lichten Räumen des Düsseldorfer Hetjens-Museum untergebracht, zeigt alle Stilrichtungen moderner Malerei, vom frühen Expressionismus über Kubismus, Surrealismus, Konstruktivismus bis zur extremen abstrakten Malerei. Es findet sich nicht gerade Neuartiges oder Revolutionäres. Kühle und Reserviertheit herrschen vor, in der Darstellung und in den Farben.
Die Sensation der Ausstellung sind die "Reliefs und Bilder" Ben Nicholsons. Der 54jährige, der Studienjahre in London, Tours, Mailand und USA hinter sich hat, schichtet knallig gefärbte Holzvierecke und Kreise rechtwinklig übereinander. Unterschrift: "Relief". Er ist ein leidenschaftlicher Vertreter der Abstraktion. Man sagt ihm nach, daß er in der Konsequenz des Gegenstandslosen Picasso noch übertreffe.
In seinen "Fischen" stellt er allerdings wirkliche Gegenstände dar. Und er wird hier gleich so gegenständlich, daß er der ganzen Bildoberfläche mit winzigen Oelpinselstrichen eine Fischschuppenhaut gibt.
Eine britische Kritik nennt Nicholson einen "Revolutionär reinsten Wassers". In ihm dokumentierten sich "die physischen Grundtatsachen der Welt und die Harmonie der Sphären".
Nicholsons Gegenspieler ist der zwei Jahre ältere Stanley Spencer. Er malte 39/45 im Staatsauftrag Bilder aus dem Kriegsgeschehen. In seiner "Versuchung des Heiligen Antonius" (die Farben knallen dem Betrachter entgegen) hat er auf 1,11 qm Leinwand 13 nackte Frauenleiber höchst naturalistisch gemalt. In verschlungenen Knäueln bedrängen sie Antonius im Marmorsarg. Das Publikum erholte sich am französischen Charme und der duftenden Lyrik der Bilder des Londoner Ivon Hitchens.
Prof. Read kommentierte die Ausstellung und überhaupt die Lage der gesamten europäischen Malerei mit der pessimistischen Feststellung: "Wir befinden uns noch im Zustand eines notwendigen Sterbens".
Die europäischen Künstler zehrten immer noch von der revolutionären Explosion der Jahre um 1910. Aber schließlich seien auch revolutionäre Impulse nicht unerschöpflich. "Künstler müssen grundsätzlich revolutionär sein, es ist schon reaktionär, überhaupt nur stillzustehen".
Prof. Read schloß mit einem Rezept für alle Künstler und Kunstbegeisterten: Intensiv leben und animalisch aufgeschlossen sein für alle Erscheinungen und Wunder der Welt. "Die Erneuerung der sterbenden europäischen Kunst beginnt nicht im Geist, sondern im Fleisch", konstantierte er.

DER SPIEGEL 49/1948
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