04.12.1948

TheaterAdam, Eva und kein Ende

Ach du lieber Gott
Mit präziser Gewissenhaftigkeit schreibt John Boyton Priestley seit 1930 jedes Jahr ein Theaterstück. "Ever since Paradise" hieß Jahrgang 1946. Im vorigen Jahr inszenierte Priestley selbst in London die Uraufführung.
Die deutsche Erstaufführung ging in der Mehrzahl vor sich, gleichzeitig in Hamburg, Frankfurt, Lübeck und Nürnberg, unter dem Titel "Seit Adam und Eva". Nach Hamburg hatte Priestley selbst kommen wollen. Er kam nicht, wegen dringender Regiearbeit.
Das Publikum sah sich überrascht einem ganz anderen Priestley gegenüber. Es ist nichts von einem erhobenen Zeigefinger zu bemerken, keine sozialen Probleme werden doziert. Für die Handlung gibt es keinen genannten Schauplatz, heißt es in der Regieanweisung. Sie kann in der ganzen Welt vor sich gehen, aber zwischen den Kriegen. Es handelt sich um das unsterbliche Thema von der Liebe.
Priestley führt es gleichsam in drei Dimensionen vor: auf der Bühne, auf einer Bühne auf der Bühne und zwischen Bühne und Zuschauerraum. In dieser Szenerie stellt er drei Paare vor.
Philipp und Joyce melodramatisieren an zwei Flügeln mit Chopin und moderner Musik von Denis Arundell, was die beiden anderen Paare tun und sagen.
Paar Nr. 2 sind William und Helen. Sie haben beinahe alles hinter sich, aber es ist ein Rest von Liebe und Verehrung geblieben. Sie erklären und kommentieren die Liebesmoritat vom gutbürgerlichen Durchschnittsehepaar Paul und Rosemary.
Die wickelt sich auf der zweiten Bühne ab, das alte Spiel von Adam und Eva. Mit Mondscheinseligkeit, Mißverständnis, Auseinanderleben, Krach, Sichwiederfinden und allem sonstigen Zubehör. Bis zum Anwaltsbüro.
Aus Erklärern und Kommentatoren werden Helen und William zu Mitspielern in Sachen Paul und Rosemary. William zum Beispiel springt als "Major aus den Kolonien", als hilfsbereiter älterer Herr, der verlassenen Ehefrau bei. Helen wird zur Karikatur einer Schwiegermutter, zur Wahrsagerin und zur bigotten und sündigen Freundin.
Im Hamburger Thalia-Theater hatte Arno Assmann inszeniert. Er kennt sich aus in Adam-und-Eva-Affären, in Käutners "Der Apfel ist ab" spielt er den Luzifer. Er siedelte die Geschichte von Paul und Rosemary auf einer flink rotierenden Drehscheibe an.
In Frankfurt, im Kleinen Theater, hatte Fred Rémond sich das Stück vorgenommen. Er als William und Brigitte König als Helen schlüpften aus einer grotesken Rolle in die andere.
Priestleys zierliches Stück um die alte, süße Komödie der menschlichen Liebe ist wie ein Bukett aus Rosen und Dornen, und von einer Ironie, bei der man die Tränen vergißt. Witz und Kälte mischen sich mit Süße und Sentiment. Wenn die Liebe allzusehr schwelgt, sagt William, der Kommentator: "Ach du lieber Gott!"

DER SPIEGEL 49/1948
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