04.12.1948

TheaterEiner muß hängen

Mit Musik von Weill
Eine Europa-Premiere fand in Essen statt: Zum erstenmal auf diesem alten Kontinent ging "Knickerbockers" in Szene, Maxwell Andersons Komödie mit der Musik von Kurt Weill.
Maxwell Anderson ist Amerikaner von Geburt. Kurt Weill ist seit 1933 in Amerika. Die "Knickerbockers" kommen vom Broadway.
Der "Komponist mit revolutionären Tendenzen" hat in Deutschland heftige Premieren gehabt. Seine Oper "Mahagonny" wurde schon vor 1933 in Grund und Boden gepfiffen, seine Drei-Groschen-Oper ist extrem bejubelt und extrem abgelehnt worden. Die Premieren, die Weill in seinen fünfzehn amerikanischen Jahren am Broadway gehabt hat, wurden auch immer mit Spannung erwartet.
"Knickerbockers Holiday" wurde 1938 geschrieben, dreht sich um Politik, Korruption und Liebe, spielt 1647 und ist aktuell. Neben der Bühne erzählt und singt der Schriftsteller Washington Irving (1783 bis 1858), daß er ein Buch schreiben will (was er in Wirklichkeit geschrieben hat). Sein Stoff: das Leben in der holländischen Siedlung, aus der New York entstanden ist. Der Vorhang geht auf: der Stoff erscheint auf der Bühne.
Der Knickerbockerstadtrat ("Knickerbockers" ist der Spitzname der ersten New Yorker) ist ein bequemer Kreis von sieben bartgrauen Männern, die ehrbar tun, aber ihren Geldsack im Auge haben. An Besuchstagen des Gouverneurs verurteilen sie unschuldige Bürger zum Galgen, weil an Besuchstagen traditionsgemäß einer hängen muß. Meistens ist es einer, der über den korrupten Rat zu viel weiß.
Der neue Gouverneur Stuyvesant, ein gewaltiger Mann, will den dummen Schlendrian beenden und ein neues Regiment einführen. Die Steuern werden abgeschafft, außer denen, die ihm nützlich erscheinen. Jedem wird sein Leben garantiert, außer Leuten, die er des Lebens nicht wert hält. Kein Zwang wird ausgeübt, es sei denn, er oder einer seiner Offiziere befiehlt ihn.
Das ahnungslose Volk jubelt, aber der Gouverneur wittert Opposition. Unter den Jasagern ist Brom Broeck, ein braver Bursche, der keinen Befehl vertragen kann. Stuyvesant bringt den Quergeist an den Galgen, obwohl Brom ihm einmal das Leben gerettet hat.
Unterm Galgen erklärt Brom in einer großen Abschiedsrede, der untaugliche, korrupte Rat sei tausendmal besser als die tüchtige, kluge, lasterhafte Tyrannei des Gouverneurs. Der Knickerbockerrat nimmt Brom die Schlinge vom Hals und fordert seine alten Rechte wieder.
Der Gouverneur will nicht abtreten. Aber Washington Irving redet ihm gut zu und erinnert ihn an die Nachwelt. Die würde nicht gut vom Diktator denken.
Das ist Maxwell Andersons Geschichte. Kurt Weills Musik bringt Temperament hinein. Sie variiert vom Swing über Walzer und Rumba bis zu Marschfetzen und Indianergeheulklamauk. Sie ist so aggressiv wie die Dreigroschenopern-Musik, vielleicht eine Idee weniger frech, aber noch frech genug, um die Texte aufzupulvern.
Gouverneur Stuyvesant kam als Urdiktator mit Hitler-Bärtchen, Mussolini-Glatze, Halskrause, Nachmittagssakko und Frackhose. Ernstwalter Mitsulski hält die Rolle für die beste seines Lebens.
Chefdramaturg Klaus Heydenreich hatte inszeniert. Die Vier-Mann-Band Fred Embés musizierte ausgelassen an Klavier, Akkordeon, Schlagzeug und Baß. Mitglieder des Essener Orchesters hatten acht Tage vor der Premiere die Instrumente eingepackt. Weill war ihnen zu toll.
Die Zuschauer waren aus dem Häuschen. Ein paar waren böse. Wegen der trefflichen Karikierung und der hotgepfefferten Exerzierplatz- und Parade-Parodie und überhaupt.

DER SPIEGEL 49/1948
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