04.12.1948

TheaterSchwein in allen Dialekten

Eines Dichters große Liebe
Die Herren Thierbach und Neuhaus haben etwas Neues in der Retorte. Mit "Schweinefleisch in Dosen" trafen sie ins Schwarze. Mit "Jonny zahlt alles" holen sie wieder zu einem schwankhaft ausgelassenen Wurf aus.
"Schweinefleisch in Dosen", diese tolle Verwechslungskomödie um eine schwarzgeschlachtete Sau, begann seinen animierten Zug über die Bühnen im Berliner Thalia-Theater. Noch in derselben Spielzeit waren 43 Bühnen hinter dem nahrhaften Schweinefleisch-Schwank her, und der NWDR funkte ihn in lachende Stuben.
Inzwischen ist der handfeste Schwank in Serienaufführungen und in allen trizonesischen Dialekten über 62 Bühnen gegangen. Außerdem machten sich einige Dutzend Laienbühnen darüber her. Im Hamburger Ohnsorg-Theater stand er innerhalb Jahresfrist dreimal auf dem Spielplan. Saladin Schmitt in Bochum empfand den Titel offenbar zu aufregend, er gab dem Stück einen neuen: "Ein gut' Gewissen".
Bei Honnef am Rhein hat Fritz Kirchhoff, Lizenzträger und Regisseur des Pontus-Film, "Schweinefleisch in Dosen" durch den Filmwolf gedreht. Aber der Film wird anders heißen: "Schuld allein ist der Wein".
Nachdem die beiden Autoren ihr Schweinefleisch glücklich verwurstet hatten, packten sie die Operette bei den Hörnern. Ihr "Diadem der Kaiserin" wurde inzwischen bei 52 Vorhängen in Aachen aus der Taufe gehoben.
Der neue Schwank, in dem "Jonny alles zahlt", ist die aufregende Geschichte des kleinen Fräulein Susi mit ihrem "amerikanischen" Bräutigam Jonny Walker. In einem Rheinhotel mit sympathischem Wirt wartet sie auf ihn und auf das Ticket nach USA.
Die Komplikationen beginnen, als Jonny und Ticket ausbleiben. Sie steigern sich, als ein behäbiger Herr Schmitz aus Gutmütigkeit die Rolle des Jonny in jovialen Ehren übernimmt und dann der richtige Jonny und Frau Schmitz überraschend auftauchen. Es gibt einen wilden Wirbel von Irrtümern, Verwechslungen und Verdächtigungen, bis "Jonny" als Schwindler entlarvt wird, Herr und Frau Schmitz wieder und der von Anfang an verliebte Wirt und Susi endlich glücklich vereint sind.
"Wer die Leute zum Lachen bringen will, hat sich einen sehr ernsten Beruf ausgesucht", zitiert Paul Neuhaus einen Lustspielkollegen. Er ist es, der seines Partners Thierbach Manuskripte auf die "Apothekerwaage des sprachlichen Gewissens" legt.
Daß er Sprachgewissen habe, bescheinigte ihm vor Jahren sein Hamburger Onkel, bei dem er Kaufmann lernen sollte. "Der Bengel wird nie eine Postkarte schreiben lernen", orakelte der Onkel. Darauf faßte der Bengel den Entschluß, sich literarisch zu betätigen.
Walther Thierbach ist von Hause aus auch kein Literat. Er begann als Schlosser und verdiente sich einen Teil seines Ingenieurstudiums auf Güterzugloks. Mit dem Ingenieurpatent von Anno 26 war wenig anzufangen. Er schwenkte ins Werbefach ein und ging zur Zeitung.
Nach Haltepunkten in Hamburg, Berlin und Frankfurt traf er in Düsseldorf in der Werbeabteilung der Persilwerke mit Paul Neuhaus zusammen. Der wußte um Thierbachs burleske Rundfunkspäße und weckte seine dramaturgische Begabung. Die Schwankbühne wurde um ein siamesisches Zwilling-Autorenpaar reicher.
Thierbach und Neuhaus haben soeben ein neues Operettenlibretto beendet. Es ist eine romantische Operette um "Eines Dichters große Liebe". Der Dichter ist Heinrich Heine. Die Autorenfirma Thierbach und Neuhaus sind auf der Suche nach einem Komponisten für ihr Libretto.
"Wir hätten einen dafür gewußt", meinen die Herren. "Er ist gerade gestorben: Franz Lehàr."

DER SPIEGEL 49/1948
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