04.12.1948

TANZZum Tanzen gestoßen

Fressen und Gefressenwerden
Die Beleuchter der Theater, in denen Dore Hoyer auf ihrer Tournee tanzt, haben Grund, ungeduldig zu werden. Das Ende der Tanzabende und Tanzmatineen Dore Hoyers ist nie abzusehen. Die Zuhörer hören am Schluß nicht auf zu klatschen und erzwingen Vorhang um Vorhang. "Man muß das Licht mit Gewalt abschalten", sagte einer dieser festgehaltenen Beleuchter. Erbitterte Anerkennung sprach daraus.
Es ist gesagt worden, das Interesse für den Ausdruckstanz sei in Deutschland matt geworden. Man hat Lust, dies zu bezweifeln, wenn man an die Orgien des Beifalls denkt, die den Tänzen Dore Hoyers folgen.
Selbst in Städten, deren Bewohner wegen ihrer kühlen Zurückhaltung in einem etwas verrufenen Ruf stehen, geschieht es, daß die Taxe, in der Dore Hoyer nach einer Vorstellung abfahren will, von Begeisterten gestoppt wird. Durch Türen und Fenster strecken die Menschen der kalkweiß geschminkten Frau im Wagen die Hände entgegen.
Die Frau im Wagen lächelt selten. Selbst im prasselnden Beifall wird Dore Hoyers Freude nur in Andeutungen sichtbar. Aber Enthusiasten sagen, in ihren Augen sei stets das geheimnisvolle Lächeln, das "irgendwie" dem undurchdringlichen Lächeln auf den Bildern des Lionardo verwandt sei.
Dore Hoyers Tänze dringen stets weit in das Gebiet der Pantomime vor. Es ist oft Literatur darin, und oft haben Gestalten großer Maler die Anregungen gegeben. Vor allem die Zeichnungen von Käthe Kollwitz geben mancher Tanzszene Gesicht und Profil. Diese Tänzerin will nicht das Schöne an sich, sondern das Interessante, das Intellektuelle.
Sie liebt die Bezeichnung "Tänzerin" nicht, sie will "Medium der Gegenwart" sein. Sie sagt: "Durch die tänzerische Funktion meines Körpers bin ich noch keine Künstlerin. Sie ist nur Mittel zum Zweck, sie dient nur zur Uebersetzung geistiger Absichten."
Immer steht bei ihren Gestaltungen die Idee am Anfang, zu der dann die Musik gesucht wird. Dabei hilft ihr Dimitri Wiatowitsch. Er ist seit mehr als zehn Jahren ihr Begleiter am Flügel und legt Wert darauf, als Jugoslawe angesprochen zu werden. Denn im allgemeinen hält man ihn für einen Russen.
"Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, möchte ich Musikerin werden," sagt Dore Hoyer. Musik ist für sie die höchste der Künste. "Musik ist anonym, das Tanzen auf der Bühne ist durch die völlige Entblößung vor dem Publikum - nicht allein im Körperlichen - doch immer eine gewisse Prostitution."
Für die Frage nach "Schule" und "Vorbildern" hat Dore Hoyer eine abwehrende Handbewegung. Sie will Dore Hoyer sein, und es steckt in der Tat viel Eigenes, Persönlichstes in jedem und jeder ihrer "Tänze und Gestalten".
Sie wurde in Hellerau-Laxenburg, der Schule für Rhythmus, Musik und Körperbildung, ausgebildet. Sie tanzte in Berlin, München, Hamburg, war Ballettmeisterin in Oldenburg und leitet jetzt die frühere Mary-Wigmann-Schule in ihrer Heimatstadt Dresden. "Aber ich bin kein Zonenmensch, ich bin eine deutsche Tänzerin."
Meistens ist sie unterwegs. "Wohnort: auf Reisen". Ein kleiner Koffer mit ihren aus einfachstem Material gefertigten Kostümen, bequem in einer Hand zu tragen, ist ihr Gepäck. "Ich habe nie mehr besessen als meine Kostüme und mein Köfferchen", sagt sie.
Dore Hoyer, groß, schlank, blond, jener Typ, den Frauen, die schöner sind, nicht ohne Neid "interessant" nennen, tanzt seit ihrem 16. Jahr. Dies war überraschend für ihre Familie. Man war dort auf künstlerische Betätigung nicht gefaßt. Dore Hoyer stammt aus einer Handwerkerfamilie.
"Ich muß irgend etwas aussagen", bekennt sie, "und ich sage es durch Bewegung aus. Aber das ist zufällig. Bei einer anderen Entwicklung hätte ich diese Aussage auch als Bildhauerin oder Malerin machen können. Es ist ein Fressen und Gefressenwerden."

DER SPIEGEL 49/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona