04.12.1948

Stars wechseln die Farbe

Schubert spielt Guitarre
Das Kino Madeleine in Paris wimmelte von elegantester Haute Couture und Fracks, sogar ministeriellen. Marcel Pagnol, Mitglied der Akademie, und die Gebrüder Roux, Erfinder, hatten Premiere. Jener mit seinem Schubert-Film "La belle Meunière" (Die schöne Müllerin), diese mit ihrem neuen Farbfilmsystem.
Marcel Pagnol ist sehr beweglich, in- und auswendig. Er ist so beweglich wie die Personen in seinen Theaterstücken, diese vitalen, immer an saftige Blutapfelsinen erinnernden Leute mit Marseiller Dialekt. Pagnol ist ein Landsmann der Personen in seinen Stücken.
Auf den Sitzungen der Akademie, die ihn als ersten und bisher einzigen Vertreter des Filmes aufnahm, äußert sich Marcel Pagnols Beweglichkeit in einem Mangel an Seßhaftigkeit. Die Akademie bestraft ihn dafür, indem sie ihn gern zu ihrem offiziellen Vertreter bei allen öffentlichen Zeremonien, inklusive Beerdigungen, macht.
Pagnol liebt als Südfranzose seine Landschaft über alles. Auf einer Fahrt sah er die alte Mühle von Ignières an der Sarthe und kaufte sie, weil er nur hier die Schubertgeschichte filmen könne. Er modernisierte seine Mühle aus dem 9. Jahrhundert innenarchitektonisch und verlebte hier seine Flitterwochen mit der jungen Schauspielerin Bouvier.
Hier schrieb er seine Antrittsrede für die Akademie und dann auch das Drehbuch für "La belle meunière". Mit freischaltendem Autorengeist läßt er Schubert auf einem Tiroler Ferienaufenthalt die Liebeslieder für die schöne Müllerstochter erfinden, dichten und zur Guitarre improvisieren.
Pagnol hatte den Film schwarz-weiß gedreht, da kamen die Brüder Roux, Armand und Lucien, zu ihm. Sie legten ihm die Frucht ihrer jahrelangen Arbeit vor, ein neues Farbfilmsystem.
Es arbeitet etwa in der Art des Vier-Farben-Drucks. Ein eigens konstruiertes Aufnahmeobjektiv nimmt jede Szene gleichzeitig viermal auf, zerlegt die Farben und verteilt sie auf die vier Aufnahmen.
Durch ein entsprechendes vierteiliges Projektionsobjektiv werden die zerlegten Farben wieder zusammengesetzt, und der wie eine Schwarz-Weiß-Kopie aussehende Film, der nur auf gleichem Raum statt einem vier Bilder hat, erscheint farbig auf der Leinwand. Als Rohfilm dient das übliche, auch für schwarz-weiß benutzte Material.
Pagnol, schnell begeistert, drehte seinen Müllerin-Film noch einmal, im Rouxcolor-Verfahren. Das Madeleine-Kino baute ein Roux-Projektionsobjektiv in seinen Vorführungsapparat ein. Dieses Spezialobjektiv wird mit der Filmkopie von Kino zu Kino reisen.
Die Kritiker sind geteilter Meinung. Einige sagen, das Rouxcolor-System müsse sich im Atelier und bei Nahaufnahmen der Stars noch besser bewähren. Deren Haut nehme in jedem Interieur eine andere Farbe an.
Der "Figaro" schreibt erbittert über die Nachtszenen, die kitschig wie Postkarten wirkten, über die manchmal blauen Schuhe der Akteure und andere Farbmißtöne. Er möchte den ganzen Film am liebsten vergessen.
Das Premierenpublikum klatschte in besonders schön gelungene Farbaufnahmen Szenenbeifall hinein. Insgesamt viermal.
Tino Rossi, der umschwärmte lyrische Star-Tenor, spielt den Schubert. Auch mit Drahtbrille und saloppem Biedermeieranzug konnte er kein Franz Schubert sein. Er sang Schuberts "Lieder an die schöne Müllerin" mit korsischem Akzent. Er blieb Rossi mit Schubert-Liedern.
Madame Pagnol, sehr jung, sehr lieblich, spielte die Müllerstochter. Das Farbfilmobjektiv der Brüder Roux hat sie sehr liebevoll behandelt.
Marcel Pagnol hält das System nach wie vor für eine Erfindung mit größter Zukunft. Die Brüder Roux sind einstweilen in Streit geraten. Armand sagt, er sei allein der Erfinder. Lucien, der geschäftstüchtigere, sagt, er habe den Betrieb aufgezogen, und fordert gleiche Rechte.

DER SPIEGEL 49/1948
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