04.12.1948

MEDIZINMassensterben im Reagenzglas

X 5 im Gepäck
Die Aerzte zweifelten zuerst. Dr. Noster zeigte ihnen auf einer Tagung in Hamburg Aufnahmen, auf denen zu sehen war, wie Krankheitserreger rasant eingingen, unter Einwirkung von X 5. Geschickte Retusche, dachten die Aerzte zuerst. Aber es waren Originalfotos.
X 5 hat eine fast dramatische Geschichte. Während des Krieges war Dr. Karl Noster, Bakteriologe, früher Kinderarzt in Breslau, als Heereshygieniker tätig gewesen. Nach der Kapitulation kam er als Arzt an das deutsche Flüchtlingshospital in der dänischen Stadt Aarhus.
Bei der Untersuchung des Auswurfs einer Flüchtlingsfrau fand Dr. Noster im Mikroskopbild ein Bakterium, das bisher in der Bakteriologie unbekannt war. Es trat auch bei anderen Untersuchungen nicht wieder in Erscheinung. Das kleine einzellige Lebewesen ließ sich in keine bisher bekannte Bakteriengruppe einordnen.
Dr. Noster nannte den kleinen großen Unbekannte X 5.
Nach den ersten Laboratoriumsversuchen fand man, daß X 5 nicht zu den gefürchteten "pathogenen Bakterien" gehört, die eine Krankheit hervorrufen, sondern zu den "apathogenen Bakterien". Die sind die "Bakterienpolizei" zum Schutze des Körpers.
In den Reagenzgläsern setzte ein Massensterben ein. X 5 tötete Diphterie-, Typhus-, Paratyphus- und, was bisher noch nie geschehen war, Tuberkel-Bazillen.
Einige gut verschlossene Gläser mit X-5-Bakterien-Kulturen waren als kostbarstes Gut im Gepäck Dr. Nosters, als er 1946 nach Hamburg entlassen wurde. Dort nahm sich sein Kriegskamerad Emil Sturm, Inhaber einer pharmazeutischen Fabrik, des heimatlosen Heimkehrers an.
Die Instanzenwege glätteten sich. Bei Professor Harmsen im Hygienischen Staatsinstiut in Hamburg wurden die X-5-Versuche in großem Stil fortgesetzt.
Die wichtige Frage war noch offen: Wie würde der tierische und menschliche Organismus auf X 5 reagieren. X-5-Abwehr bekam mit Typhus geimpften weißen Mäusen gut. Kaninchen und Meerschweinchen, die sich für die Tuberkulose-Versuche eigneten, zeigten auch keine organischen Störungen bei X-5-Behandlung.
Dr. Noster wagte den Selbstversuch. Alles ging gut. Dr. Nosters Assistentin bekam eine X-5-Spritze. Alles ging gut.
Inzwischen hatte man entdeckt, daß das Filtrat von Traubenzucker-Fleischbouillon, die mit den Ausscheidungen des Bakteriums X 5 gesättigt war, die gleichen Eigenschaften aufwies wie das Bakterium selbst. Der Weg für die Fabrikation des Heilmittels war frei. Man nannte es Diplomycin.
Die ersten klinischen Versuchskuren mit Diplomycin bei schwerer Lungentuberkulose wurden in zwei süddeutschen Heilstätten durchgeführt. Das Allgemeinbefinden der mit Diplomycin gespritzten Patienten hat sich gehoben. Das Blutbild zeigte eine Heilphase an. Bei einer Patientin haben sich nach sechswöchiger Kur die Kavernen in der Lunge geschlossen. Im Auswurf einiger Kranken hat man zerstörte Tuberkelbazillen gefunden.
Das hat die Ansicht Dr. Nosters bestätigt, daß Diplomycin die gefährlichen Krankheitserreger tötet und nicht nur das Wachstum der Erreger hemmt, wie die Behandlung mit Streptomycin. Auch sollen bei Diplomycin keine störenden Nebenwirkungen auf Organe eintreten.
Als Diplomycol-Salbe schaltet das Heilmittel die Erreger infektiöser Hautkrankheiten aus. Deutsche Dermatologen melden Erfolge. In einem großen Hamburger Krankenhaus wurde z. B. eine nässende Bartflechte nach erfolgloser Behandlung mit Penicillin-Salbe in sechs Tagen durch Diplomycol geheilt.
Auch die Chirurgen wurden aufmerksam. Man fand, daß Fisteln, Eiterungen und andere Infektionen nach Operationen mit Diplomycol-Salbe erfolgreich behandelt werden konnten.
In dem grauen Betonkoloß des früheren Gefechtsbunkers auf dem Heiligengeistfeld, in dem die Laboratorien der Pharmazeutischen Fabrik von Sturm und Co. sind, füllen sich Ampullen mit Diplomycin und Salbenbüchsen mit Diplomycol. Im März nächsten Jahres wird die Produktion im großen einsetzen. Eine Streptomycin-Behandlung kostet noch einige 1000 Mark. Eine zweimonatige Diplomycin-Behandlung soll nur etwa 240 Mark kosten.
In Heilstätten und dem Krankenhaus einer rheinischen Großstadt werden neue Versuchskuren beginnen. Dr. Karl Noster will die Kranken nicht enttäuschen, er warnt vor allzu frühen Hoffnungen. Er ist überhaupt zurückhaltend. Er wollte kein Foto von sich zur Veröffentlichung hergeben. Es komme nicht auf ihn an, sondern auf das Diplomycin.

DER SPIEGEL 49/1948
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