04.12.1948

WISSENSCHAFTDie Milchstraße rauscht

Aerger nach tausend Jahren
Auf Neuseeland horchen zwei Männer nach der Milchstraße hinauf. Es sind Radiophysiker, die sich im Auftrage des australischen Wissenschaftsrates an die Arbeit gemacht haben.
Sie untersuchen einen geheimnisvollen Laut von der Milchstraße. Sie wollen jenen Störungen beim Empfang von Kurzwellen auf die Spur kommen, die kosmischen Ursprungs sind, wie man herausgefunden hat.
Herd der gewöhnlichen Kurzwellen-Funkstörungen ist die Erdatmosphäre. Die Störungen gehen aus von den Zonen gewaltiger Luftmassenumlagerung, besonders von der Zone bei Tropengewitter und von den Kaltfronten, wo Gewitter oder stillere Entladungen der Wolkenelektrizität als Schwarzsender elektromagnetischer Wellen wirken.
Man hat gelernt, diese "spherics" mit Funkmeßgeräten über Tausende von Kilometern anzupeilen. Dadurch kann man mitunter die Lage weitentfernter Böen- oder Gewitterfronten genauer festlegen als durch das direkte Wettermeldesystem - jedenfalls über dem Ozean, wo das weitmaschige Netz der Schiffsbeobachtungen für die Fixierung oft nicht ausreicht.
Schon 1932, als man Kurzwellenstörungen mittels Richtantenne verfolgte, entdeckte man ein merkwürdiges Rauschen, dessen Richtung sich mit astronomischer Gesetzmäßigkeit änderte. Eine Region der Milchstraße wurde als Herkunftsort dieser Störstrahlung angepeilt.
Spätere Versuche bestätigten, daß diese "cosmics" aus dem Raume der Milchstraße kommen. Man spricht deshalb auch von galaktischem Rauschen ("galaktisches System" - Milchstraßensystem). Die Musik der Milchstraße wird auf Wellenlängen zwischen etwa 2 und 15 m hörbar. Es ist nicht gerade melodiös, was der Erdenmensch von den Sphärenklängen einfängt.
Im sechssternigen Bilde des Schwans, wo Deneb an der "Gabelung" der Milchstraße als Stern erster Größe hell leuchtet, liegt eine Quelle besonders starker Störungen, zwischen den Sternen Gamma und Delta. Aber die übrige Milchstraße ist keineswegs frei von Herden der kurzwelligen Strahlung.
Ihren Abstand von der Erde kann man nur mutmaßen. Es ist aber kaum zweifelhaft, daß die drahtlosen Wellen, die die mystischen Laute hervorrufen, Tausende von Jahren unterwegs sind, ehe sie die Erde erreichen und dort den Kurzwellenempfänger ärgern. Denn der Mittelpunkt des Milchstraßensystems liegt einige zehntausend Lichtjahre entfernt. Der Andromeda-Nebel, der ebenfalls als Quelle einer schwachen Kurzwellenstrahlung angepeilt worden ist, ein Spiralnebel ähnlich dem Milchstraßensystem, ist sogar 700000 Lichtjahre entfernt.
Die Astrophysiker sind der Ansicht, daß es ein äußerst verdünntes Gas zwischen den Sternen ist, das die kosmischen Kurzwellensendungen abgibt. Dieses "interstellare" Gas besteht wahrscheinlich nur noch aus losen Schwärmen freier Elektronen neben feinsten Atomteilchen.
Nicht bloß die Milchstraße ist in den technischen Apparaten vernehmbar geworden. Auch die Sonne läßt sich hören. Dieses "solare Rauschen" hat man im Februar 1946 von England aus zum ersten Male stärker vernommen.
Auf der Sonne erschien damals eine riesige Sonnenfleckengruppe, wie sie seit vielen Jahrzehnten nicht beobachtet war. Sie wanderte, mit der etwa 27tägigen Sonnenrotation, zwei Wochen lang über die sichtbare Sonnenscheibe. Ebenso lange währte das tagsüber zu hörende Rauschen auf der 2-m-Welle.
Als dessen anfangs rätselhafter Ursprungsort wurde dann mit Funkmeßgeräten von verschiedenen Orten aus die Sonne angepeilt. Der eigentliche Sender war Eruption, die sich als extrem helle Stelle in der Fleckengruppe zeigte. Als sie der Erde gerade gegenüber lag, steigerte sich die Stärke des Rauschens schlagartig um das Vieltausendfache.
Bei der partiellen Sonnenfinsternis am 23. November 1946 in Kanada stellte man fest, daß auch die Sonnenkorona beim solaren Rauschen mit "tonangebend" ist. Das ist der die Scheibe umgebende, hellleuchtende Strahlenkranz, der bei Sonnenfinsternissen sichtbar wird und nach den neuesten Berechnungen eine Temperatur von 500000 bis eine Million Grad hat.
In vorradiotischer Zeit fand der Dichter des Faust-Prologs die feierlichen Worte: "Die Sonne tönt nach alter Weise". Der Kurzwellen-Operateur von heute empfindet das "solare Rauschen" meist als unangenehm lästige Störung.

DER SPIEGEL 49/1948
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