23.12.1948

So Allah will

Tabletten für den Thronfolger
Made-in-England-Haubitzen schossen Salut vor dem Königspalast in Amman. Von der Freitreppe grüßte König Abdullah, Hand an den Turban, seine Truppen. Der neugebackene Doppel-König feierte den eigenmächtig vollzogenen "Anschluß" von "ganz Palästina".
Wenig später traf im Palais Bustan in Kairo eine erklärende Note ein. Empfänger war Seine Exzellenz Abdul Rahman Azzam Pascha, Generalsekretär der Arabischen Union. Die Note brachte neue Sorgen für den Mann der arabischen Einheit. Mit Einigkeit war es ohnehin nie weit her unter seinen sieben Unionisten (Aegypten, Transjordanien, Syrien, Libanon, Irak, Saudi-Arabien und Jemen).
Die eigenmächtige Proklamation des Königs von Transjordanien ist eine klare und schwerwiegende Verletzung der Satzungen der Arabischen Union: Aenderung des nahöstlichen status quo ohne Einverständnis der anderen Unionsmitglieder. Die wohlausbalancierte arabische Waage droht aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Abdullah aber ist wieder einen Schritt weitergekommen. "Der ersten Familie der arabischen Welt gebührt alle Macht im Nahen Osten". Das ist seine Auffassung, die er weder in London noch in Mekka, Bagdad, Kairo oder Amman jemals verheimlicht. Er selbst ist das Haupt dieser Familie der Haschemiden, der direkten Abkommen des Propheten. Sein Vater war jener Hussein, der durch Ibn Saud Scherif-Würde und Residenz in Mekka verlor und dem zu Lawrence' Zeiten ein arabisches Königreich versprochen wurde.
Hartnäckig und methodisch verfolgt Abdullah ausschließlich haschemidische Familienpolitik. Traum und Wirklichkeit stehen sich dabei oft kraß gegenüber.
Als junger Mann war Abdullah Deputierter bei der Hohen Pforte. Doch während des ersten Weltkrieges wirkte er mit Waffen und Intrige gegen seine einstigen türkischen Herren. Großbritannien und seine Arabienspezialisten, von Lawrence bis Philby, setzten auf die Scherif-Familie von Mekka. Ihr moralischer Einfluß wog schwer.
1919 löste Großbritannien sein Versprechen ein. In Damaskus wurde ein arabisches Königreich ausgerufen. London hatte unter den Haschemiden zu wählen.
Colonel Lawrence gab die Zensuren: Familienchef Hussein regierte im Hedschas. Für ihn war das Damaskus-Abenteuer zu gefährlich. Von den Söhnen war Ali zu sauber, Zeid zu kühl und Abdullah zu schlau. Faissal war richtig. Seine Haschemiden-Herrlichkeit dauerte aber nur wenige Monate. Frankreichs Syrien-Mandat löste sie gewaltsam ab.
Abdullah hoffte auf den Irak. Mit wilden Beduinen-Truppen zog er im März 1921 die Hedschas-Bahn nordwärts. "Syrien den Haschemiden!" war der Schlachtruf. Winston Churchill, damals Staatssekretär für die Kolonien, sah Verwicklungen voraus. Vom Semiramis-Hotel in Kairo aus dirigierte er die britische Nah-Ost-Politik.
Der 1. April 1921 wurde das Geburtsdatum des Emirats von Transjordanien. Mit Speck fängt man Mäuse, hieß es im Colonial Office. Abdullah bekam 5000 Pfund Sterling monatlich. Dazu das Emirat aus türkischer Konkursmasse und britischer Mandats-Erwerbung. Die Gegenleistung: Ruhe im Orient.
Hohe britische Besucher kamen in die neue Hauptstadt Amman. Sie wollten nach dem Rechten sehen. Aber Recht gab es inzwischen im Mandat nicht mehr. Die Mißwirtschaft wurde sprichwörtlich. Schließlich rebellierten die Beduinen gegen den "landfremden" Emir. Englands erste Garnitur von Nah-Ost-Spezialisten brachte die Beduinen zur Raison.
Abdullah triumphierte und drängte seinen Vater zum Griff nach der Kalifenwürde, für die die moderne Türkei kein Interesse mehr zeigte. Da schlug der Rivale Ibn Saud, Chef der eroberungslustigen und fanatischen Wababitensekte, zu. Er nahm Mekka. Hussein ging ins Exil und beschloß seine Tage 1931 im Königspalast von Amman.
Abdullah blieb der Mann Londons. Ibn Saud mußte ihm den Rotmeer-Hafen Akaba und einen Korridor zum Irak abtreten. Er wurde mit britischen Goldpfunden getröstet. Dafür stieg Transjordaniens strategischer Wert als:
{[]} Flugstützpunkt erster Ordnung
{[]} Landweg zum Irak und nach Indien
{[]} Brücke für die Oelleitung aus Mossul
{[]} Sicherung des Suez-Kanals.
1946 erlosch das Völkerbundsmandat. Der Emir wurde König. Enge Freundschafts- und Bündnisverträge binden ihn seitdem an England. London und die Iraq Oil Co. zahlen ihm Aufbau und Unterhalt seiner Truppe. Der königlich britische Major John Glubb avancierte zum Pascha und wurde Kommandeur der 15000 Mann starken "Arabischen Legion". Sie ist die bestausgerüstete und disziplinierteste Streitmacht des Nahen Ostens.
Mitte Mai herrschte Hochbetrieb in der transjordanischen Staatsdruckerei in Amman. Ein dreihundert Seiten starkes Weißbuch über das Thema "Groß-syrische Frage" verließ die Pressen. Es war ein politischer Baustein zur Verwirklichung des alten Haschemiden-Traumes eines Groß-Syrien vom Roten Meer bis zum Taurus und vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Völlig anonym dieses Weißbuch, ohne Datum, ohne Herausgeber. Geheimnisvoll auch die Verteilung.
Bei den folgenden syrischen Wahlen und Abdullahs Staatsbesuch in Ankara tauchten die Argumente des Weißbuchs wieder auf. Im August 1947 kamen Sonderkuriere Abdullahs nach Damaskus. Sie überbrachten Vorschläge für einen "Groß-syrischen Nationalkongreß".
Die arabischen Staaten reagierten sauer. Zum ersten Male war von einer Sabotage der Unionspolitik die Rede. Sogar die expansionsfreudige Opposition in Syrien lehnte ab: Groß-Syrien, ja - aber unter republikanischem Vorzeichen. Großbritannien jedoch stand wohlwollend im Hintergrund.
Die Haschemidenpolitik, die von Bagdad aus durch den regierenden Neffen Abdullahs unterstützt wird, ist für orientalische Verhältnisse in der letzten Zeit außerordentlich aktiv geworden. Der König hat seine Fernschachpartien mit amerikanischen Freunden schon seit Monaten unterbrochen. Er hat jetzt dringendere Probleme zu lösen.
Auch seine Frau, die dritte, die der haremsfeindliche Abdullah hat, sieht den jetzt 59jährigen König zwischen Frontbesuchen und politischen Besprechungen wenig. Sie nimmt eifrig Tabletten, die ihr der italienische Chefarzt des Krankenhauses von Amman, Dr. Tesio, verschreibt, damit sie Abdullah bald einen Thronfolger schenken kann. Er soll - so Allah will - einmal über Groß-Syrien zum Ruhme der Haschemiden herrschen.

DER SPIEGEL 52/1948
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