15.01.1949

Ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen

Das Londoner Ruhrstatut ist ein Sturzbach auf alle östlichen Propagandamühlen. Vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer spitzen sich Kommunistenohren, um das "Kapitalistenhämmern auf den Ambossen der westdeutschen Waffenschmiede" herauszuhören. In verstärktem Arbeitstempo arbeiten die Ostblockstaaten unter Moskauer Regie an ihrem schwerindustriellen Gegengewicht zur Ruhr, dem Industrierevier um das Kernstück Schlesien.
In Warschau tagte der polnische Ministerrat. Abseits vom Lärm der Proteste gegen die Ruhrbeschlüsse und genau einen Tag nach der Verkündung des Statuts.
"Das Leben in den wiedereroberten polnischen Westgebieten unterscheidet sich nicht mehr von dem im übrigen Polen", stellten die Minister fest. Eine separate Verwaltung sei demnach nicht länger erforderlich. Der bisher für die deutschen Gebiete zuständige Verwaltungsrat wurde aufgelöst*).
Nicht neu. Polen und die Tschechoslowakei sind hauptverantwortlich für die Zusammenlegung der schlesischen Industriegebiete und für den geplanten Bau eines Wasserweges vom Schwarzen Meer zum Baltikum. Beide Pläne sind nicht neu.
Die Idee einer Koordination des schlesischen Industriebeckens kam 1919 einem waschechten amerikanischen Kapitalisten. Der saß 1919 als Oberst und Beobachter des Weltkriegspräsidenten Wilson in Mährisch-Ostrau. Wilsons vorgeschobener Beobachter wollte den schlesischen Zankapfel in neutraler Erde vergraben. Er schlug vor, ein "Belgien des Ostens" zu schaffen.
Das Karwiner, Teschener, Kattowitzer, Dombrowaer und Krakauer Revier sollte mit dem industriellen Hinterland zu einem exterritorialen Gebiet zusammengefaßt werden, um die polnisch-tschechischen Auseinandersetzungen um das Teschener Land zu beenden.
Paris, Warschau, Prag und Berlin brachten den Plan zum Scheitern. Auch Hitler griff ihn zwanzig Jahre später wieder auf. Aber erst die jetzige einheitspolitische Konstellation des Ostens ist dem Bauvorhaben günstig.
1945 lebten die polnisch-tschechischen Differenzen um das Teschener Land wieder auf. Die polnische Regierung begründete ihre Ansprüche auf das reiche Industriegebiet mit dem Hinweis auf den starken Anteil der Bevölkerung (200000 Polen). Das Gebiet sei im übrigen seit der Sudetenkrise 1938 bis zum Kriegsbeginn polnischer Besitz gewesen. Die Tschechoslowakei dagegen pochte auf ihre im Versailler Vertrag anerkannten Besitzerrechte. Das Teschener Land war von 1910 bis 1938 in tschechischem Besitz.
Moskaus kominforme Schiedsrichter vertagten den Streitfall zunächst um zwei Jahre, um ihn am 4. August 1948 in Warschau endgültig beizulegen.
Mehr als an der Ruhr. Der "polnischtschechische Rat für wirtschaftliche Zusammenarbeit" beschloß, das von Kattowitz bis Mährisch-Ostrau reichende Revier gemeinsam und ohne Rücksicht auf die Staatsgrenzen auszubauen. Als künftiges Jahresproduktionssoll für das vereinigte
Wirtschaftsgebiet wurden 120 Millionen t Kohle und 10 Millionen t Stahl veranschlagt. Das ist mehr als die heutige Ruhrerzeugung.
Allein die oberschlesische Kohlenmulde verfügt mit 67 Milliarden t (bis 1000 m Tiefe) über größere Steinkohle-Vorkommen als das Ruhrgebiet mit 55 Milliarden t. Im westlichen Ruhrgebiet sind die Flöze durchschnittlich ein Meter mächtig, in Oberschlesien zwei Meter. In Kerngebieten sind Flöze bis zu 30 Meter nicht selten.
Der Abbau im oberschlesischen Steinkohlenbergbau ist ungleich leichter und ergiebiger als in Westdeutschland. Die 1938er Förderung betrug 2,021 t je Kopf und Schicht gegenüber 1,420 t im Ruhrgebiet.
Neben den riesigen Lagern an Steinkohle enthält das Gebiet eine der größten Zinklagerstätten der Erde, ferner Blei- und Eisenerze. Der Krieg hinterließ eine kaum beschädigte Kalk- und Zementindustrie (etwa ein Sechstel der deutschen Vorkriegsproduktion) und große chemische und Hydrieranlagen.
Die Kreml-Planer haben den Bau von neuen Gießereien und Maschinenfabriken vorgesehen. Auch die Gas- und Elektrizitäts-Gewinnung wollen sie steigern. Bei Auschwitz soll 1952 ein neues Elektrizitätswerk arbeiten.
Bis zum gleichen Termin wird bei Gleiwitz ein neues Eisen- und Stahlwerk gebaut. Es soll jährlich 1,5 Millionen t Roheisen und 1 Million t Stahl liefern. Ein Teil des russischen 450-Millionen-Dollar-Kredits an Polen wird für den Aufbau dieses Großbetriebes verwendet.
Obwohl die Polen schon mehr als 17 Milliarden Zloty in den oberschlesischen Hüttenbau gesteckt haben, sind in dem Bereich Königshütte-Bismarck noch nicht einmal alle Hochöfen wieder angeblasen.
Die hat Rußland. Was dem neuen Riesen-Kombinat fehlt, sind Eisenerze. Aber die hat Rußland. Die gewaltigen ukrainischen Vorkommen im Dnjepr-Kombinat von Kriwoi Rog (mindestens 1,5 Milliarden t Roheisenerz bei 55-67 Prozent Metallgehalt) sind für die Speisung des neuen Industriegebietes vorgesehen. Daneben können auch die billig im Tagebau gewonnenen Erze von der Krim-Halbinsel Kertsch (2,7 Milliarden t Roherzlager) und die Manganerze von Nikopol am Dnjepr herangezogen werden.
Die Sowjets wissen, daß ihr geplantes Industriezentrum ohne ausreichende Verkehrswege nur Stückwerk bleibt. Schlesien ist ein Binnenland mit schlechten Zufahrtswegen.
5200 polnische Arbeiter arbeiten bereits an der 46,7 km langen polnischen Kanalstrecke. Sie beginnt am Gleiwitzer-Kanal in Kosel, läuft am rechten Oderufer entlang und überschreitet den Fluß fast an der tschechoslowakischen Grenze. Das gesamte Verbindungsstück zwischen Oder und Donau ist 322 km lang.
Auf dieser Strecke müssen 240 Meter Höhenunterschied überwunden werden. Dafür stehen bisher 14 Schleusen in den Konstruktionszeichnungen. 10 davon allein auf tschechoslowakischem Gebiet. Jede Schleuse soll gleichzeitig die Durchfahrt eines Schleppers und zweier Schleppkähne zu je 1000 t gestatten.
25000 Arbeitsaktivisten stehen an dem neuen Kanal in Brot und Arbeit. 1954 soll der letzte Spatenstich am Fünf-Länder-Kanal getan sein. Die Baukosten werden mit 800 Millionen Dollar berechnet.
Nach einer Uebergangszeit von fünf Jahren soll die volle Ausnutzung erreicht sein. Als jährlicher Umschlagsverkehr sind 12 Millionen t angekündigt.
Ein zweiter Kanal, der Weichsel-Dnjepr-Kanal, soll die Verbindung zum ukrainischen Dnjepr-Kombinat schaffen. Damit wird das tschechoslowakische Hüttenzentrum Witkowitz mit der polnischen Kohle Oberschlesiens und den russischen Erzen von Kriwoi Rog ebenso verbunden sein wie mit den südosteuropäischen Märkten und der Ostsee.
Der Oder-Donau-Kanal ist das osteuropäische Band zwischen dem vorwiegend industriellen Norden (Polen und die Tschechoslowakei) und dem größtenteils landwirtschaftlichen Süden (Ungarn, Rumänien und Jugoslawien). 180 Millionen Volksdemokraten aus fünf Nationen werden damit zu Kanalanliegern. Nur Bulgarien fehlt der direkte Anschluß.
Ueber Belgrad. Jugoslawien ist von den Kreml-Plänen nicht sonderlich begeistert. Es fürchtet um seine Vormachtstellung als Zugangsland zum Adriatischen Meer. In Moskau wurden die erfolgreichen Verhandlungen über ein britisch-jugoslawisches Handelabkommen mißtrauisch vermerkt. Der Kanal muß im Sande verlaufen, wenn Tito nicht mitmacht. Der Wasserweg geht über Belgrad.
Auch mit den linientreuen Polen haben die Sowjets Kummer. Die polnische Wirtschaft arbeitet ihnen zu langsam. Wenn es so weiterginge, würden 10 Jahre vergehen, ehe auch nur die Voraussetzungen für die Verwirklichung der Pläne geschaffen würden, kam eine Rüge aus Moskau.
Warschau entschuldigte sich damit, daß es nicht möglich sei, genügend Erz aus Schweden herbeizuschaffen. Es fehle an Frachtraum, Transportwegen und Arbeitskräften.
Die nach Oberschlesien umgesiedelten Polen aus Wolhynien und Padolien sind meist Landarbeiter. Sie gehen nur gezwungen in die Industrie und häufig schon nach kurzem Aufenthalt wieder in das Innere des Landes zurück. Der polnische Westen behagt nicht allen.
Die Warschauer Regierung hilft dem Aufbauwillen mit neuen großzügigen Lohnerhöhungen nach. Im Industrie- und Handelsministerium wurden Anfang Januar neue Kollektiv-Lohnabkommen unterzeichnet.
Allein in der Metallindustrie erhöht sich der Mindestlohn um 60 Prozent, der Durchschnittslohn um 25 Prozent. Alle zusätzlichen Vergütungen sind feste Bestandteile des Grundlohns.
Polens Politiker sind über die verärgerte Haltung in Moskau beunruhigt. Sie befürchten, daß die Sowjets der deutschen Ostzone die industriellen Aufgaben im Rahmen der Ostblock-Wirtschaft zuschustern könnten, für die Polen ihnen zu langsam arbeitet.
Kein Potemkinsches Dorf. Die "Ruhr des Ostens" ist kein Potemkinsches Dorf. Das Gebiet ist wirtschaftlich gesund. Ganz Nordwest-Böhmen steht in 62 km Länge und 10 km Breite auf Kohle. Den Hauptnachteil des oberschlesischen Reviers - Mangel an Kokskohle - gleichen die tschechischen Vorkommen im Ostrauer-Gebiet aus.
Die größte Sorge der Administratoren des schlesischen Wirtschaftszentrums ist der Ersatz für die ausgewiesenen deutschen Ingenieure und das technische Personal. Außer den Maschinen kommen auch die meisten Bergwerks- und Hüttenspezialisten aus der Sowjet-Union.
Durch langfristige Zulieferverträge sichern sich die Russen den entscheidenden Einfluß in dem industriellen Aufbauprogramm. Was den Marshall-Planern im Ruhrgebiet recht ist, ist den Molotow-Planern in Oberschlesien billig.
*) "Die Oder-Neiße-Linie ist eine von unserer Partei anerkannte Tatsache", hat der SED-Beauftragte Franz Dahlem beim Vereinigungskongreß polnischer Kommunisten und Sozialisten in Warschau jüngst versichert.

DER SPIEGEL 3/1949
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